Schule des Rades

Arnold Keyserling

Geschichte der Denkstile

5. Das theokratische Denken

Islamische Philosophie

Die islamische Philosophie bedeutet eine Vermittlung zwischen den esoterischen Geheimlehren und der exoterischen Öffentlichkeit.

  • An ihrem Beginn steht Al Kindi, der 800 in Basra geboren wurde und 873 dort starb. Er war der erste arabische Philosoph der Geschichte und wandte sich dem Studium der griechischen Denker zu. Doch sein hauptsächliches Anliegen war die Entwicklung des mathematischen Denkens im Versuch einer Synthese der griechischen, indischen und chinesischen Mathematik. In ihr sah er die Grundlage aller möglichen Wissenschaft und schrieb viele Bücher über Arithmetik, Astrologie, ferner über Optik, Medizin, Meteorologie, Psychologie und Politik.

Obwohl Al Kindi das philosophische Denken der Offenbarung unterordnete, wurde er von der islamischen Inquisition bekämpft und erst nach langen Verhandlungen, in denen er seine Orthodoxie nachweisen mußte, gab man ihm seine beschlagnahmten Schriften und seine Bibliothek wieder frei. Die Mathematik war für ihn die Systematik der Wissensganzheit; der Satz von Kant: Was wissenschaftlich ist, ist gleichzeitig auch mathematisch hätte schon von ihm geprägt worden sein können.

  • Der zweite Philosoph, Ibn Masarra, 883–931, aus Córdoba in Spanien, widmete sich dem Versuch, die gnostischen dualistischen Geheimlehren mit der Esoterik der Drusen und Jesiden zu vereinen. Der Mensch ist durch die Geburt an die Welt verhaftet und muß aus eigener Kraft den Weg zum Schöpfer zurückfinden. Diesen Rückweg ermöglicht ihm das in Mohammed offenbarte Urlicht, das ihn der materiellen Welt überlegen macht. Den besten Weg zur Erreichung dieser Überlegenheit sah Ibn Masarra in der Bildung geistiger Bruderschaften; denn nur gemeinsam könne man sein Leben einer Strebensrichtung unterordnen und die Kraft gewinnen, auf dem eingeschlagenen Weg zu beharren.
  • Der dritte Denker, Al Farabi, wurde 872 in Turkestan geboren und starb 950 in Damaskus. Er war der Begründer der arabischen Logik und Erkenntniskritik, die er auf aristotelischer Grundlage entwickelte. Auch für ihn war die Voraussetzung aller Erkenntnis die Erleuchtung durch Gottes Geist über den Propheten. Aus dieser Erleuchtung sollte aber das Denken als selbständige Funktion mit eigenen Kategorien und Gesetzen entwickelt werden.

Seine Lehre war dialektisch: alles stammt aus Gott und fließt über den Logos kreisförmig zu ihm zurück. Um an Gottes Leben im Denken teilzuhaben, gilt es, nach den Geboten der islamischen Ethik zu leben, die aber der gedanklichen Einswerdung, der Erleuchtung unterzuordnen seien.

Abstrahierendes Denken und Erleuchtung als Teilhabe an Gottes Geist stehen einander gleichberechtigt gegenüber. Die Sphäre Gottes ist dem Denken zugänglich als der Ort der Null, der Potentialität, aus dem die Wirklichkeit stammt und in die der Mensch als höchste Manifestation der Wirklichkeit im Denken wieder zurückkehrt. Wenn er auf diese Weise seine Vernunft entwickelt, dann erlangt er die Unsterblichkeit, die er nicht mehr verlieren kann.

  • Der vierte Denker, Alhazen, wandte sich im Einklang mit den Zahlenprinzipien der Erkenntnis des Zusammenhangs von Vorstellung und Substanz zu. Er wurde 965 in Basra geboren und starb 1039 in Kairo. Obwohl auch er viel der griechischen Philosophie verdankte, legt er die Grundlage des empirisch-wissenschaftlichen Denkens, die auf Roger Bacon großen Einfluß haben sollte und ihn zur Formulierung seiner Erkenntnistheorie anregte. Sein Hauptaugenmerk richtete er auf die Optik, die Physiologie des Sehens; als erster führte er Farbuntersuchungen durch und erfand die arabischen Äquivalente der beiden Begriffe Assoziation und Apperzeption, die in der europäischen Wissenschaft erst 1890 durch Georg Elias Müller eingeführt wurden.
    • Assoziation bedeutet bei ihm das Inbeziehungsetzen von Dingen und Vorstellungen und umfaßt in einem Begriff Kausalität und Analogie; die Vorstellungen können sich sowohl nach dem Gesetz von Ursache und Wirkung als auch nach dem der Ähnlichkeit miteinander verknüpfen.
    • Apperzeption bedeutet eine Wahrnehmung, bei der sich der Erkennende vom Vorgang des Erkennens unterscheidet; er ist sich also im Sehen bewußt, daß er sieht und gleichzeitig das Gesehene wahrnimmt.

