Schule des Rades

Arnold Keyserling

Geschichte der Denkstile

6. Das scholastische Denken

Hinayana - Mahayana

Es ist eines der seltsamen Phänomene der Geistesgeschichte, daß die Entwicklung der Denkstile auf der Welt mehr oder weniger gleichzeitig erfolgte, sogar dann, wenn sich keine unmittelbare Beziehung zwischen den Kulturkreisen nachweisen läßt. Dasselbe gilt auch für die Kunststile; man denke nur an die Parallelität der romanischen und gotischen Münster und der indischen Turmtempel. Doch in den meisten Epochen, mit Ausnahme der Zeit um 600 v. Chr., wo es überall zu bahnbrechenden philosophischen Leistungen kam, war eine der Kulturen führend. So war für die Periode von 800 bis 1200 die islamische Philosophie im Vordergrund, während die drei anderen wesentlichen Kulturbereiche Indien, China und Westeuropa sich im scholastischen Denken der Ausarbeitung der im Altertum geschaffenen Kenntnisse widmeten. Erst mit der Hochscholastik kehrte die philosophische Führung nach Europa zurück. Das islamische Denken war deswegen in einem höheren Maße originell als die Frühscholastik, weil die Vorstellung, alles Wissen dem einen Gott über die neun Schöpfungsprinzipien anzugliedern, einen neuen Ansatz bedeutete. Dagegen lassen sich die Anfänge des abendländischen Universalienstreites, der seine Parallele im Buddhismus hat, ebenso wie die sittliche Philosophie der fünf konfuzianischen Sung-Philosophen und die sechs klassischen Systeme der hinduistischen Philosophie als Verarbeitung und Durchdringung früherer origineller Gedankenschöpfungen bezeichnen. Wir wollen nun zuerst die scholastische Entwicklung im Buddhismus, im Konfuzianismus und im Hinduismus verfolgen, um uns danach der europäischen Scholastik zuzuwenden.

Nach der Bekehrung Kaiser Ashokas, 273-233, zum Buddhismus war dieser zur Staatsreligion in Nord- und Ostindien geworden. Damit war der Brahmanismus in den Hintergrund gedrängt, und als Grundlage des Denkens galten die vier Wahrheiten und der achtfache Pfad des Buddha. In diese wurde das ganze philosophische Wissen in mehr oder minder sophistischer Form eingeordnet. Hierzu trat dann mit der weiteren Ausbreitung und Missionierung in Ceylon, im Himalaya und in Hinterindien wohl in Wechselwirkung zur alexandrinischen Theosophie eine Dreieinigkeitslehre, die sowohl auf den Menschen als auch auf die Gottheit Anwendung fand. Der Mensch bestehe aus dem dreifachen Leib Trikaya (dharmakaya, sambhokaya, nirmanakaya) in Entsprechung zu Seele, Körper und Geist, und ihm gegenüber steht der dreifältige Buddha: Dhyanabuddha, Bodhisattva, und der geschichtliche Buddha Sakyamuni.

  • Doch ist die Rolle anders verteilt als in der christlichen Dreieinigkeit, der letzte inkarnierte menschliche Buddha Gautama eröffnete den Weg zur Erleuchtung, steht also in Entsprechung zum Heiligen Geist;
  • der Dhyanabuddha, der nicht inkarnierte Lehrer der Meditation, entspricht der Urkraft und dem Vater;
  • und dem Christus entspräche der Bodhisattva, der zwar die Erleuchtung erreicht hat, aber das Gelübde tut, nicht eher ins Nirvana einzugehen, als bis das letzte Wesen dereinst zur Erleuchtung gekommen sein wird.

Unter dieser doppelten Dreieinigkeit wurde bis in das zweite Jahrhundert alles philosophische Wissen mit religiösem Ritual, magischen Mantras und mystischen Meditationspraktiken verbunden; so unterscheidet eine Schrift des Hinayana 1054 Bewußtseinsstufen, die der Adept auf dem Weg zur Erleuchtung überwinden muß. Im zweiten Jahrhundert nach Christus kam es zu einer Umgestaltung des Buddhismus:

  • die Philosophen Ashvaghosha und Nagarjuna begründeten die Lehre des Mahayana, des Großen Fahrzeugs, die fortan ihren Siegeszug durch Nordindien und Tibet über China bis nach Japan begann,
  • während der Hinayana — das kleine Fahrzeug, welches nur dem strebenden Einzelnen zur Erleuchtung verhilft — sich auf Ceylon und Hinterindien beschränkte.

Die Lehre beider Philosophen findet sich in einer Gruppe von Schriften, die es mit der Vollkommenheit der Erkenntnis zu tun haben. Hierzu tritt als weiteres Werk, von Nagarjuna kommentiert, die Gedächtnissphäre der mittleren Lehre. Diese beiden Lehren begründen einen neuen Ausgangspunkt des buddhistischen Denkens mit dem zentralen Begriff der Leere.

Der ursprüngliche Buddhismus hatte sich auf die psychologische Aussage beschränkt; das ontologische und metaphysische Bedürfnis wurde nicht berücksichtigt, nämlich die Frage, was das Wesen der Wirklichkeit und der Gottheit abgesehen vom menschlichen Bewußtsein eigentlich sei. Die neue Lehre hieß Sunya Vada, Lehre von der Leere. Sie weist jede Aussage über das Daseiende als verkehrt ab, sowohl die Aussage etwas ist als auch die entgegengesetzte etwas ist nicht. Keinerlei Aussage stimme mit der Wirklichkeit überein. In der Folge wird auf sophistische parmenidische Weise scharfsinnig bewiesen, daß alle Sein — und Nichtsein — Aussagen unwirklich sind, weil der Urgrund der Welt sich weder als Etwas noch als Nicht-Etwas erweisen läßt. Er entzieht sich aller begrifflichen Formulierung, und nur derjenige, welcher jenseits dieser Begrifflichkeit gelangt, dabei aber die Schritte zu ihrer Überwindung im einzelnen kennt und auch seinen Schülern zu lehren vermag, wird die echte Erleuchtung erlangen.

Arnold Keyserling
Geschichte der Denkstile · 1968
6. Das scholastische Denken
© 1998- Schule des Rades
HOMEDas RAD