Schule des Rades

Arnold Keyserling

Geschichte der Denkstile

6. Das scholastische Denken

Chinesische Scholastik

Der Buddhismus fand um 60 n. Chr. unter dem Kaiser Ming Ti nach China Eingang. Zwar berichtet die Legende, daß bereits 217 v. Chr. ein Mönch Li Fang mit siebzehn Genossen buddhistische Texte nach China brachte, doch hielt diese Legende der geschichtlichen Forschung nicht stand. Die erste verbürgte Nachricht ist, daß im Jahre 65 n. Chr. zwei Mönche, Kasyapa Matanga und Bharana, die Sutra der zweiundvierzig Abschnitte nach China brachten und damit die Periode des ersten Studiums der buddhistischen Geschichte begann, die sehr bald in enge Beziehung zur taoistischen Lehre trat. In der Zeit vom 3. bis zum 6. Jahrhundert, in der das von Kriegswirren zerrissene Reich vergeblich nach Einheit strebte, wurden fast alle wichtigen Texte des Mahayana übersetzt; die Zahl der Übersetzer ging in die Hunderte. Um 400 n. Chr. sollen fast neun Zehntel der Bevölkerung Chinas buddhistisch gewesen sein; jedenfalls zählte eine kaiserliche Schätzung des Nordreiches zwischen 512 und 516 nicht weniger als 13.727 Mönche und Nonnen, sodaß der Konfuzianismus als herrschende Staatslehre den Buddhismus als Bedrohung empfand.

Um 520 kam das entscheidende Ereignis für die geistig künstlerische Entwicklung: der Patriarch Bodhidharma zog aus Indien nach China und brachte die Institution des Patriarchats dorthin. Dieses Patriarchat, dessen achtundzwanzigster Inhaber Bodhidharma war, geht auf den Jünger Kasyapa zurück: Buddha eröffnete ihm die Erleuchtung in der sogenannten Blumenpredigt; er zeigte ihm eine Blume zur Betrachtung und lächelte; Kasyapa verstand ihr Wesen und damit den Sinn des Daseins. Dies gilt als der Beginn des Dhyana-Buddhismus, der in China den Namen Ch’An und später in Japan Zen erhielt.

Die Lehre Bodhidharmas unterscheidet sich vom Ritualismus des Mahayana: wesentlich am Buddha ist die Erleuchtung. Buddhi heißt ja nichts anderes als Erkenntniskraft. Wenn nun Buddha die Erleuchtung erlangt hat und damit zum Erlöser der Menschheit wurde, so ist nicht seine Person und seine Lehre, was immer diese auch sei, von Wert, sondern der Zustand der Erleuchtung, der eine existentielle Wandlung bedeutet: das Durchstoßen von der Vorstellung in die Leerheit, das Nirvana. Auf dem Weg zur Erreichung dieses Durchstoßens ist die Meditation, also das Pflegen der Ruhe und das Anhalten der Vorstellungstätigkeit, des betrunkenen Affen, von Heil. Jegliche intellektuelle Bemühung ist schädlich, wenn man von ihr die Erkenntnis erwartet; nur als Dialektik der Leerheit, des Absurden, kann sie ein Ziel bedeuten. So gibt auch heute noch der Zenmeister Japans nach stundenlanger Versenkung ein Koan, ein absurdes Thema zur Meditation, wie zum Beispiel: Was ist der Ton jeder Hand beim Klatschen der Hände? Ziel ist nur das Erlebnis der Erleuchtung, die mehrere Stufen kennt; und Sinn des nachfolgenden Lebens ist es dann, die errungene Erleuchtung den Schülern zu übermitteln.

Meditation der Leerheit und des Koan ist der eine Aspekt der Lehre; der andere ist der künstlerische Weg wie die Malerei oder die Dichtung, das Bogenschießen, in Japan auch der ritterliche Weg, Buschido. Größtes Hindernis auf dem Weg zur Erleuchtung ist die Scheidung von Körper und Außenwelt, von Subjekt und Objekt. Über die jeweilige Kunst sind die beiden zu vereinen, wodurch nur noch die Leere übrig bleibt. Ihr Erreichen äußert sich als Meisterschaft: die Erleuchtung bedeutet gleichzeitig die Vollendung der Kunst.

