Schule des Rades

Arnold Keyserling

Vom Eigensinn zum Lebenssinn

4. Durchbruch zum Imaginalen

Das indianische Rad

1980 nahm ich einmal als einziger konfessionsloser Vortragender an einem religionsphilosophischen Kongreß in Paris über die Mutation des Menschen teil. Da waren orthodoxe und katholische Christen, Hindus, islamische Sunniten, Tibetaner und Juden. Jeder verkündete, daß die Mutation, als die neue und erlöste Bewußtseinslage, durch seine spezielle Konfession zu erreichen sei. Ich hatte das Gefühl, daß alle ein Buch anstelle eines Hutes auf ihrem Kopf trugen, durch welches sie sämtliche religiösen Inspirationen filtrierten, solange, bis der Zugang überhaupt versperrt und durch theologische Reflexion und Spiegelung im eigenen Wissen ersetzt wird. Ich erkannte, daß die religiöse Entfremdung von allen die gefährlichste ist, weil sie die tiefste Sehnsucht des Menschen nach Kommunion selbst mit der Liebe und dem All anjocht und zunichte macht.

Mit den esoterischen Disziplinen schien es nicht besser zu stehen. Die meisten betrachten das Leben als transzendentale Militärkarriere, in der erst der Generaloberst die Erleuchtung und Befreiung erlangt, wobei in den unteren Rängen die Hackordnung noch strenger funktioniert als im profanen Militär. Ich erlebte das zuerst in der gurdjieffschen Schule nach Gurdjieffs Tod, später im Yogaverband. Vor allem, wenn die entsprechende Sekte strenge Lebensvorschriften aufstellt für Diät und Kleidung, gibt sie den Anhängern das Gefühl kindlicher Geborgenheit und innerer Überlegenheit. Ich kenne einen Yogi, persönlich ein umgänglicher und vernünftiger Mann, der von seinen Schülern verlangt, 40 Tage zu fasten: der Hochmut, der durch eine solche Leistung entsteht, ist nicht geringer als der Übermut eines Olympiasiegers im Skilauf. Während aber die Karriere des letzteren in einem Kaffeehaus in Kitzbühl mit seinem Namen an der Tür nostalgisch enden mag, hat der transzendentale Karrierist Schüler, die niemals darauf kommen werden, daß ihr sogenannter geistiger Weg nichts anderes ist als ein spezieller Zeitvertreib wie Jogging.

Auch bei den psychologischen Gruppen habe ich oft Menschen gesehen, die etwa in der Gestalttherapie die gleiche Mutter als verschiedenes Kissen an immer anderen Orten und Gruppen zum Wochenende verprügelten — was natürlich bedeutet, daß diese intensive Zuwendung ihnen angenehmer und lustiger sein mußte, wenn auch teurer, als der obligate Besuch bei den Schwiegereltern. Theosophen erkennt man oft an einem golden verschleierten Blick, Anthroposophen an ihrer Ähnlichkeit mit pflanzlichen Formen. Ältere Freimaurermeister zeigen oft eine gewisse freundlich-pfiffige Toleranz, die sie einander ähnlicher werden läßt als ihre Volkszugehörigkeit. Die intime Penetranz lutherischer Pfarrersfrauen, die salbungsvolle Herablassung katholischer Theologen, der Stolz strenger und grober Sufimeister, die Abruptheit der Zenmeister, sind letztlich eines Sinnes mit der geschrubbten Atmosphäre junger Ärzte, dem alles-Wissen der Juristen, oder der Verachtung professioneller Bergsteiger für all jene, die die Ebene vorziehen oder bestimmte Knoten nicht schnell und fachgerecht ausführen können; eine Einstellung, die sie mit den Seglern teilen, oder auch mit Jägern, wenn man ihrer speziellen Terminologie nicht gewahr ist, wo zum Beispiel Tiere niemals Ohren und Schwänze, sondern Löffel und Lichter haben.

