Schule des Rades

Arnold Keyserling

Geschichte der Denkstile

6. Das scholastische Denken

Albertus Magnus

Die große Wandlung des Denkens und gleichzeitig die Vollendung der Hochscholastik kam aus dem Dominikanerorden mit Albert Graf von Bollstädt, 1193-1280, Albertus Magnus genannt, und seinem Schüler Thomas von Aquin, 1225-1274, dessen Lehre 1876 abschließend zum gültigen System der katholischen Kirche erklärt wurde.

In Paris war inzwischen die arabische Philosophie bekannt geworden; und in der Nachfolge des Averroës hatte sich an der Artistenfakultät der Universität eine Schule unter Siger von Brabant, 1235-1284, gebildet, die sich der Interpretation der aristotelischen Philosophie widmete. Diese war erstmalig im westlichen Abendland in der arabisch-lateinischen Übersetzung bekannt geworden. Mittels des aristotelischen Begriffs der Entelechie wurde nun eine Lösung des Universalienproblems versucht. Doch gleichzeitig mit der Entelechie wurden auch andere aristotelische und averroistische Gedanken akzeptiert, die für die katholische Lehre eine ernste Gefahr bedeuteten:

  • die These von der Ewigkeit der Welt und der Bewegung, die im Gegensatz zur Schöpfungslehre steht;
  • die Lehre der Einheit des Intellekts in allen Menschen, der Kommunion von Weltseele und Menschenseele;
  • die Lehre von der doppelten Wahrheit, einer religiösen und einer wissenschaftlichen,
  • und schließlich eine Fatum-Lehre, ein kausaler Determinismus astrologischer Herkunft, der die allgemeine Überzeugung der arabisch- westasiatischen Welt gebildet hatte und auch von manchen islamischen Philosophen, allerdings mit Ausnahme des Averroës, vertreten worden war.

Auch in Ägypten und in Rom war die Astrologie zu einer Pseudowissenschaft erstarrt, die auf kausale Weise Wohlergehen und Krankheit, Glück und Unglück vorauszusagen unternahm. Claudius Ptolemäus hatte dagegen versucht, das in ihnen noch wirkende kosmische Denken in eine logische und systematische Form zu bringen. Da diese nun weder von der christlichen noch von der islamischen Theologie aufgenommen worden war, wurde die Astrologie zum Volksaberglauben und als Wissenschaft von einer kausalen Determination des Schicksals mißverstanden. Mit Wiedereinführung des aristotelischen Entelechiebegriffs — der Idee als der dem Einzelwesen innewohnenden Strebensrichtung — bot sich eine Synthese zwischen Kausalität und menschlicher Willensrichtung an, die gut in das averroistische System zu passen schien und die Lehrer der Artistenfakultät befriedigte.

Albertus Magnus nahm die Lehre des Ptolemäus in ihrem ursprünglichen Sinn wieder auf und löste das Problem durch seine Vorsehungs-, Fatums- und Zufallslehre. Um die menschliche Entwicklung zu verstehen, müsse man diese drei Begriffe einführen:

  • Prädestination als die Vorsehung;
  • Fatum, das Schicksal;
  • und Contingentia, der Zufall.

Hieraus ergibt sich folgende Lehre: aus dem Unerschöpflichen jenseits aller Begrifflichkeit — ähnlich dem Nichts des Scottus Eriugena — entsteht die Dreifaltigkeit von Vater, Sohn und Heiliger Geist. Der Vater erzeugt die Einzelwesen, die Entelechie in seinem Denken: diese entstammen also nicht wie bei Aristoteles der Materie, sondern dem reinen Form-Kraft-Prinzip. Kommen sie aber aus der Macht des Vaters in die Wirklichkeit, dann unterliegen sie einer dreifachen Gesetzlichkeit:

  • die göttliche Vorsehung hat von Anfang an, also entelechetisch, ihre höchste Entwicklungsmöglichkeit bestimmt;
  • der Logos zeigt die Faktoren, mittels derer sie zur Vollendung aufsteigen können;
  • und der Zufall bedeutet die mögliche Freiheit und Unvoraussehbarkeit ihres tatsächlichen Verhaltens in der Wirklichkeit.

