Schule des Rades

Arnold Keyserling

Geschichte der Denkstile

6. Das scholastische Denken

Übergang zur indischen Scholastik

In Indien stand die ersten Jahrhunderte hindurch die buddhistische Philosophie des Hinayana und Mahayana im Vordergrund, deren hauptsächliche Gegner einerseits die Jainas und andrerseits die Ajivikas waren. Die letzteren leiteten sich von Makkhali Gosala, einem Zeitgenossen Buddhas her. Dieser vertrat eine Evolutionslehre, deren Grundlage ein strenger astrologischer Determinismus war. Jedes Wesen müsse durch vierundachtzigtausend Inkarnationen seinen natürlichen Weg des Aufstiegs bis zur Befreiung durchlaufen und keine persönliche Anstrengung könnte diesen Weg beschleunigen. Daher sei alle Askese und auch alle Meditation von Übel und überflüssig. Ähnlich wie bei den Sophisten in Griechenland hatte sich auch die agnostische Richtung der Ajnanikas und die materialistische der Carvakas herausgebildet, die aber keinen großen Einfluß gewannen. Doch schon während der buddhistischen Hegemonie führten auch die brahmanischen Philosophen den Schritt vom mythischen zum logischen Denken durch. Dies brachte eine Wandlung der Grundbegriffe, die weitreichende Folgen haben sollte. An die Stelle der Trimurti trat in Entsprechung zur buddhistischen Dreieinigkeit folgende Dreifaltigkeit: das transzendente Prinzip Brahman-Atman, der Herr des geschaffenen Universums Ishvara, und die historische Inkarnation Gottes im Avatar. Anstelle der Dreiheit Kama-Artha-Moksha trat der Trivarga Artha-Kama-Dharma, welche drei den Gegensatz zur Erlösung im Prinzip Moksha bildeten. Damit wurde Dharma als religiöses Ziel, das es in der mythischen Dualität Karma-Dharma dargestellt hatte, entwertet. Anstelle der vier Lebensalter im Sinne der Kasten trat nun folgende Ordnung:

  1. der Schüler
  2. der Haushälter
  3. der meditierende Einzelne und
  4. der heimatlose Pilger

Auch hier wurde Dharma als positives Ziel, das seine Entsprechung in den Kshatriyas gefunden hatte, als Wert fallengelassen. Dharma galt nicht mehr als ein Weg der Erlösung, sondern als Folge früherer Handlungen, die zu ihrem natürlichen Ende auslaufen müssen. Moksha blieb das einzige positive Ziel. So machte auch das indische Denken in seiner Art die Wandlung zur Einstellung der Fischezeit durch, indem seit dem 4. Jahrhundert Bhakti als der Weg der selbstlosen Devotion, wie er schon in der Bhagavad Gita bestimmt wurde, die anderen verdrängte.

Arnold Keyserling
Geschichte der Denkstile · 1968
6. Das scholastische Denken
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