Solange diese Idiosynkrasien — eine Sufischule kennt 100 Bewußtseinsstufen, die es zu unterscheiden gilt, Gurdjieff unterschied zwischen Esoterikern, Mesoterikern und Exoterikern, und in einem ceylonesischen buddhistischen Kloster mit besonders wohlbeleibten Mönchen hörte ich, daß sie 1050 Stufen zu durchlaufen hätten — sich als Lebensform verstehen, ist nichts gegen sie einzuwenden. Tiroler pflegen zu jodeln, Slawen singen stundenlang in Moll. Aber wenn es dann plötzlich heißt, daß diese geistige Jodelei wie bei den modernen Sekten eine Fahrkarte in die Unsterblichkeit bedeutet, so wird die Entfremdung gefährlich — nicht nur hemmend, sondern zerstörend für jede geistige Entwicklung. Denn niemand sucht nach etwas, in dessen Besitz er sich glaubt.

In keiner der studierten Traditionen der Hochkulturen fand ich einen unmittelbaren Zugang zur Transzendenz, welche mir persönlich seit Kindheit ohne Kunstgriffe offen war. Ich habe das Urvertrauen nie verloren, wenn ich auch das Grundvertrauen erst mit praktischen psychologischen Methoden im Alter wiedererringen konnte. Doch im gleichen Jahr, in dem ich an jenem seltsamen Kongreß der Buchhütler teilnahm, begegnete mir eine Welt, in der die Transzendenz noch nicht verschüttet war: Die indianische Überlieferung.

Sicher gibt es in jeder Tradition Menschen, die jene richtig als Stufenleiter zur Normalität interpretieren und erst den für reif erachten, der diese Ebene des Menschen erreicht hat, wie Wittgenstein sagte: Man muß die Leiter wegwerfen, auf der man hinaufgestiegen ist, dann sieht man die Welt richtig; oder wie im Zengleichnis vom Ochsen, in dem zum Schluß dieser nach vielen Metamorphosen wieder ein gewöhnlicher Ochse ist. Doch solche echte Einstellung ist nicht den Traditionen zu verdanken; es waren Menschen, deren Vitalität so stark war, daß sie sich durch keine Manipulation brechen ließ.

Hier hat meiner Auffassung nach Alice Miller die Verhältnisse am klarsten durchschaut. Wenn man einmal den biblischen Schöpfungsbericht nicht auf ein Höheres hin wie Martin Buber, sondern schlicht als kodifizierte Manipulation betrachtet, so fällt es einem wie Schuppen von den Augen; Du sollst nicht merken ist tatsächlich das oberste Gebot der bürgerlichen Entfremdung des Menschen.

Wie kann nun der echte und unideologische Zugang zur Transzendenz gefunden und aus der religiösen, ideologischen Verflachung gelöst werden? Ich erinnere mich, wie ich einmal in Kalkutta die Wiener Zeitung Die Presse zugesandt bekam. Es war 1955, und es wurde von folgendem Prozeß berichtet: Ein Mann hatte die These des Gnostikers Marcion wieder aufgenommen, nach der der Gott des Alten Testamentes nicht gut, sondern böse sei — wie könnte er sonst Auschwitz zugelassen haben. Darauf hin fühlte sich ein Christ in seinen religiösen Gefühlen gekränkt, zeigte den Mann an. Dieser wurde verurteilt, nachdem Experten — ein Katholik, ein Protestant, ein Jude, alles Theologen — vor Gericht aussagten, wissenschaftlich sei erwiesen, daß Gott gut sei! Das Buch wurde eingestampft und der Mann zu einer Geldstrafe verurteilt.

Solche theologischen Spitzfindigkeiten beruhen nicht auf bösem Willen, sondern auf dem Irrtum des theologischen Denkens überhaupt. Gott ist nicht dem Denken, sondern nur dem Wagnis zugänglich. Der Zugang dazu führt als erstes nicht über die materielle Welt, sondern über die Ebene der Phantasie und wie diese von bloßer Einbildung zur Welt des Imaginalen wird.

