Schule des Rades

Arnold Keyserling

Vom Eigensinn zum Lebenssinn

3. Integration der Motive

Humanistische Psychologie

20 Jahre später war eine weitere Generation mit analytischen Hilfen aufgewachsen. Zu Beginn der Sechzigerjahre stellte sich nun heraus, dass es wieder eine Gruppe von Menschen gab, die trotz optimaler behavioristischer und analytischer Betreuung nicht zu ihrer Kreativität durchstoßen konnten. Abraham Maslow entdeckte, dass diesen die Dimension der Zukunft fehlte. Sie hatten sich in ihrer Jugend Versprechungen gegeben, die sie aber dann infolge Heirat und Beruf nicht erfüllen konnten. Künstler mussten kommerziell arbeiten, Schriftsteller Geschäftsinteressen dienen — der Höhenflug jugendlicher Ideale wich dem trübsinnigen Alltag wirtschaftlichen Überlebens.

Solange dieses im Vordergrund stand, kam den Menschen das nicht zu Bewusstsein, sie hielten das irdische Jammertal im Einklang mit der biblischen Tradition für unausweichlich. Aber mit dem allgemeinen Wohlstand der Sechzigerjahre ergab sich nun die sogenannte Pyramide der Motivationen: Sobald die unteren Bedürfnisse nach Nahrung und gesellschaftlicher Anerkennung sowie Wohlstand erfüllt sind, erwacht als letztes die Sehnsucht nach dem Lebenssinn, der Selbstaktualisierung, welche nur im Vertrauen auf die Zukunft erreichbar wird.

Wie kann man diese aber erreichen, wenn man die Hoffnung verloren hat? Maslow bestimmte psychologisch die Dimension der Zukunft: Sie ist der Zustand, in dem die Erwartungen alle erfüllt sind. Im Nun hat jeder Mensch in seinem Leben Erfahrungen, wo er wunschlos freudig ist — die früher zitierten Gipfelerfahrungen — und diese Zukunft erlebt. Hier hat der Mensch seinen Sinn gefunden, ob das nun in großer Dankbarkeit, in der Liebe, oder in einer Naturerfahrung erscheint. Daher gilt es, zusätzlich zur analytischen Biographie eine weitere zu vollziehen im Einklang mit der Lichterstraße der Existentialisten: Es gilt die Gipfelerfahrungen als Lebensmitten zu erkennen und zu verbinden, auf dass ihr seltenes Aufblitzen in der Jugend im Alter zum dauernden Scheinen wird.

Solch ein Mensch wäre nicht mehr homo sapiens, sondern homo divinans, der vertrauend die Zukunft annimmt und Gott gleich ist, wenn man Gott als jenes Wesen betrachtet, das allen wohl will. Wenn der Mensch im jüdischen Sinn nach dem Ebenbild Gottes geschaffen ist, so bedeutet es nicht Vermessenheit, dieses anzustreben, sondern nur Heimkehr. So begründete Maslow zusammen mit Rollo May und Charlotte Bühler 1962, zu Beginn der Wassermannzeit des Astralmythos — gleichzeitig mit dem Esalen-Institut in Big Sur und mit Findhorn in Schottland — die humanistische Psychologie, die in Amerika zum Vorkämpfer des Human Potential Movements wurde.

Wie kann man nun die peak experiences zur Dauer bringen? Die Drogenwelle der Sechzigerjahre zeigte, dass andere Bewusstseinszustände auf vielen Wegen zu erreichen sind. Nach dem Verbot der Drogen versuchten zahlreiche Forscher, die esoterischen Methoden, die dieses eingestandene Ziel hatten, zu studieren und auf gemeinsame Nenner zu untersuchen.

Damit begann 1972 die transpersonale Psychologie, welche Kabbala, Zen, Astrologie, astrale Projektion, Reinkarnationstherapie zu den humanistischen Methoden von Encounter, Gestalt, Bioenergie, Primärtherapie und transaktionaler Analyse hinzufügten, zuerst in unkritischer, eklektischer Weise. Hierzu traten mit der Psychosynthese Assagiolis und von Jungs Nachfolgern die Übungen der aktiven Imagination und der Einstieg in den Schamanismus, von einer neuen Generation von Ethnologen in Nachfolge Castaneda mit dem existentiellen Ziel studiert, darin bessere Lebensweisen, größere Intensität, ja eine experimentelle Religion zu erreichen.

Sehr bald bildeten sich Synthesen, die meistens vorgaben, einen neuen Weg zu schaffen — und damit wieder in die traditionelle Auffassung zurückkehrten, eine Elite zu bilden. Aber in diesem Rahmen der humanistischen und transpersonalen Psychologie war bereits der Keim zu einer echten Vereinigung von Motivation und Aktualisation zu finden:

Charlotte Bühler, Schülerin von Freud, hatte erkannt, dass, abgesehen von den Richtungen der behavioristischen, analytischen, humanistischen und transpersonalen Psychologie, die Motivationen eine Struktur haben, die erfüllt werden müssen. Soweit ich weiß, kam sie empirisch ohne Kenntnis der esoterischen Überlieferung zu einer Folge der Motive, welche mit den kabbalistischen, astrologischen und von mir entdeckten sprachlichen Impulsen übereinstimmt. Damit ergibt sich die Möglichkeit, die Astrologie aus ihrer Pseudowissenschaftlichkeit mit kausalen Prognosen wieder in ein Tor zur Möglichkeit zu verwandeln — als welche sie das letzte Mal Albertus Magnus richtig bestimmt hatte — und somit zur experimentellen und strukturellen Grundlage der Psychologie zu erheben. Schon Jung hat erwähnt, dass alle psychologischen Kenntnisse der Geschichte bis in die Neuzeit in den astrologischen Symbolen verschlüsselt waren. Doch erst die Klärung der Sinne und der Sprache als Grundlage der Strategien ermöglicht mir, die psychologische Bedeutung der Raum-Zeit-Faktoren ohne Rücksicht auf die Tradition zu entschlüsseln und kritisch zu begründen. Ich werde mich in der Folge an die Terminologie von Charlotte Bühler halten, dabei aber die musikalische und sprachliche Entsprechung hinzusetzen.

Arnold Keyserling
Vom Eigensinn zum Lebenssinn · 1982
Neue Wege der ganzheitlichen Pädagogik
© 1998- Schule des Rades
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