Schule des Rades

Arnold Keyserling

Geschichte der Denkstile

7. Das humanistische Denken

Paracelsus

Die Stufenordnung der Alchemie war eines Sinnes mit den Mysterien der objektiven Denkstile. Ihre Wandlung zum subjektiven Denkstil war das Werk des Schweizer Arztes, Alchemisten und Philosophen Theophrastus Bombastus von Hohenheim, 1493-1541, der sich selbst Paracelsus nannte.

Der Grundgedanke des Paracelsus war die Einheitlichkeit des Lebens von Makrokosmos, Mikrokosmos und Mensch, die nicht allein durch die Stufen der Läuterung, sondern auch durch die unmittelbare Erkenntnis des schöpferischen Ursprungs der Natur zu erreichen ist. Er gliederte die Welt nach dem alten Schema: die irdisch-elementare, seelisch-deale und kosmisch-siderische Welt hat ihr Abbild im dreifältigen menschlichen Organismus von Körper, Seele und Geist. Dessen Struktur wurzelt in der Lebenskraft, dem Archeus, den es über die Heilkunst zum Herrscher des Organismus zu erheben gilt. Krankheit und falsches Selbst- und Weltverständnis sind identisch. In ihr verliert sich der Mensch an die Eigenpotenzen der vier Elemente:

  • an die Salamander-Feuergeister
  • an die Sylphiden-Luftgeister
  • an die Undinen-Wassergeister
  • oder an die Gnomen-Erdgeister

Die ganze Natur ist geschaffen, um dem Menschen zu ermöglichen, durch Verwurzelung im Archeus der Irrtümer und Krankheiten Herr zu werden und damit seine Erlösung zu finden. Für jede Krankheit sei ein Kraut gewachsen. Daher gelte es nur die Natur zu studieren, ihre Erscheinungen als Signaturen zu verstehen; die Ähnlichkeit einer Pflanze mit einem menschlichen Organ zeige ihren Heilcharakter. Alle Bücher seien sinnlos. Paracelsus warf, gleichsam als Luther der Ärzte, 1527 in der Johannisnacht in Basel den geheiligten Medizinkanon des Avicenna ins Feuer, worauf er von dort vertrieben wurde.

Das Leben war für Paracelsus ein energetischer Prozeß. Seine Basis seien die drei alchemistischen Substanzen, die es zu harmonisieren gelte:

  1. Sulphur - das, was brennt
  2. Mercurius - das, was raucht und sich verflüchtigt
  3. Sal - das, was als Asche zurückbleibt

Durch den Schwefel werde das Wachstum, durch das Quecksilber die Flüssigkeit und durch das Salz die Festigkeit der Körper gesteuert. Die Schule des Paracelsus wirkte über den Rosenkreuzer Robert Fludd, 1574-1637, in England weiter, der seine Philosophie ähnlich wie Ramon Lull auf geometrische Figuren begründete. Ähnliche Gedanken vertraten Johan Baptista van Helmont, 1580-1644, und sein Sohn. Hieronymus Cardanus, ein genialer Mathematiker, erneuerte die ptolemäische Astrologie. Die wissenschaftliche Untermauerung fand die humanistische Philosophie mit der Wiederentdeckung der pythagoräischen Lehre, daß die Erde eine Kugel sei und um die Sonne kreise; das bahnbrechende Werk des Kopernikus erschien 1543. Auf einer Kugel ist jeder Platz gleich weit vom Zentrum entfernt und gleichbedeutend; so konnte sich auch jeder Mensch als gleich wesentlich betrachten. Die gleichzeitige Ausdehnung des geographischen Horizonts durch die Reisen von Columbus, Magellan und Vasco da Gama wiesen endgültig die Kugelgestalt nach; damit hatte die gotische Weltschau auf allen Gebieten den Rückzug angetreten. Doch die neue Astrologie wurde durch die kopernikanische Revolution nicht in Mitleidenschaft gezogen: in einem sich bewegenden System hat der heliozentrische vor dem geozentrischen Gesichtspunkt keinen absoluten, sondern nur den relativen Vorzug, daß er die Berechnung der Planetenbahnen erleichtert. Die heliozentrische Betrachtung ermöglichte den mathematischen Astronomen und Astrologen — auch Regiomontanus und Kepler waren sich der geistigen Bedeutung der Sonne und Planeten bewußt — viele neue Einblicke und Erkenntnisse.

Arnold Keyserling
Geschichte der Denkstile · 1968
7. Das humanistische Denken
© 1998- Schule des Rades
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