Der Begriff stammt vom islamischen Religionsphilosophen Henry Corbin, der ihn einführte, um das Wesen der schiitischen Mystik zu kennzeichnen. Betrachten wir einmal den Zusammenhang von der Bewußtseinsstruktur her.

Die Welt der Sinne ist, über das Empfinden, das Tor zur Wirklichkeit. Die Welt der Sprache ist das Tor zum Mitmenschen und Ort der Aktualisierung der persönlichen Strategien, des Denkens. Die Welt der Triebe und des Fühlens sind das Tor zu den eigenen und fremden Motiven; sie haben ihren Zugang im Traum und seiner Sprache, die sich nur dem eröffnen, der die Todes- und Angstschwelle überwindet. Auch der Traum kann von Spiegelung zur Empathie werden, und er öffnet dem Menschen die seelische Tiefe. Doch das Tor des Wollens ist die Welt des Imaginalen, welche nur durch Frage, Einsatz und Mut zugänglich wird: Wer klopft, dem wird aufgetan; wer fragt, kriegt Antwort.

Paul Valéry schrieb einmal: Wenn es zwei Türen gäbe — auf der einen steht Eingang ins Himmelreich, auf der nächsten Eingang zu Vorträgen über das Himmelreich — die meisten Deutschen würden die zweite Tür öffnen. Dies gilt nicht nur für die Deutschen, sondern für alle Menschen. Die Tür zum Traum kann der öffnen, der das Leiden akzeptiert und nicht in Selbstmitleid und Selbstkritik, in der Spiegelung, stagniert. Doch das Tor des Willens zur Transzendenz kann nur jener durchschreiten, der den Tod bereits im Leben überwunden hat — was weder durch ein Bekenntnis, noch durch die transzendentale Karriere möglich ist. Wer sich mit der esoterischen Stufenleiter identifiziert, wird niemals die Ebene der Normalität erreichen, auf der der Mensch wieder Bruder und Schwester der anderen Geschöpfe: von Stein, Kristall, Pflanze und Tier wird. Im Gleichnis der Metamorphose bleibt er nach einer mühevollen wirtschaftlichen Raupenexistenz ewig meditierende Puppe, und er findet nie die Erlösung zum freudigen Schmetterling, zum Kind des großen Geistes.

Der Zugang ist unmittelbar über die indianische Tradition, die mir das erste Mal durch Castanedas Bücher vertraut wurde, zu erreichen. Die vier ersten Bücher habe ich immer wieder durchgearbeitet, und jedesmal sind mir neue Lichter aufgegangen. Doch konkret wurde die Beschäftigung erst ab Herbst 1980. Ein Psychologe in Los Angeles hatte im Verlauf eines automatischen Schreibens meinen Namen empfangen und fragte mich über Jean Houston, mit der ich in Spanien ein Seminar hatte, wo wir uns treffen könnten, um gemäß dem Auftrag seiner Stimme eine Arbeit anzugehen. Meine Frau schlug Irland vor. Bei diesem Treffen lernten wir einen Schüler von Tom Wilson, dem langjährigen Präsidenten der indianischen Kirche und Hauptschamanen des Navaho-Stammes, kennen, der den Lesern Castanedas als Don Genaro vertraut ist. Dieser wußte, daß ich mich mit der Überlieferung des pythagoräischen Rades beschäftigte, und er war der Überzeugung, die Überlieferungen, welche die Prophezeiung der Maya für 1981 vorausgesagt hatten, müßten jetzt zusammentreffen. Dieser Schamane, Swift Deer — ein halber Ire; sein Großvater war nicht weit vom Tagungsort in Westirland entfernt geboren, was als Zeichen gewertet wurde — zeigte während dieser Tage den Schlüssel zu jenem Wissen, welches mir durch Castaneda zwar in Einzelheiten vertraut war, doch in der Struktur verborgen blieb (übrigens im Auftrag der Großväter, die erst für 1981 die Schlüssel freigaben). Meine Frau fuhr zu Swift Deer nach Los Angeles, und er kam im Sommer 1981 nach Wien und leitete Einführungen in das indianische Denken, übrigens auch in Deutschland, Frankreich, Belgien und in der Schweiz. Im Winter 1981/82 kam sein Lehrer Hyemeyohsts Storm, der Autor von Sieben Pfeile, und im Sommer 1982 wieder Swift Deer.