Der Grund dafür, daß der Begriff der Apperzeption erst so spät wieder dem abendländischen Denken einleuchtete, war der Verlust der Funktion des Empfindens. Diese, als Wahrnehmung der Wirklichkeit wie sie ist, war der lateinischen Dreiteilung Denken-Fühlen-Wollen zum Opfer gefallen; und erst die Helmholtzschen und Heringschen Untersuchungen der Sinnesphysiologie machten es unumgänglich notwendig, das Empfinden als Realitätsfunktion wieder einzuführen.

  • Der fünfte Denker, Ibn Sina, der als Avicenna im Abendland berühmt wurde, lebte von 980-1037 und zwar ein Schüler des Al Farabi. Er studierte Theologie, Philosophie und Medizin. Doch der fünffältige gesunde Mensch, und damit die Heilkunst, blieb im Vordergrund seines Interesses. Er vertiefte die traditionelle griechische Heilkunst um den Zusammenhang zwischen Gesundheit und Heiligkeit, empirischer Medizin und theologischer Seelenheilung. Sein Interesse erstreckte sich auf alle Gebiete des Wissens, und er stand mit vielen Gelehrten seiner Zeit in engem Kontakt. Seine über hundert Bücher waren von der islamischen Orthodoxie wegen ihrer Nähe zur griechischen Philosophie verfemt, genossen jedoch bei den esoterischen Bruderschaften und später auch in Europa großes Ansehen.
  • Der sechste Denker, Al Gazali, lebte von 1058 bis 1111. Er stammte aus dem Nordosten Persiens und widmete sich von Anfang an dem Studium der Rechtsfragen. Gleichzeitig aber begann er sich mit der Mystik zu beschäftigen und kam mit dem Sufi-Orden in Berührung. In der Folge zog er sich einige Zeit als Eremit in die Einsamkeit zurück; dort wurde ihm eine echte mystische Schau zuteil, in der er die Liebe Gottes als einziges und echtes Subjekt des Handelns erkannte. In der Ethik fand er die Brücke zwischen Recht und Mystik. Da Gott für ihn die Urperson, den Urgrund aller echten Subjekthaftigkeit darstellte, lehnte er die mechanische Kausalität und viele Theorien der aristotelischen Philosophie ab. Er schrieb ein Buch unter dem Titel Die Zerstörung der Philosophie. Als einziger der neun Denker fand er den ungeteilten Beifall der Orthodoxie. Seine Lehre gipfelte in der These, daß nur über ein Subjekt und damit über die Mitwirkung der Person, deren Wurzel der persönliche Gott ist, der Mensch wirklich für sein Handeln verantwortlich werden und auch bei anderen die Verantwortlichkeit erkennen und prüfen kann.
  • Der siebte Denker, Ibn Baddscha, im Abendland Avempace genannt, kam gegen Ende des 11. Jahrhunderte in Saragossa zur Welt. Gemäß der Symbolik seiner Aufgabe, die in der Zahl sieben das Prinzip von Stirb und Werde erkennt, widmete er sich der Erforschung der stufenweise fortschreitenden Befreiung des Geistwesens aus der Körperlichkeit, die er in seinem Buch Leistung des Einsamen beschrieb. 1138 wurde er auf Anstiften eines islamischen Arztes vergiftet.
  • Der achte Philosoph, Ibn Tufail, wurde 1100 in Andalusien geboren und starb 1185 in Marokko. Sei Hauptwerk Der Lebende, der Sohn des Erwachten war ein philosophischer Roman mit einem Robinsonthema: auch in der Einsamkeit entdeckt der Mensch die Prinzipien der Erkenntnis, die mit der offenbarten Religion übereinstimmen. Durch sein Denken über die Wandlungsstufen, über Möglichkeit, Wirklichkeit und Veränderung im Sinne der chinesischen Philosophie erreicht er die innere Freiheit im Erkennen. Er zieht sich auf den Ursprung der Wirklichkeit, den logos spermatikos zurück und erlangt die Glückseligkeit in der Vereinigung mit Gott als Ursprung der Keime. So ist die Religion nicht als Ursache der menschlichen Vollendung zu betrachten, sondern sie gibt nur den Rahmen, in dem sich sein Denken zur Freiheit erhebt.
  • Der letzte und neunte Denker, Mohammed Ibn Ruschd, im Abendland als Averroës der berühmteste arabische Philosoph, wurde 1126 in Córdoba in Spanien geboren und starb 1198 in Marokko. Er knüpfte wiederum am kategorialen Denken und der Dialektik des Aristoteles an. Als einziger der Philosophen polemisierte er gegen seinen Vorgänger Al Gazali, dessen Buch Die Zerstörung der Philosophie er durch Die Zerstörung der Zerstörung beantwortete. Von Anfang an von der Orthodoxie angefeindet, bemühte er sich dennoch sehr, Theologie und Philosophie zu vereinen. Die philosophische Erkenntnis stehe der göttlichen Offenbarung gleichberechtigt gegenüber; beide bilden verschiedene Aspekte der Wahrheit. Das Göttliche kann nicht im Rahmen von Raum und Zeit begriffen werden, sondern nur jenseits davon durch den Akt des Glaubens, der manchmal im Widerspruch zur Vernunft zu sein scheint. Alle Dinge der Welt vereinen in sich Möglichkeit und Wirklichkeit. Die Möglichkeit bedeutet ihren elementaren Aspekt, sie läßt sich in Allgemeinbegriffen erfassen. Die Wirklichkeit bedeutet das Zufällige, die Erscheinungswelt in ihrem Sosein, wie sie sich im Lauf der Weltgeschichte entfaltet hat. Da Offenbarung und menschliche Denkleistung sich gleichberechtigt gegenüberstehen, ist es gleichgültig, bei welcher von beiden man mit dem Streben und Denken anfängt; ob man von der Natur über die Erkenntnis ihrer Elemente, der Universalia bis zum Logos und Gott aufsteigt, oder ob man den Weg der Verwirklichung durch Teilnahme am tätigen Geist über die Offenbarung im Glauben nachvollzieht. Doch sei der Vernunft der Vorzug zu geben, da sich ihre Schlüsse nachprüfen lassen.

