Schule des Rades

Arnold Keyserling

Geschichte der Denkstile

1. Das kosmische Denken

Kreuz

Das Kreuz ist anders gelagert als das astronomische der Bewußtseins-Stufen; es tritt ergänzend zu diesem hinzu und findet schließlich seinen Platz im zwölffältigen Tierkreis, der Pflanze und Tier als Ausdrücke des Lebens (Zodiakus kommt von zoon = Lebewesen) zum Gefährt der Verwirklichung des Bewußtseins erhebt.

Das Erwachen des Bewußtseins brachte die erste und auch vollständige Gliederung der Komponenten des Wesenskreises, wenn auch nur in symbolischer und allegorischer Form. Daher wurde die zweite Geburt als Begnadung, Erleuchtung oder magische Wandlung bezeichnet und schien dem rationalen Denken verschlossen. Doch die Anwendung des Denkens auf die Zustände und Gebiete wird uns ermöglichen, diesen ältesten Rahmen des Bewußtseins kritisch zu erfassen und damit die Geschichte der Denkstile aus einer Aneinanderreihung von Philosophemen in eine Klärung des Denkens zu verwandeln.

Für die Bemächtigung zeigen die sieben Komponenten des Wesenskreises eine aufsteigende Ordnung, die in mannigfachen Abwandlungen allen Initiationen zugrundelagen:

0  Das Unerschöpfliche

7  Geist
6  Seele
5  Körper
4  Wollen
3  Fühlen
2  Denken
1  Empfinden

0  Aufmerksamkeit

Wir wollen diese Stufen erst in ihren Entsprechungen durchgehen, und dann als ein Beispiel ihrer Veranschaulichung den Schöpfungsmythos der Navaho-Indianer besprechen.

  1. Die Befreiung des Bewußtseins geschieht durch die Lösung der Aufmerksamkeit aus den Assoziationen: mystisch durch erreichen der inneren Stille ohne Einschlafen, magisch durch Einnahme bestimmter Drogen oder Askese. Die innere Stille ist jedoch nicht Träger des Wollens, sondern Bewußtwerden der Intensität, des Seins.
  2. Ist die Aufmerksamkeit aus der Kette der Assoziationen gelöst, wendet sie sich als erstes den Sinnesdaten zu: Tönen und Geräuschen, Farben und Formen, Gerüchen, Geschmäckern, Tastbarkeiten, die es in ihrem Sosein zu erfassen gilt.
  3. Die Sinnesdaten sind für das Bewußtsein voneinander geschieden. Keine Brücke verbindet Farben und Töne, Gerüche und Tastbarkeiten, es sei denn, sie wird durch das Denken über die Ebene des Wortes geschaffen, welche bewußt die Anschauung dank mathematischer Strukturen — Dreiecke, Vierecke, Kreise — hervorrufen kann. So bildet sich die Welt des Denkens, die die Sinnesdaten in sich aufnimmt und zur Ebene des Anschauens und Begreifens, des Beurteilens und Verstehens der Zusammenhänge — der Gesetze — klärt.
  4. Die Welt der Sinnesdaten ist überbewußt; durch Befreiung der Aufmerksamkeit aus bedingten Reflexen wird sie bewußt. Die Ebene des Denkens ist bewußt; hier gilt es die selbsttätigen Assoziationen zum kritischen Denken zu klären. Doch dieses Denken bleibt objektiv; es ist ohne Bezug auf die eigene innere Wirklichkeit. Diese wird in der dritten Stufe zum Gegenstand: hier gilt es aus der Welt des bewußten Denkens in die des unterbewußten Fühlens, der Triebe vorzudringen, was nur dann gelingt, wenn die Verdrängungen im Sinne der Psychoanalyse aufgehoben werden — wenn die innere Kontinuität der Erinnerung bis zum Beginn des Bewußtseins wieder hergestellt wird. Die meisten Traditionen setzen hier eine Schwelle und einen Hüter der Schwelle, der nur durch bewußte Anstrengung, durch Reue zu überwinden ist; ein Symbol der Bemächtigung des Unterbewußten ist die Taufe, das Tauchen ins Wasser.
  5. Ist der kleine Hüter der Schwelle überwunden, den die Scham verstellt, gilt es den großen Hüter der Schwelle zu besiegen, vor dem die Todesangst lauert. Hier kann der Mensch nur nackt und bloß den Zugang gewinnen. In den meisten Mysterien mußte der Adept sich ausziehen und Schreckenssymbolen gegenübertreten, bis daß sich das Unbewußte, die Nacht erhellte und in ihr die Aufmerksamkeit, Träger des Bewußtseins, als weißer Stern wahrnehmbar auftrat, wie dies etwa die tantrische Tradition beschrieben hat. Die vierte mittlere Stufe ist entscheidend. Im Sinne des Weltenbaumes, der Wirbelsäule als Träger allen Bewußtwerdens, ist hier die Mitte des Herzens erreicht, während das Empfinden mit der Sinneswahrnehmung seinen Schwerpunkt in Perineum, das Denken mit der Atmung im Sakrum und Unterbauch (Hara bei den Buddhisten) und das Fühlen (wässrige Verdauung) im Bauch selbst, der Höhe des Nabels hat. Das Herz als Bewußtsein des Wollens ist nicht der Muskel, sondern die Fähigkeit, den Willen oberhalb seines Rhythmus zu verankern; zu entschließen und zu entscheiden, Möglichkeit und Wirklichkeit zu vereinen, womit an die Stelle des zwischen Geburt und Tod begrenzten Daseins die Einordnung in den überpersönlichen Strom der Verwirklichungen erfolgt.

