Schule des Rades

Arnold Keyserling

Vom Eigensinn zum Lebenssinn

4. Durchbruch zum Imaginalen

Conjurers Count · 8/12

Viel schwerer aber als die Bedrängung durch die Kultur — nicht richtig französisch zu sprechen, einen Bach von einem Vivaldi nicht zu unterscheiden oder aber Homöopathie gegen Allopathie hervorzuheben — ist das tatsächliche Lebensunglück des Menschen, wenn er etwa in den sozialistischen Staaten für Jahre ins Gefängnis kommt wegen absurder Vergehen, oder sein Leben lang in materieller Abhängigkeit vom Kapitalismus verharrt. Nur durch die Weckung und Aufrechterhaltung der Lebensangst ist dies zu erzwingen, und es wird auch seit Jahrtausenden immer wieder durchexerziert in allen Schichten; man denke nur an die grausamen Pseudoriten der Burschenschaften oder Handwerker, die Ochsentour der Politiker, ja die Demütigung, die immer von Menschen geübt wird, die selbst gedemütigt wurden und werden, wie dies Alice Miller von den KZ Mannschaften beschreibt. Hier muß man nun tatsächlich sich auf die Erdgöttin konzentrieren, auf das Vertrauen, daß alles zum Leben Notwendige immer da ist, weil es nicht vom Menschen, sondern von der Erde kommt. Die Christen haben das sogenannte Gottvertrauen auf jene Bereiche eingeschränkt, wo es der staatlichen Manipulation nicht schadet. Dagegen muß man sich darüber Rechenschaft ablegen, daß absolut alles jenem zur Verfügung steht, der seine tatsächlichen Motive akzeptiert. Wie dies in einer patriarchalisch verseuchten Gesellschaft möglich ist und was für Mittel wir einsetzen können, um der Manipulation den Garaus zu machen, davon werde ich später sprechen.

Eine der falschen Voraussetzungen der bürgerlichen Entfremdung ist, daß alle Vorstellungen, alle Einbildungen vom denkenden Menschen selbst gemacht werden, als ob etwa Gehirnwindungen Nº. 37 Drachen erzeuge, Nº. 26 den Falltraum, Nº. 17, daß ich nackt unter Angezogenen bin und mich geniere, Nº. 28, daß ich im falschen Zug sitze und nicht hinaus kann. So sehr die psychologische Deutung dieser Bilder hilfreich sein kann — zuerst müssen wir uns darüber klar werden, daß unsere Kreativität nur Kombinieren gegebener Möglichkeiten bedeutet, nicht aber deren Erschaffen.

Träume können der Wiederherstellung des mentalen Gleichgewichts dienen, stellvertretende Wunscherfüllungen im Sinne von Freud sein, aber sie können auch sehr viel mehr. Der Traumzustand ist kein Schlaf, sondern ein Wachzustand, von dem aus ich in andere Bereiche eindringen kann, dorthin, woher der Sinn kommt. Ein Bild, das ich befrage, zeigt mir den nächsten Schritt, eine weitere Vision, die mein Leben intensiv werden läßt und aus der Banalität hinausführt. Es gibt keine schlechte Lage, weil jede geistig eine andere Möglichkeit eröffnet, aber das nur dann, wenn ich es glaube.

Bei 8/12 ist es notwendig, daß ich mich auf meine Schönheit — Venus — auf die Erdgöttin besinne, die mir helfen will; so komme ich aus aller Gefühlsbedrängnis heraus. Hier handelt es sich aber um das Erleben meiner eigenen Fülle; ich muß den Mond akzeptieren, jene Göttin, die wir uns früher als Helferin holten, und die die Indianer als White Buffalo Woman verehren, als den Geist aller Pflanzen — die mütterliche Frau im Mond, im Unterschied zur Geliebten, die mich wieder in das Fühlen bringt.

Die Schamanen raten einem, für Nº 8 sich einen kleinen Schrein im Haus an unbemerkter Stelle zu machen, wo man einen Gegenstand hineingibt, der für einen die Beziehung zur Göttin darstellt.

Bei 7/13 muß man der Ganzheit seines Körpers vertrauen, und jede Regung, die er hat, als Ansatz für eine Bewußtmachung verwenden, im vollen Vertrauen, daß es die Welt mit mir gut meint.

Arnold Keyserling
Vom Eigensinn zum Lebenssinn · 1982
Neue Wege der ganzheitlichen Pädagogik
© 1998- Schule des Rades
HOMEDas RAD