Schule des Rades

Arnold Keyserling

Vom Eigensinn zum Lebenssinn

4. Durchbruch zum Imaginalen

Die Sweatlodge

Für das indianische Bewußtsein ist die Welt in zwei Bereiche geteilt — Tonal und Nagual — die der Welt des Tones und der Lebensgestaltung, des Lichtes und der Vision, entsprechen. Jeder Mensch lebt in der Welt des Tonal und hält diese durch dauernden inneren Dialog aufrecht. Doch hat er die Möglichkeit, sobald er sich dazu entscheidet, auch in das Abenteuer des Nagual einzudringen. Dies ist das Ziel des Vision Quest, der Suche nach der Vision. Um diese zu beginnen, muß er die Struktur der jenseitigen Welt kennenlernen, damit er sich dort nicht verliert.

Aus der Dramatik seines Lernens hat uns Castaneda mit Aspekten dieser Sucher vertraut gemacht. Doch verständlich wird alles erst, wenn die Grundlage des Weges erkannt wird.

Ursprung der Welt ist die Urmutter Wakhan, der unendliche, schöpfungsträchtige Raum, dargestellt in einem leeren Kreis. Aus der Urmutter entspringt der Urvater Skwan, die Schöpfung. Während die Urmutter ewiger Schoß ist, das Chaos, das den Kosmos gebiert, ist der Urvater so, wie er geworden ist, wie bei uns die Milchstraße und das Sonnensystem, das nur eines der unzähligen Systeme des unendlichen Alls ist. Daher ist die Urgottheit, der große Geist, zweigeschlechtlich, aber auch in ewiger Vereinigung, nur als Liebe zu ergreifen. Diese Vereinigung, Wakhantanka, ist das Heiligmachende in der Welt, an das jeder Anschluß findet in seinem Leben, sobald er der dem Tonal entspringenden Vereinzelung entsagt.

Der Zweiheit von Wakhan und Skwan als Born seines Wesens wird der Mensch nur dann gewahr, wenn er in der Großmutter Erde geortet ist, sein Bewußtsein mit ihrer Mitte erlebt und sich als Kind des Großvaters Sonne erfährt, von dem er das physische Leben bekommt. Durch das Bewußtsein der Erdmitte hat der Mensch seine Achse auf der Erdoberfläche: sein Wesensgrund ist unten, die Teilhabe an Urmutter-Urvater am Himmel, oben. Hat er diese Achse, ist er ein lebendiger Strahl der Erde zum Himmel, dann offenbart sich das Heilige ihm durch die vier Kräfte des Ostens, Westens, Südens und Nordens. Die göttliche Kraft wird nun aus der ruhenden Mitte — wenn der Mensch sie erreicht — in vier Weisen erfahren:

  • Der Osten, aus dem alles herkommt — nicht nur die Sonne, sondern der ganze Himmel geht dauernd im Osten auf — ist der Ort der Erleuchtung und Vision. Um sie zu empfangen, muß man sich nach Osten wenden, weil zwischen Geist und Körper kein prinzipieller Unterschied besteht.
  • Im Westen geht alles unter, Licht wird zur Kraft, weicht dem Dunkel. Wie der Mensch im Osten empfängt, im Westen muß er weggeben. Hyemeyohsts Storm schreibt:
    Von allen Tieren der Erde hat nur der Mensch vergessen, daß er sich hingeben muß, daß das ganze Leben nur für die anderen besteht. Wenn ein Tier stirbt und gegessen wird, dann bedeutet das den give-away des Tieres. Und es ist mangelnde Ehrfurcht, dieses bewußte Opfer nicht zu akzeptieren, also nach Kalorien zu essen, während man tatsächlich von Wesen lebt, die sich für einen opfern — doch nicht nur selbstlos: Durch das bewußte Opfern erlangen sie selbst eine höhere Bewußtseinsstufe.

