Schule des Rades

Arnold Keyserling

Geschichte der Denkstile

1. Das kosmische Denken

Geologische Evolution

Menschen gibt es auf der Erde seit Millionen von Jahren. Doch die Kontinuität des Bewußtseins als Voraussetzung einer Geschichte der Denkstile ist erheblich jünger: sie umgreift einen Zeitraum von etwa elftausend Jahren, von dem uns die ersten fünftausend nur über Mythen und Sagen, die letzten hingegen in Form einer fortlaufenden Chronik bekannt sind. Eine Geistesgeschichte muß aber früher ansetzen als die fortlaufende Chronik, und selbst als die Mythen und Sagen: sie hat als erstes zu erklären, wieso sich das Denken und das menschliche Bewußtsein überhaupt entwickelt haben. So steht am Anfang unserer Geschichte die Einordnung in die geologische Erdgeschichte, die natürliche Evolution.

Das menschliche Bewußtsein ist das letzte Ergebnis dieser Evolution. Der Zeitraum seiner bisherigen Entfaltung ist im Verhältnis zur Erdgeschichte äußerst gering, da diese vor 2,6 Milliarden Jahren anhub. Das Verhältnis von Evolution und Bewußtseinsgeschichte stellt sich in folgender Ordnung dar:

In der Urzeit bedeckte das Wasser die ganze Erde. Durch Einwirkung des Lichts bildeten sich auf Grundlage des Kohlenstoffes die Urzellen, die aus zwölf Elementen des Meereswassers bestanden und als erste die Kennzeichen des Lebens hatten: die Fähigkeit des Wachstums, des Stoffwechsels, der Anpassung und Bewegung, und schließlich der Fortpflanzung durch Teilung.

Zeit
2.6Mrd.UrzeitIArchaikumUrzelle im Meer
1"IIAlgonkiumBlaualgen, Weichtiere, Schwämme
600Mill.PaläozoikumIIIKambriumFarne, Krebse, Mollusken, Algen
460"IVSilurInsekten
400"VDevonWirbel-Knorpeltiere
320"VIKarbonLuftatmer, Schuppenbäume
260"VIIPermRiesenfarne
220"MesozoikumVIIITriasAmmoniten, Saurier
180"IXJuraFlugsaurier
130"XKreideRaubsäugetiere
60"NeozoikumXITertiärfast alle Säuger, tropische Flora
1"XIIQuartärheutige Fauna, Flora, Mensch


a) Diluviumhomo faber (Eiszeit)
seit11.000 Jahren
b) Alluviumhomo sapiens

Aus dem Archaikum und Algonkium sind keine Fossilien enthalten; diese beginnen mit dem Paläozoikum, wo sich aus den Zellen zwei bestimmte Organisationsformen des Lebens entfalten: die Pflanze und das Tier.

Pflanzen und Tiere entstanden gleichzeitig durch Vereinigung von Zellen zu Organismen. Sie bauen sich auf ähnlichen Zellstrukturen auf. Doch ihre Rolle in der Natur ist grundsätzlich verschieden: die Pflanze ist in Wachstum, Reproduktion, Stoffwechsel und Adaption von den kosmischen Raumzeitfaktoren abhängig; sie bezieht ihre Energie aus den Sonnenstrahlen, mittels derer sie die Synthese der Kohlenwasserstoffe bewerkstelligt. Ursprünglich, vor Beginn des Pflanzenreichs, hatte es in der Erdatmosphäre keinen reinen Kohlenstoff und Sauerstoff gegeben, sondern nur die Kohlensäure, weil diese gleich dem Wasser eine gesättigte Verbindung ist; so konnte nur die Urzelle im Meerwasser existieren. Mit der Entstehung der ersten Land- und Sumpfpflanzen begann über das Blattgrün, das Chlorophyll, die Spaltung der Kohlensäure in Atome. Gleichzeitig bildete sich aus dem freiwerdenden Sauerstoff eine Ozonschicht als Abschluß der Erdatmosphäre, die fortan hauptsächlich die Strahlen des Lichtbereichs durchließ und die lebenstötenden ultravioletten und infraroten Strahlen auf ein Minimum beschränkte. Die hiermit gesteigerte Lichtintensität verstärkte wiederum die Tätigkeit der Pflanzen in der Erzeugung der Kohlenwasserstoffe. So entwickelte sich im pflanzlichen Leben ein Kreislauf, der kosmischen Zeitmaßen folgt: tags nimmt die Pflanze aus der Luft Stickstoff und Kohlenstoff auf und scheidet nachts den Sauerstoff aus. Alle Kohlensäure erneuert sich in etwa 300 Jahren und aller Sauerstoff in 2.160 Jahren. Der Kohlensäurekreislauf steht zum Sauerstoffkreislauf im Verhältnis eins zu sieben, und dieser entspricht einem Zwölftel des Kreislaufs vom Frühlingspunkt im Weltenjahr.

Das Tier bildet den natürlichen Gegenpol zur Pflanze, diese ist fest an den Boden gebunden, ihre Achse ist senkrecht — das Tier ist frei beweglich, seine Achse ist waagrecht. Die Pflanze wird aus kosmischen Zeitmaßen gesteuert; ihre energetische Grundlage ist die Strahlungsenergie. Das Tier dagegen gründet seinen Stoffwechsel auf der Verbrennungsenergie. Es wird aus keimhaften, atomaren Instinkten gesteuert, die sich nach vier Trieben gliedern: dem Nahrungstrieb, dem Sicherungstrieb, Geschlechtstrieb und dem Aggressionstrieb.