Die künstlerische Bemühung des Ch’An ging Hand in Hand mit der Ausbreitung des buddhistisch-taoistischen Mönchstums, in das sich wegen der katastrophalen äußeren Lage immer mehr Menschen zurückzuziehen begannen. Als nun im 9. Jahrhundert die Sung-Dynastie das Reich wieder straff zu organisieren begann, galt der Buddhismus als große Gefahr und fünf Philosophen erhielten die Aufgabe, den Konfuzianismus auf Grund des Buchs der Wandlungen neu als Staatsgrundlage durchzubilden. Damit kommen wir in die eigentliche Periode der chinesischen Scholastik. Vier der Philosophen sind Vorläufer und der fünfte brachte die Vollendung des Systems, das unangefochten bis zur Revolution von 1911 die offizielle Lehre bildete.

Tschou Tön I
Tscheng Hao
Tscheng I
Tschang Tsai
Tschu Hsi
1017-1073
1032-1085
1033-1107
1020-1077
1130-1200

Im Gegensatz zu diesen Philosophen wurde von Wang An Schi ein Staatssozialismus auf empirischer Grundlage vertreten, von dem sich dann die Revolutionen Sun Yat-sens und auch Mao Tse Tungs ableiten sollten.

Konfuzius hatte die Lehre des Buchs der Wandlungen (I Ging) mit ihren fünf Reifestufen, ihren Urteilen und ihrem Orakelgebrauch im mythischen Denkstil für den einzelnen Menschen interpretiert. Ist der Mensch in Ordnung, dann komme auch die Staatsordnung ins richtige Geleise. Die fünf Philosophen versuchten nun die Lehre vom Uranfang Tai Chi, von den Prinzipien Yang und Yin, den Wandlungen und den konfuzianischen Schriften zu einer rituellen und scholastischen Staatslehre auszubauen, der der Einzelne sich fortan einzuordnen hatte. Mit Tschu Hsi wurden die beiden Prinzipien Yang und Yin von naturphilosophischen zu metaphysischen im Sinne des Aristoteles: an die Stelle des Yin trat die Materie Tsch’i, und an die Stelle des Yang das Weltgesetz Li. Beide gehören einem ursprünglichen Zusammenhang zu und verwandeln sich ineinander. In diesem Prozeß hat der Mensch, der zwischen Himmel und Erde, zwischen Weltgesetz und Materie steht, eine integrierende Bedeutung, ihm obliegt es, als Ethiker die Vereinigung der Gegensätze zu vollziehen und das Streben der Natur nach Vollendung in der Kultur zu unterstützen und zu erfüllen. Somit ist das Li nicht nur Naturprinzip, sondern der ethisch ausgerichtete Weltwille.

Das alte mythische System von Yang und Yin wurde durch deren Erhebung zu metaphysischen Prinzipien aus dem mythischen ins scholastische Denken gehoben, und sämtliche Gesetze und Verhaltensweisen wurden in ihrem Sinn kodifiziert. Die Unterscheidung zwischen Edlen und Gemeinen wurde beibehalten. Der Edle stand unter dem Gesetz von Würde und Ehre, der Gemeine wurde nach den Prinzipien von Lohn und Strafe geleitet. Jeder konnte durch Kenntnis der Literatur und Kultur über die Prüfungen zum höchsten Staatsamt aufsteigen, aber auch wieder absinken. Er war darin Teil seiner Sippe: wenn ein Mandarin, ein Beamter, ein Verbrechen beging, so verfiel nicht nur er, sondern auch das Andenken seiner Vorfahren der Ehrlosigkeit. Der Edle mußte sich selbst richten, wenn er seine Verfehlung erkannte. Die höchste Autorität im Reich hatten aber nicht die Beamten, sondern die Zensoren als Wächter der Staatsmoral, vor deren unbestechlichem Urteil auch die Kaiser Achtung hatten. Hierdurch wurde in China eine kontinuierliche Kulturhöhe gehalten, die bis ans Ende der Neuzeit keine Parallele hatte; ein Beamter dieser ethischen Einstellung genügte für zehntausend Untertanen. Die buddhistische Philosophie wurde durch die chinesische Scholastik verdrängt; nur der unphilosophische künstlerische Ch’An Buddhismus blieb davon unbetroffen, und ebenso die gnostischen taoistisch-buddhistischen Geheimlehren, die den Erlösungsweg des Einzelnen betrafen.

Arnold Keyserling
Geschichte der Denkstile · 1968
6. Das scholastische Denken
© 1998- Schule des Rades
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