Der Astrologe Ted Mann erzählte mir, als Kind sei er einmal mit seinem Vater und einem indianischen Wildhüter fischen gefahren. Der Indianer nahm das Kind mit, ließ es erst Bäume suchen, die bereit waren, ihn Äste für die Anfertigung des Ruders nehmen zu lassen. Dann ging er mit ihm um drei Uhr morgens an den See und sprach mit den Fischen, daß sie von Menschen gegessen werden, die ihren give-away achten. Sein Boot war am abend voll, die anderen hatten kaum welche gefangen.

Nicht im Einatmen, sondern im Ausatmen hat der Mensch Kraft, im Geben und nicht im Nehmen. Während man sich entäußert, findet man sich. So bedeutet der Westen die Fähigkeit der Introspektion, des Einblicks, wo man sich selbst klar werden muß — und vor allem seine Krankheiten opfert. All die Krankheiten sind Entscheidungen des Menschen, er kann sie aufgeben, wenn er es will. Ein Weg ist, sie einem Baum zu übergeben, wobei man mit dem Baum spricht, daß er die große Harmonie hat und das eigene Leiden — verfehlt wirkende Energien — als Dünger verwenden kann. Immer aber muß man mit dem Baum sprechen und ihm etwas schenken, Tabak oder eine kleine Münze, denn nur das Wesen des Baumes kann heilen. Und wie auch Bentov sagte:

Jedes Wesen wird, wenn es die eigenen Bedürfnisse befriedigt hat, die übrige Kraft dazu verwenden, anderen zu helfen.

Es ist seltsam, wenn man das erste Mal Menschen zu Bäumen fährt, damit die mit diesen sprechen und sie bitten. Falls der einzelne sich dazu überwindet, dann erlebt er eine Liebe, eine Zugewandtheit der Pflanze und den Tieren gegenüber, die ihm seine rationale vorherige Haltung als lieblos und schal erscheinen läßt.

  • Im Süden erblicken die Wesen einander im Licht — so die Chinesen — und erreichen den Zustand von Vertrauen und Unschuld. Sie tragen die Himmelsrichtungen als rechts und links, vorn und hinten, oben und unten mit sich, sie sind also wandelnde Bäume. Denn gleich diesen hat der Mensch die Fähigkeit, Kraft zu verkörpern — wenn auch in seinem Falle geistige Bilder.
  • Der Norden, Mitternacht, weist auf den Polarstern, um den sich alle anderen Sterne, ja der ganze Himmel, dreht. Dies ist der Ort der den denkerischen Integration, der Weisheit, wo der Mensch für alles verantwortlich ist, was er tut, was ihm zustößt, wo er einsieht, daß er seine Lage gewollt hat, vor allem aber, daß seine Lage gut ist, weil aus jeder ein neuer Ansatz der Aktualisierung möglich ist.

Die vier heiligen Richtungen sind die Art und Weise, wie der Mensch das Heilige erfahren kann. Bis vor wenigen Jahrhunderten war dies allen selbstverständlich. Es gab bis ins 17. Jahrhundert keine Kirche, die nicht nach Osten ausgerichtet war, und das gleiche gilt für das indianische Zeltdorf oder die paleolithischen und neolithischen Kultstätten (wie zum Beispiel Stonehenge), die den gesamten Kalender und die Konstellationen von Sonne und Mond an großen Steinen anschaulich werden ließen. Der Mensch ist als Geistwesen auf den Planeten gekommen, um von Steinen, Pflanzen, Tieren und anderen Menschen sowie Geistern und Göttern zu lernen. Wer dies einmal durch Öffnung erlebt, kann nie mehr in das Gefängnis des entfremdeten Bewußtseins, in die ideologische Welt ganz zurück. Die Erinnerung an die Kommunion bleibt, vor allem, da sie so leicht zu bewerkstelligen ist. Der indianische Weg, um sich den Zusammenhang bewußt zu machen, ist die Sweatlodge; sie bedeutet den Uterus der Erde, weil diese — unsere Großmutter — uns immer wieder in den Zustand der Ganzheit versetzen kann.

Eine Sweatlodge wird aus gebogenen Stämmen als ein Halbrund über der Erde gebaut, mit einer Öffnung nach Osten. Darin ist eine Grube für heiße Steine — meistens 44 Flußsteine — die außerhalb erhitzt werden. Über die Loge werden Decken gelegt, und anhand ihres Ritus wird es leicht, den Einstieg in die steinzeitliche Religion zu finden.

