Schule des Rades

Arnold Keyserling

Geschichte der Denkstile

7. Das humanistische Denken

Reformation

Den wesentlichen Anstoß zur geistigen Verselbständigung im religiösen Bereich gab Martin Luther, 1483-1546, mit der evangelischen Reformation. Ursprünglich war sie eines Sinnes mit der humanistischen Bewegung der Renaissance. Wie die Florentiner Akademie auf die platonischen und neupythagoräischen Texte zurückging, griff Luther auf den Urtext der Bibel zurück, den er ins Deutsche übersetzte und damit überhaupt den Stil der deutschen Schriftsprache begründete. Dieser Rückgriff brachte ihn zum Vertreten einer Reihe von Thesen, die im Gegensatz zur katholischen Lehre standen. Er lehnte die Rechtfertigung durch die Werke ab — Werke bedeuteten Gebete, geistige Übungen wie Askese und Wallfahrten — und lehrte die Rechtfertigung durch den Glauben allein. Anlaß hierzu war das Ablaßsystem der Renaissancepäpste: um ihre grandiosen Kirchenbauten zu finanzieren, gaben sie gegen Geldspenden Ablaß von Sünden. Luther lehrte dagegen im Anschluß an die paulinisch-augustinische Auffassung, daß nur der Glaube allein in der schlichten Nachfolge der Evangelien die Menschen selig machen könne. Die Ablehnung der Scholastik seitens der Humanisten wandelte sich bei ihm in Feindschaft gegen die ratio, die er als Hure Vernunft bezeichnete: nicht über das Denken, sondern über die Liebe und das lebendig machende Wort Gottes erreiche der Mensch die Teilnahme an Gottes Wollen. Der menschliche Wille sei nicht frei, sondern determiniert, denn nur in dem Befolgen der Gebote Gottes, der Annahme ihres Joches könne der Mensch seine Bestimmung erfüllen. Die zehn Gebote Moses heißen laut Luther Gebote Gottes, weil der Mensch sie nicht aus eigener Kraft erfüllen könne, sondern nur dank der Mitwirkung des Heiligen Geistes. Anstelle der sieben Sakramente der katholischen Lehre — Taufe, Buße, Abendmahl, Firmung, Ehe, Priesterweihe und Letzte Ölung — erkannte Luther nur noch zwei an: die Taufe und das Abendmahl, weil deren Bedeutung sich dem Verstehen entziehe. (Sie bedeuten die Überwindung der Traumschwelle und der Tiefschlafschwelle.) Die anderen ließen sich begreifen. Die Ehe sei kein Sakrament, sondern ein freier Bund der Menschen zum Zwecke der Fortpflanzung. Die Priester seien kein geheiligter Stand, weil nach der evangelischen Tradition der Urkirche jeder Mensch zum Priestertum berufen sei; daher nehme der Priester mit der Gemeinde das Abendmahl in beiderlei Gestalt als Brot und Wein (Körper und Geist). Auch das Mönchtum lehnte Luther als fremden Einfluß ab, ebenso die gesamte katholische Hierarchie, da sie sich nicht aus dem Evangelium begründen läßt; ja der Papst erschien ihm im Verlauf der weiteren Auseinandersetzung als der Vertreter des Antichrist. Ferner verneinte Luther sowohl das Fegefeuer — dessen Existenz die Basis des Ablaßsystems bildete — als auch die Heiligenverehrung und kam damit zu einem Bekenntnis, das sich wesentlich vom katholischen unterschied. Beichte und Buße wurden abgeschafft. Die Mitte des Gottesdienstes nahm fortan die Predigt als Verkündigung des Wortes Gottes ein und die Gemeinde nahm aktiv, vor allem über den gemeinsamen Gesang, an der Feier teil.

Anstelle der Oberhoheit des Papstes erkannte Luther nach dem paulinischen Spruch Jedermann sei der Obrigkeit untertan, denn alle Obrigkeit ist von Gott die Landesfürsten an, woher sich, schon aus politischen Motiven, viele Prinzen der Reformation anschlossen. Ein letzter Versöhnungsversuch scheiterte; zu Augsburg soll Luther vor Kaiser Karl V. die berühmten Worte gesprochen haben: Hier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir, Amen. Die Auseinandersetzung mit der katholischen Kirche prägte das ganze nächste Jahrhundert, bis schließlich nach dem dreißigjährigen Krieg 1618-1648 die Religionszugehörigkeit nach dem Spruch cuius regio eius religio politisch entschieden wurde.