Im Sohn ist die menschliche Vollendung ein für allemal offenbart und wird über den Heiligen Geist verstanden. Der Sohn ist nicht unter dem Gesetz des Logos, da er ihn selbst, und damit die astrologische Schicksalsbestimmtheit, aus freiem Willen geschaffen hat, um sich darin zu offenbaren. Der Logos als Sitz der platonischen Ideen, und erreichbar über die aristotelische Logik, ist nun aber zweifältig:

  • einerseits bedeutet er den Geist der Sprache
  • und andrerseits die Kräfte des Lebens, die ihre Struktur und Gliederung in der Sonne und den Planeten offenbaren.

Die Sonne bildet das Zentrum der Lebenskraft. Die Lebenskraft wird über die Planeten, ihre Konstellationen und Aspekte in ganz bestimmter Weise gelenkt, welche für die Veranlagung eines menschlichen Charakters, verstanden als besondere Kombination seiner psychischen und physischen Komponenten verantwortlich ist. Je nach Vorwiegen eines der vier Temperamente stellt sich der Einfluß der Lebenskraft auf andere Weise dar.

  • Der Melancholiker, der unter dem Einfluß der Erd-Empfindungszeichen steht, hat den schwersten Weg; er muß seine traurige Stimmung überwinden, die durch den Saturn determiniert ist.
  • Der Sanguiniker, der Denktypus der Luftzeichen, nimmt die Dinge zu leicht und wechselt zwischen jauchzend und betrübt; er muß sich die Beständigkeit einer Strebensrichtung erkämpfen.
  • Der Phlegmatiker der Wasserzeichen, der Gefühlstyp, ist in Gefahr, in die Trägheit zu versinken.
  • Der Choleriker der Feuerzeichen neigt dazu, von seinen Affekten wie dem Zorn mitgerissen zu werden.

So hat jeder Typus seine Aufstiegsmöglichkeit und seine Gefahr.

Durch Studium der Entsprechungen in der Natur, der Alchemie und der Medizin kann der Mensch die Lebenskraft und das Urlicht von den sekundären Schicksalskräften der Planeten scheiden lernen; dies ist der psychologische Sinn der alchemistischen Versuche, aus dem Groben das Feine, das Gold herauszudestillieren. Es handelt sich darum, die ursprüngliche Schöpfungskraft, die aus dem Vaterprinzip kommt, mit der geläuterten Entelechie des Wesens, die ihr Urbild im Sohn erfährt, im mysterium conjunctionis zu vereinen; diese Vereinigung bedeutet die wahre Teilhabe am Heiligen Geist.

Aus diesem Gedankengang löste Albertus Magnus das Universalienproblem gleich einem gordischen Knoten:

  • vom Vater her betrachtet, als Entelechie, ist der Mensch universalia ante rem;
  • vom Sohn her betrachtet, im Bild seiner künftigen Vollendung und im neuen christlichen Namen, den er in der Taufe gemäß dem Vorbild eines Heiligen erhält, ist er universalia post rem.
  • Der Mensch selbst in der Kontingenz seines Wesens, seiner Willensfreiheit wird als universalia in re bezeichnet.

Alle sind vereint durch die Teilhabe am Heiligen Geist, und der Gegensatz zwischen der nominalistischen und der realistischen Auffassung löst sich aus dem Verständnis der Trinität.

Beim Tier unterliegt die Zufälligkeit seines Handelns der Herrschaft der Instinkte; es ist also determiniert. Die Freiheit des Menschen besteht darin, daß er aus den ihm zeitlich und charakterlich möglichen Handlungen, die er über das Denken erkennen kann, jene aussucht, die ihn zur Erlösung führen; der Wille wird also auf stoische Weise aus der Willkür gelöst und im christlichen Weg angejocht.

Arnold Keyserling
Geschichte der Denkstile · 1968
6. Das scholastische Denken
© 1998- Schule des Rades
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