Man geht nackt in die Loge und setzt sich im Kreis. Der Schamane sitzt meistens beim Ausgang. Er ruft Wakhan Skwan, die Mächte der vier Richtungen, und alle heiligen Wesen an, damit sie anwesend seien und mitwirken. Nun teilt sich die Zeremonie in vier Teile auf:

  1. Süden: Jeder bittet für sich selbst die Mächte und den großen Geist, wie er sich unvollkommen fühlt und wo er Hilfe braucht. Bereits dieser Akt — der für viele, die nie in ihrem Leben um etwas gebeten haben, schwer zu bewerkstelligen ist — bringt eine Öffnung, die man als große Befreiung erlebt. Bei jeder Bitte wird ein Glas Wasser auf die erhitzten Steine gegossen. Seltsamerweise ist die Hitze, die man spürt, und die manchmal unerträglich werden kann, weniger von der tatsächlichen Temperatur abhängig als vom emotionalen Zustand.
  2. Westen: Man bittet um Hilfe für alle seine Angehörigen, die einem nahe stehen, damit auch sie die Öffnung finden. Gesundheit ist der Normalzustand; wenn Menschen ihn verlieren, haben sie es selbst gewollt. So bittet man eigentlich darum, daß sie ihr Gleichgewicht wieder finden.
  3. Norden: Hier, zur Integration, kommt nun der entscheidende Akt der Sweatlodge: Give away — man gibt seine Krankheiten, seine negativen Emotionen, seine Leiden weg. Nichts tut man für sich allein; schon beim Eintritt in die Sweatlodge muß jeder sagen: for all my relations, was bedeutet, sowohl für alle Angehörigen als auch für alle Teile des eigenen Wesens, unter Einschluß der eigenen Inkarnationen. Es mag nun sein, daß eine Krankheit aus Schuldgefühl aus diesem Leben stammt, als Selbstbestrafung, aber auch aus früheren. Wie dem auch sei: Wenn man sich entschließt, sie wegzugehen, dann verliert man sie, sobald der Entscheid wirklich bis in die Tiefe geht.

Ich hatte damals Diabetes. Ich war erstaunt zu bemerken, daß es zehn Minuten dauerte, bis ich den Mut fand zu sagen, ich gebe sie weg. Was zeigt, daß man sich an die Krankheiten als Lebensform, als Zeitvertrieb, gewöhnt; daß sie eine Art Pseudosinn geben; oft nicht nur für einen selbst, sondern auch für die ganze Umgebung.

  1. Osten: Der entscheidende Teil dieser Zeremonie — es ist die einzige, die ich kenne, es gibt aber natürlich unzählige andere, je nach Zielsetzung und auch Überlieferung — ist die Anrufung, der Invocation Count. Anstelle einer Liturgie haben die Indianer die heilige Zählweise von 20 Wesenhütern, von denen gehören zehn zum Tonal — sie sind in unserer Welt — und zehn zum Nagual — sie stellen Verbindungen zum energetischen himmlischen All dar. Dies ist der eigentliche Schlüssel, den meines Wissens vor Swift Deer und Hyemeyohsts Storm niemand vermittelt hat, und der für viele Stämme auch in seiner Bedeutung unbewußt ist, wie für uns die sprachliche Grammatik im Alltagsleben.

    Die drei vorigen Viertel — zwischen diesen wird die Loge immer aufgemacht und neue Steine werden gebracht, um die Hitze aufrechtzuerhalten — geschehen im Dunkeln. Wenn jemand in Gefahr ist, darf er den Raum verlassen.

    Nun bittet man aber alle Wesen des Universums, zu kommen und anwesend zu sein, und niemand darf mehr den Raum verlassen. Jetzt brennt eine Kerze als Symbol des Ostens — das des Westens ist die Erde, des Südens das Wasser und des Nordens anstelle der Luft der Mais.

Arnold Keyserling
Vom Eigensinn zum Lebenssinn · 1982
Neue Wege der ganzheitlichen Pädagogik
© 1998- Schule des Rades
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