Gleichzeitig mit Luther wirkte Ulrich Zwingli, 1484-1531, in Basel, der einen mehr humanistischen Standpunkt einnahm. Die größte politische Wirksamkeit entfaltete Calvin, 1509-1564, in Genf: dort begründete er den ersten theokratischen evangelischen Staat, der nicht mehr auf Ritus und Kultus im Verein mit der Hierarchie, sondern auf einer gemeinsamen strikten Moral, dem geordneten Lebenswandel beruhte. Von Luthers Lehre unterschied sich seine Doktrin in drei Punkten: während Luther gleich der katholischen Kirche glaubte, daß Christus leibhaftig während des Abendmahls anwesend sei, hielt Calvin dessen Einsetzung für ein Sinnbild, wie es in den Evangelien hieß: Dies tut zu meinem Andenken. Und während Luther und Zwingli beteten Erlöse uns von dem Übel, übersetzte Calvin Erlöse uns von dem Bösen.

Auch Luther glaubte an die Existenz des Teufels; die Begegnung mit ihm auf der Wartburg während der Bibelübersetzung war sein wesentlichstes Erlebnis. Doch hielt er ihn, als Fürsten dieser Welt, für eine außermenschliche Kraft, mit der man sich nicht einlassen solle und die letzten Endes den Gläubigen nicht schaden könne. Calvin und später die angelsächsischen Protestanten identifizierten den Bösen mit den Feinden ihrer Kirche. Sie hielten sich für Vertreter des guten Prinzips im zaroastrischen Sinn, wodurch sie selbst die größten Grausamkeiten wie etwa Cromwells Ausrottung der irischen Katholiken mit gutem Gewissen begehen konnten. Die Kirche beruhte auf dem inneren Kreis der aktiven Mitglieder, die über das moralische Verhalten der übrigen zu wachen hatten. Entscheidend war Calvins Lehre von der Prädestination, die sich der islamischen Auffassung annäherte: Gott habe von Anfang an bestimmt, wer erlöst sei und wer nicht. Am irdischen Erfolg könne man jedoch erkennen, ob man auserwählt sei, da dieser ein Zeichen der Gnade bedeute. So wurde der Calvinismus zum weltgewaltigen Credo des Frühkapitalismus und näherte sich immer mehr dem alttestamentarischen Vorbild des geheiligten Volkes Israel, das von Gott zur Herrschaft berufen sei.

Die Dreigliederung der christlichen Bekenntnisse in Orthodoxie, Katholizismus und Protestantismus hat sowohl theologische als auch nationale Gründe. Theologisch entstammt sie der Dreifaltigkeit.

  • Die orthodoxe Kirche stellt die Vereinigung mit dem Vater über den auferstandenen Christus in den Mittelpunkt; Dogmen gelten ihr als unwandelbar, werden aber sinnbildlich verstanden. Sie wurde zur Religion der meisten slawischen Völker.
  • Die katholische Kirche hat den Sohn und die Jungfrau im Mittelpunkt; sie konzentriert sich auf die geschichtliche Entwicklung und behielt ihre führende Rolle bei den lateinischen Völkern.
  • In der evangelischen Kirche herrscht dagegen das Wort Gottes und damit der Heilige Geist; die alttestamentarische Moral trat in den Vordergrund. Der Protestantismus wurde zur Religion der germanischen Völker; die mehr feudal und statisch eingestellten skandinavischen und deutschen Länder wählten die Form des Luthertums, bei den bürgerlichen und merkantilistischen Engländern und Amerikanern kam die calvinistische Lehre zur Wirkung.

Luther lehnte im Anfang gleich allen Humanisten die Scholastik und den Aristoteles ab. Da er aber mit Hilfe seines Mitarbeiters Melanchthon, 1497-1560, die Schulen und Universitäten im evangelischen Sinn erneuern wollte, mußte er zur Grundlegung der Theologie, die das Kernstück seiner Reform zu bilden hatte, die aristotelische Lehre wieder berücksichtigen. Melanchthon, einer der gebildetsten Humanisten seiner Zeit, der die gesamte Renaissancephilosophie unter Einschluß des astrologischen Denkens, doch mit Ausnahme der skeptischen Richtungen vertrat, wurde zum Begründer der protestantischen Universitätsreform, in der sich später Philosophie und Wissenschaft in viel höherem Maße frei entfalten konnten als im katholischen Bereich; denn da Luther der Vernunft jede religiöse Bedeutung absprach, konnte es auch keine Vernunfthäresie im scholastischen Sinn mehr geben; und ein Lehramt der Kirche lehnte Luther im gleichen Maße ab wie die anderen evangelischen Reformatoren.

Arnold Keyserling
Geschichte der Denkstile · 1968
7. Das humanistische Denken
© 1998- Schule des Rades
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