Langsam ist es mir nun gelungen, den Zusammenhang des indianischen Rades mit der pythagoräischen und astrologischen Struktur zu klären und somit den einsichtigen Durchbruch ins Imaginale zu erreichen.

Wesentlich an der indianischen Überlieferung ist, daß sie nie durch eine Revolution erschüttert wurde und die Lehren der Altsteinzeit ungebrochen bewahrt hat. Der Mensch ist nach ihrer Definition das Tier, das zur Vision und zum Orgasmus, der körperlichen Seligkeit, begabt ist. Die Sprache im Sinn der Verkörperung der Vision besteht ihrer Überlieferung gemäß seit 150.000 Jahren, nur wurden die Schlüssel seit etwa 10.000 Jahren — also seit der neolithischen Revolution — geheim gehalten und durch wenige Großväter bewahrt, die sich jetzt, im Einklang mit der Prophezeiung, für die Wassermannzeit bereit erklärten, sie den Suchenden zur Verfügung zu stellen. Dies übrigens im Gegensatz zu militanten nationalistischen Indianern des AIM, welche die Veröffentlichung mit allen Mitteln zu verhindern suchten, weil dieses Wissen das letzte sei, was den unterdrückten Indianern noch geblieben ist.

Nach der Paleolinguistik von Vester sind alle Sprachen aus sechs Ursilben hervorgegangen, die auf der ganzen Erde gleiche Bedeutungsträger sind, und es gab eine altsteinzeitliche Sprache mit etwa 300 Worten. Die Indianer haben diese Sprache der Altsteinzeit in ihrer Handzeichensprache, die von allen Stämmen Nord- und Südamerikas verstanden wird, bewahrt, und die heiligen Überlieferungen werden, wie Storm in seinen Büchern gezeigt hat, durch sie weitergegeben. Es ist unmöglich, in dieses Gebiet vom bürgerlichen objektiven Gesichtspunkt aus einzudringen, weshalb die Urteile der früheren Ethnologen alle schief waren. Ich habe mich subjektiv sofort hineingestürzt, und nach anderthalb Jahren ist es mir gelungen, die Grundzusammenhänge zu verstehen und sie an vielen Orten vorzutragen. Das Erstaunliche für mich war, daß dieses Wissen niemandem fremd erscheint — kein Wunder, da geologisch die altsteinzeitliche Epoche nicht weit zurückliegt.

Während der letzten 40.000 Jahre hat sich der Mensch kaum verändert. So spürt jeder, der an der Sweatlodge teilnimmt und die Reisen in Oberwelt und Unterwelt unternimmt — wie sie Harner so bildreich dargestellt hat — daß er nicht etwa in eine fremde Kultur eintaucht, sondern daß er die eigenste Welt, ja seine echte Kraft erstmalig wieder erfährt.

Im planetarischen Bewußtsein müssen wir historisch auf jene Zeit zurückgreifen — astrologisch die letzte Löweepoche — in der Tier und Mensch noch nicht getrennt waren, also auf die Periode vor dem Sündenfall der Entfaltung der einseitigen, strategischen Erkenntnis, um unsere Gegenwart zu begreifen. Dieser Sündenfall war als Entwicklungsschritt notwendig, damit der Mensch vom kollektiven, instinktgesteuerten Tier zum echten individuellen Mitarbeiter der Schöpfung werden konnte; doch dieser Umweg — das entfremdete Bewußtsein — ist heute zuende; die virtuelle Einheit der Erde verlangt die Wiedergewinnung der gesamten Bewußtheit.

Arnold Keyserling
Vom Eigensinn zum Lebenssinn · 1982
Neue Wege der ganzheitlichen Pädagogik
© 1998- Schule des Rades
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