Schule des Rades

Arnold Keyserling

Geschichte der Denkstile

8. Das rationalistische Denken

Francis Bacon

Der erste Vertreter des englischen rationalistischen Empirismus war Francis Bacon, 1561-1626. Er wuchs im politischen Leben auf. Sein Vater war Lordsiegelbewahrer und mit dreiundzwanzig Jahren wurde Francis Bacon bereits zum Parlamentsmitglied gewählt. Während er zur Zeit der Königin Elisabeth I. noch im Hintergrund blieb, stieg er unter ihrem Nachfolger James I. zu hohen Ehren auf. 1607 wurde auch er Lordsiegelbewahrer. Doch zwei Jahre später wurde er wegen der Annahme von Bestechungsgeldern abgesetzt; da diese damals allgemein üblich waren, ist sein Sturz auf politische Intrigen zurückzuführen. Die erzwungene Muße gab ihm fortan Zeit, seine philosophischen Gedanken zu entwickeln.

Diese Gedanken zeigten eine neue Richtung: Philosophie wurde von Bacon nicht als Mittel zur Erkenntnis Gottes aufgefaßt, wie in den objektiven Denkstilen, auch nicht zur Bestimmung des Menschen in der Gesellschaft und der Natur wie bei den Humanisten, sondern als Mittel zur Beherrschung der Wirklichkeit. Von Bacon stammt das Schlagwort Wissen ist Macht.

Wissen erreicht man laut Bacon nur über die induktive Methode. Diese war ein Teil des aristotelischen Syllogismus gewesen, wenn es sich darum handelte, aus Unterbegriffen zu Oberbegriffen vorzustoßen, im Gegensatz oder zur Ergänzung der Deduktion, die im Sinne der Vorsokratiker die ganze Wirklichkeit aus einem oder wenigen Prinzipien abzuleiten unternahm. Bacon verachtete den Syllogismus und auch die mathematische Methode. Er definierte Induktion als die Verallgemeinerung von Hypothesen aus beobachteten Tatsachen. Er bemühte sich vergebens, einen wirklich gültigen Beweis für die induktive Methode zu finden; dies ist erst der mathematischen Philosophie unserer Tage im Verein mit der Statistik und Wahrscheinlichkeitstheorie gelungen.

Wirksamer als Bacons positive Philosophie, die er in seinem Buch The Advancement of Learning darstellte — worin er gegenüber dem Glauben die averroistische Lehre einer doppelten Wahrheit vertrat — waren seine Angriffe gegen die traditionelle Philosophie, die er mit seinen fünf Arten von Idolen als vorurteilsgeboren bestimmte:

  • Idole der Gattung sind Irrtümer, die der menschlichen Natur entstammen; als Beispiel erwähnt er die Neigung, in der Wirklichkeit eine größere Ordnung zu suchen, als sie tatsächlich existiert.
  • Idole der Höhle sind persönliche Vorurteile.
  • Idole des Marktplatzes stammen aus der Sprachstruktur und ihren Fehlern, deren Tyrannei man nur schwer entkommen könne.
  • Idole des Theaters sind die der traditionellen Denksysteme, als deren Beispiel er Aristoteles und die Scholastiker geißelte.
  • Und als fünfte Form definierte er die Idole der Schulen, deren Vertreter glauben, daß eine blinde Regel wie der Syllogismus an die Stelle tatsächlicher Forschung treten könnte.

Wie kommt man nun aus der Induktion zum echten Wissen, wie dies Bacon in seinen Novum Organum forderte? Bacon wählte ein Beispiel aus der Natur: weder soll man wie die Spinne nur Fäden ziehen noch wie die Ameisen nur Dinge und Daten sammeln, sondern wie die Bienen das Gesammelte in eigene Schöpfung, in Honig verwandeln.

Arnold Keyserling
Geschichte der Denkstile · 1968
8. Das rationalistische Denken
© 1998- Schule des Rades
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