Ist das Wollen befreit, so ist die entscheidende Angst überwunden, und der Weg zu den drei Bereichen ist eröffnet.

  1. Der Körper wird nicht als Stoff, sondern als Werkzeug der Energie bewußt, des Genoms, das in eine bestimmte Verwirklichung drängt und seinen organischen Schwerpunkt im Nacken hat.
  2. Ist der Körper befreit, so lösen alsdann sich die seelischen Verhältnisse, die alle in den Rahmen der sechs Urbeziehungen
    zu Vater
    zu Gegengeschlecht
    zu Söhnen
    und
    und
    und
    zu Mutter
    zu gleichem Geschlecht
    zu Töchtern

    eingespannt sind und werden zu Ausdrucksformen der Liebe, die allen Beziehungen zugrundeliegt und ihren Schwerpunkt im inneren Auge hat.
  3. Die Liebe ist nicht auf die Lebenden beschränkt, sondern erstreckt sich in das Jenseits aller sinnlichen Erfahrung. Sie bildet das Bindeglied zur siebten Welt der Vorstellung, des Geistes, der in der tantrischen Tradition als tausendblättriges Scheitelchakra, (Sahasrara), und in der europäischen Überlieferung als Krone symbolisiert wurde: der Gekrönte hat die Weihe des Geistes erfahren.

Während der Körper auf Verwirklichung drängt und die Seele auf Vereinigung, Überwindung aller Trennung, ist der Geist im Vorgang des Verstehens, der Integration und Individuation, auf Rückbindung zum Urlicht gerichtet, welche Rückbindung in der Versenkung als höchste Seligkeit erfahren wurde.

Keine alte Tradition sprach von einer Unsterblichkeit der Seele; alle meinten Auferstehung des Fleisches. Körper, Seele und Geist als Entsprechung von Stoff oder Masse, Energie oder Einheit, und Licht oder Vorstellung gilt es zu vereinen, während die Funktionen zu trennen sind. Aber alles Licht entstammt der Möglichkeit des Lichts überhaupt, aus dem die Aufmerksamkeit ansetzt. So schließen sich die Bereiche zum Kreis: der Ursprung allen Lichtes und des Seins wird von der manifestierten Wirklichkeit her als Urkraft, von der seelischen Person her als Liebe, und vom Geist her als Urlicht erlebt, womit gleichzeitig die Zeit als Träger dieser Sphären bewußt wird — die Urkraft als eigene Möglichkeit in der Vergangenheit; das Urlicht als Möglichkeit in der Zukunft, die vor dem Menschen liegt, und die Liebe als einzig möglicher Träger der Gegenwart.

Geist
Zukunft

Seele
Gegenwart

Körper
Vergangenheit

Die drei Aspekte weisen auf den Ursprung der Wirklichkeit im Unerschöpflichen, das jenseits der Begrifflichkeit, aber innerhalb des Erlebens als Ursprung des dunklen Wollens west.

Die sieben Stufen bedeuten aber nicht nur den Weg der mystischen Vertiefung bis zum Erleben des weißen Urlichts: sie stellen gleichzeitig ein Gewahrwerden der entsprechenden Naturstufen dar, ein innerliches Nacherleben der Evolution, wie sie sich dem erwachenden Bewußtsein darstellt. Körperlich macht jeder Mensch nach dem Haeckelschen Gesetz als Embryo die entsprechenden Wandlungen vom Ei bis zur vollen Reife durch, die sich aus den Schichten und Leitfossilien der Geologie ablesen lassen. Doch geistig, in der Wiedererinnerung, stellt sich dieser Weg anders dar und hat sich in den zahllosen Kosmogonien verkörpert.

Arnold Keyserling
Geschichte der Denkstile · 1968
1. Das kosmische Denken
© 1998- Schule des Rades
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