T r i e b e

  • Im Nahrungstrieb sind dem Tier bestimmte Pflanzen und andere Tiere zugeordnet, woraus es seinen Körper und Energiehaushalt aufbaut.
  • Der Sicherungstrieb oder die Angst schützt es vor Gefahr. Beide Triebe sind auf gattungsfremde Lebewesen gerichtet. Die beiden anderen beziehen sich auf die eigene Gattung:
  • der Fortpflanzungstrieb auf die Erhaltung der Art
  • und der Aggressionstrieb auf die Verteilung der Individuen im Lebensraum.

Mit seinen vier Trieben ist jedes Tier einer bestimmten Merkwelt zugeordnet; Lebewesen, die nicht in diese fallen, bemerkt es gar nicht; mit anderen, deren Funktion die seinige ergänzt, kann es sogar in Symbiose leben. So unterscheiden sich Pflanzen und Tiere in ihrem Verhältnis zur Wirklichkeit:

  • die Pflanze ist gleichsam makrokosmisch orientiert,
  • das Tier mikrokosmisch; ein Zusammenhang, der für das mythische Denken eine wichtige Rolle hat.

Die Evolution der Pflanzen- und Tierwelt durch die geologischen Zeitalter vom Kambrium bis zum Diluvium erfassen wir mit vier Begriffen: Kreation, Mutation, Adaption und Selektion.

  • Kreation bedeutet die Schöpfung einer neuen Art. So ist die Entstehung der ersten Pflanzen und der ersten Tiere eine Kreation im Verhältnis zu den Urzellen; sie setzt etwas Neues voraus, nämlich die Vereinigung von Zellen zu Organismen. Die Geburt neuer Arten, wie etwa der Saurier und Säugetiere, wollen wir als Kreation bezeichnen, und den Ausdruck Mutation für Wandlungen des Keimplasmas bewahren, die den Rahmen der Art nicht sprengen.
  • Mutation bedeutet also Wandlung der Art durch Veränderung der Erbstruktur. Sie erfolgt sprunghaft, unvoraussehbar; die läßt sich ebenso wie die Kreation auf eine der Natur innewohnende evolutive Tendenz zurückführen. Da die Mutation das Keimplasma wandelt, ist eine Vererbung erworbener Eigenschaften unwahrscheinlich; es sei denn, die Eigenschaften stimmen mit der evolutiven Tendenz überein.
  • Adaption und Selektion, die Fähigkeit der Anpassung und des sich Durchsetzens, bestimmen die Lebensdauer und Form einer Art und Gattung. Wenn die Fähigkeit der Anpassung infolge sich wandelnder Umstände wie des Klimas versagt, oder neue Feinde der Art auftreten, oder sich Entartungserscheinungen einstellen, dann stirbt die Art aus; sie unterliegt, wie Charles Darwin es formuliert, in dem Kampf ums Dasein. Aber auch ohne äußere Ursache können Arten aussterben, deren Lebenspotential erschöpft ist. So behauptet Julian Huxley, daß in den letzten fünfzig Jahren mehr Säugetier-Arten ausgestorben sind wie im davorliegenden Zeitraum seit der letzten Eiszeit; er schließt daraus, daß die Menschen in ihrer augenblicklichen ungeheuren Vermehrung die Rolle der Tiere im Haushalt der Natur übernehmen.

Im Diluvium taucht der Urmensch auf; er bedeutet gleich den Sauriern eine echte Kreation; denn er unterscheidet sich nicht graduell, sondern wesentlich von den letzten ihm ähnlichen Tieren, den Hominiden wie den Affen; es hat sich kein Zwischenglied finden lassen. Vor allem unterscheidet er sich von den Tieren dadurch, daß er aus dem Wachen und Träumen, Triebwünschen und Wahrnehmungen sich eine eigene Welt bildet, die Vorstellung der Assoziationen, und sich dank dieser in der Wirklichkeit behauptet; sie befähigt ihn, Werkzeuge zu schaffen und Triebziele zu verwirklichen.

Die Bewußtheit des Diluvialmenschen, den wir ob seiner Fähigkeit Werkzeuge zu machen als homo faber bezeichnen wollen, hat die vier Koordinaten des Wesenskreises.

Schlafen
Wachen

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Träumen
Reflexion

Die Bildung der Vorstellung ähnelt dem bedingten Reflex des Tieres, wie ihn Pawlow beschreibt: gibt man dem Hund seine Nahrung im Verein mit einem Klingelzeichen, so wird dieser nach einiger Zeit auch Speichel absondern, wenn das Klingelzeichen allein ertönt. Beim Tier ist jedoch die Fähigkeit dieser Art, aus Erfahrung zu lernen, den Trieben untergeordnet. Beim Menschen hingegen ist sie dank der Entwicklung des Großhirns selbständig geworden; in seinem Gedächtnis liegen die Assoziationen verwendungsbereit, und er kann sie zu beliebigen Zielen einsetzen, so zum Bilden von Werkzeugen.

Arnold Keyserling
Geschichte der Denkstile · 1968
1. Das kosmische Denken
© 1998- Schule des Rades
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