Mit der Gleichberechtigung von selbständigem Denken und Offenbarung — wozu bei Averroës noch einige aristotelische Thesen traten, die mit der Theologie unvereinbar waren, so die Lehre von der Ewigkeit der Welt im Gegensatz zur Schöpfung aus dem Nichts — wurde der Boden der islamischen Orthodoxie endgültig verlassen. Die Werke des Averroës wurden verdammt, ja alles philosophische Denken kam nach dem 13. Jahrhundert in Verruf. Dies führte im Islam in eine geistige Erstarrung, aus der die Orthodoxie nicht mehr herausfinden sollte. Doch die esoterische Lehre blieb die Grundlage der islamischen Bruderschaften, bei denen sie bis zur Gegenwart überliefert wurde.

Wesentlich an der islamischen Philosophie ist vor allem, daß sie sich nicht wie die europäische im dialektischen Wechselspiel von These und Antithese entfaltete, sondern im Rahmen des theoretischen Denkens innerhalb der neun Schöpfungsprinzipien blieb; der Mensch erhält über ihre Erkenntnis die Möglichkeit, seinen Willen mit dem Willen Gottes zu vereinen und am Urlicht teilzuhaben. Diese Lehre blieb nach Averroës auf die islamische Esoterik beschränkt. Aber damit war die Wirkung der neun Philosophen nicht erschöpft: an ihr entzündete sich das neuerwachende scholastische Denken im westlichen Abendland, das seine Krönung in den Summen von Albertus Magnus und Thomas von Aquin fand, die bewußt und teilweise wörtlich an die arabischen Lehren anschlossen. Bevor es aber zur Scholastik kam, entwickelte auch das Abendland seine ihm eigene Form des theokratischen Denkens, das sich aber auf den dogmatischen und institutionellen Rahmen beschränkte.

Arnold Keyserling
Geschichte der Denkstile · 1968
5. Das theokratische Denken
© 1998- Schule des Rades
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