Schule des Rades

Arnold Keyserling

Geschichte der Denkstile

6. Das scholastische Denken

Spätscholastik

Die drei wesentlichsten franziskanischen Philosophen waren Engländer. Roger Bacon, Duns Scotus und Wilhelm von Ockham. Roger Bacon lebte von 1214 bis 1292. Er gilt heute als der Begründer der experimentellen Wissenschaft. Bekannt ist seine Feindschaft gegen überflüssige Hypothesen. Seine Einstellung erinnert mehr an die arabischen Philosophen als an die kontinentale dialektische Tradition: die Werke stellen weniger ein System als ein Kompendium dar. Nicht die Logik, sondern die Mathematik und die mathematische Methode gewährleisten den Zusammenhang seiner Gedanken. Mit dieser Anschauung fand er wenig Anklang bei seinen Zeitgenossen; erst die Philosophen der Neuzeit begannen ihn zu würdigen. Ebenfalls gleich den Arabern machte er nicht den Unterschied zwischen objektivem Wissen und subjektiver Meinung, sondern er betrachtete die objektiven Wissenschaften wie Logik und Physik als Vorstufe jener, die eine Wandlung des Menschen einleiten könnten, wie Alchemie und Astrologie. So trat an die Stelle der Prinzipien Natur und Übernatur des Thomas die Teilung in profane und — wie es dann später in der Renaissance heißen sollte — okkulte Wissenschaften.

Der wesentlichste Gegner des Thomas war der Franziskaner Duns Scotus, 1270-1308, der die realistische Position vertrat. Er wandte sich gegen die Behauptung, daß die Offenbarung nicht aus dem Wissen erreicht werden könnte: das Licht Gottes erleuchte unmittelbar das Verstehen eines Menschen, wenn er sich auf dem Weg zum Heil befindet; und die unsichtbaren Dinge des Reiches Gottes seien in Analogie und mit Hilfe der sichtbaren zu verstehen, die ihnen gegenüber ein Gleichnis oder ein Abbild bedeuten. Hier kam die platonische Mimesis wieder zur Geltung, die Aristoteles vernachlässigt hatte. Ferner sei es nicht nötig, alle Erkenntnisse zu beweisen. Wenigstens drei seien unmittelbar evident:

  1. die Prinzipien des Denkens, die aus sich selbst zu verstehen sind, wie der Satz der Identität, des Widerspruchs und des ausgeschlossenen Dritten,
  2. die Dinge, die uns über die Erfahrung zugänglich sind,
  3. unsere eigenen Handlungen, die eine Brücke zwischen diesen beiden Wissensarten bilden.

Der letzte bedeutende scholastische Denker, Wilhelm von Ockham, 1285-1347, vertrat dagegen den Nominalismus. Er war zuerst ein Schüler und dann ein Gegner von Duns Scotus. Er ist durch einen Satz berühmt geworden, der Ockhams Rasiermesser genannt wird:

  • man dürfe nicht mehr Hypothesen und Substanzen in einem Gedankengang einführen als zu dessen Erhellung unbedingt notwendig sind.

Ockham schuf die endgültige Trennung zwischen logischer und empirischer Wahrheit, die schon in der Analogie des Thomas vorgebildet war:

  • es gebe zwei Arten von Begriffen; einerseits die Namen, die sich auf einen Gegenstand oder eine Verbindung zwischen Gegenständen der Erfahrung beziehen. Bei ihnen habe der Name keine eigene Wirklichkeit, sondern bedeutet eine Beschreibung.
  • Und andrerseits die Begriffe der Logik, die aber von der Metaphysik unabhängig zu gebrauchen seien, also ihre Wahrheit in sich selbst, abgesehen von ihrer theologischen Interpretation haben müssen.

Heute würden wir diese als syntaktische Begriffe bezeichnen. Ockham nannte die Namen für Dinge Begriffe erster Intention, und die syntaktischen Begriffe solche zweiter Intention. Begriffe als Erzeugungsprinzipien oder rationes seminales, die universalia ante rem, seien eine überflüssige Hypothese; alle sprachliche Formulierung sei erschöpfend in den beiden Systemen — also der Logik und der Wissenschaft, wie wir heute sagen würden — auszudrücken.

Dies war nun reiner Nominalismus, der in der Folge zur Verselbständigung der empirischen Philosophie führte. Ockham suchte noch eine Versöhnung mit der theologischen Metaphysik:

  • der Weg zur Erlösung sei nur über den Willen zu erreichen und unterliege den Geboten der Ethik, die man von Logik und Wissenschaft vollständig zu trennen habe.

Auch die dominikanische Richtung wirkte weiter: in ihr finden wir, nachdem der systematische Rahmen des Denkens durch Thomas endgültig fixiert worden war, eine Umkehr zur Lichtmetaphysik und Liebesmystik, so bei den deutschen Denkern Meister Eckhart, Tauler, Seuse und in Holland Ruysbroek. Ihre Auffassung näherte sich der indischen Philosophie. Meister Eckhart bildet die Überleitung zum subjektiven Denken, wir werden ihn im nächsten Kapitel eingehend besprechen. Ruysbroek, Seuse und Tauler, die im Unterschied zu Meister Eckhart keine scholastischen Lehrer waren, wählten dagegen den Weg der Liebesmystik: die Seele sei die Braut Christi und sehne sich nach Vereinigung mit ihrem Bräutigam, die sie durch inbrünstiges Streben und Gebet erreicht.

Die Summe des Thomas die empirische Richtung der Franziskaner und die dominikanische Mystik bildeten die drei Endpunkte des scholastischen Denkens; sie wurden vereint im Stil der Gotik; im Bau der Kathedralen, in der die Weltschau des Albertus Magnus und seiner Schule ihren sichtbaren Ausdruck fand, am reinsten im Freiburger und Straßburger Münster.

Wie die ägyptischen Tempel und Pyramiden den Menschen in das kosmische Denken einführten, so brachte der gotische Dom das Erleben der Geborgenheit in Himmel und Kosmos. Kreis, Dreieck und Viereck waren das Baumaß, in das sich der Dom einordnete, wobei diese nicht tatsächliche Abmessungen, sondern gedachte Formen mit einer bestimmten Toleranz blieben. Die große Rosette über dem Eingang kennzeichnete das Himmelsrad. Der bevorzugte Platz der Krönung Mariens in jedem Dom, der sich aus der Pariser Bauhütte herleitete, versinnbildlichte den Aufstieg des natürlichen Menschen zur Gottesebenbildlichkeit, der aber nicht wie in der theokratischen Romanik und den byzantinischen Kirchen als inbrünstige Einordnung in die himmlische Hierarchie dargestellt wurde, sondern durch Aufzeigen aller Komponenten der menschlichen Entwicklung nach der astrologischen Deutung der geometrischen Himmelsaspekte, von den theologischen Gleichnissen über die Statuen der Heiligen bis zu den mythischen und astralen Symbolen, die aus dem Bauwerk ein Abbild des Kosmos schufen. Hierin fand die kosmische Vision Albert des Großen ihre Verkörperung; und lange noch, nachdem das kosmische Denken aus der Theologie bereits vollständig verschwunden war, bewahrten die Bauhütten das alte Wissen in steinerner Form, bis daß es die Philosophen der Neuzeit, wenn auch in ganz anderer Weise, zu neuem Leben und neuer Gestalt erweckten.

Arnold Keyserling
Geschichte der Denkstile · 1968
6. Das scholastische Denken
© 1998- Schule des Rades
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