Schule des Rades

Arnold Keyserling

Vom Eigensinn zum Lebenssinn

3. Integration der Motive

Weltenjahr

Wie der Lebenskreis, ist auch das Weltenjahr ein astronomisch-musikalisches Maß, der weiteste Rahmen aller Geschichtsvorstellungen, der immer nur im Übergang von einem Aion zum anderen auftritt, wie heute im Zeichen des Wassermanns.

1962 trat der Frühlingspunkt bei einer absoluten Sonnenfinsternis über Neuguinea — geographisch die Grenze Krebs-Löwe, mit allen sichtbaren Planeten um 15° Wassermann — in diese Konstellation über; ein Zeitpunkt, der schon seit den Griechen berechnet worden war und mit dem Beginn der humanistischen Psychologie übereinstimmt. Indien erkannte es als die Konstellation der Schlacht von Kuruk Shetra in der Bhagavad Gita. Viele erwarteten den Weltuntergang, nur wenige begingen bewußt das Fest des Übergangs — so wir in Kalkutta um 4 Uhr morgens, in einer menschenleeren Stadt, wo die Brahmanen trommelten, um mögliches Unheil abzuwenden. Die meisten Landbewohner waren in ihre Heimatgemeinden geflohen.

Von diesem Zeitpunkt an ließ sich der bisherige Ablauf des seelischen Weltenjahres genau bestimmen: Es ist der Horizont der menschlichen Gemeinschaft, wie weit sie Zugehörigkeit anerkennt. In meiner Geschichte der Denkstile habe ich diesen Zusammenhang eingehend geschildert, ich will daher nur die einzelnen Zusammenhänge ins Gedächtnis zurückrufen.

  • In der Krebszeit war der Gemeinschaftsbegriff der Klan, und die Gottheit wurde als Vater verstanden, als ordnender Schamane
  • Die Klans vereinten sich in der nomadischen Zwillingszeit zum Stamm, mit dem großen Geist als Führer, der sie ins Unbekannte leitete. Stämme, wieder seßhaft siedelnd, werden zur Kultur der Stadt.
  • Mit der Erfindung der Schrift wird der vorherige gemeinsame Verständigungsrahmen zerstört, es kommt zu ausschließlichen Gemeinschaften im Symbol der Bauten und Tempel in der Stierzeit.
  • Diese weicht um 2300 vor Christus den geheiligten Völkern der Widderzeit, die das Alltagsleben ritualisierten — am bekanntesten ist Israel; hier wurden die Tierkreisgötter Ägyptens zu den Charakteristiken der zwölf Stämme, das mentale Alter war 21 bis 28.
  • Bei 28, entsprechend der Saturn-Generationskrise, beginnt in der Fischezeit die Vorstellung persönlicher Unsterblichkeit, die großen Avatars Christus, Buddha, Mohammed: Völker werden zu seßhaften Reichen und Religionsgemeinschaften. Und während die Stierzeit den Gottesbegriff in den Generationen der Götter hatte — Skorpion, die Widderzeit im Gesetzgeber — Waage, wurde nun der jungfraugeborene Bote, das Buch, zum Leitfaden der Reichen und Kirchen.
  • Mit der Wassermannzeit ist nun die Menschheit im kosmischen Rahmen selbst zur Gemeinschaft geworden. Alle kleineren Verbände entsprechen nicht mehr der sozialen Wirklichkeit und gehen zugrunde. Der Gottesbegriff ist in den Löwen gewandert, in das Paradies vor der neolithischen Revolution. Daher ist nicht mehr das Buch, sondern der unmittelbare Zusammenhang mit dem All, mit den Geistern und den Wesen, wie er in der Altsteinzeit geherrscht hat, im Vordergrund. Die Frucht des Lebensbaums tritt zu jener des Baums der Erkenntnis für die Menschen, die den Mut zur inneren Wandlung besitzen — zur Teilnahme an der Aquarian Conspiracy, wie Marilyn Ferguson es in Die sanfte Verschwörung beschrieb und die Weite zeigt, die diese Bewegung außerhalb der Ideologien schon erreicht hat.

Doch dies führt uns über den Rahmen der Integration der Motive hinaus in die echte Rückbindung zum All, zur Offenbarung, die wir im vierten Kapitel behandeln wollen.

Arnold Keyserling
Vom Eigensinn zum Lebenssinn · 1982
Neue Wege der ganzheitlichen Pädagogik
© 1998- Schule des Rades
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