Schule des Rades

Arnold Keyserling

Vom Eigensinn zum Lebenssinn

4. Durchbruch zum Imaginalen

Conjurers Count · 6/14

Vielleicht die größte Gefahr der Identifizierung mit einem Über-Ich ist der Geist, die eigene Vergangenheit, eine bestimmte Gestalt der Geschichte, Vater und Mutter, oder auch ein Ichbild in Form eines Archetypus — Prophet, Weiser, Heiler etc. Leicht kann solch ein Mensch besessen werden, dies sogar tatsächlich von jemandem, der gestorben ist, und es nicht weiß.

In Brasilien ist der Spiritismus des Allan Kardec zu einer Religion geworden, und die Priester bemühen sich, Gestorbenen, die nicht wissen, daß sie tot sind und daher die Lebenden bedrängen, dazu zu bringen, sich der neuen Welt im Nagual anzuvertrauen.

Ein Mann beschwert sich etwa mittels eines Mediums, das in Trance im Kreis der Gemeinde sitzt, daß sich niemand mehr um ihn kümmert. Er muß erst langsam davon überzeugt werden, daß er tatsächlich gestorben ist, und der weibliche Körper etwa des Mediums nicht sein eigener ist. Die magische Formulierung lautet: dreh dich um. Ich habe das selbst in zwei Fällen erlebt, wo bei einem schwachen Ich eine Besessenheit stattgefunden hatte. Es gelang mir, den Toten davon zu überzeugen, daß er sich dem Licht zuwendet und nicht mehr versucht, seine nicht zuende gebrachten Geschäfte durch auf der Erde Lebende ausführen zu lassen.

In unserer Zeit ist die Angst vor dem Tod und den Toten so groß, daß kaum einer bewußt stirbt. Doch diese Hilfe der Spiritisten ist nur für die Gestorbenen, für den Lebenden ist die Befreiung durch die schamanische Reise zu erreichen, wie sie Michael Harner in seinem Buch über Schamanen beschreibt und wie ich sie selbst erlebt habe.

Der Mensch in seiner Rolle auf der Erde ist im Unterschied zum Tier nicht ökologisch eingeordnet, sondern selbst eine Spezies. Diese zu werden, mag ihm ein Tiergeist verhelfen. Dazu muß er in der Imagination in die Unterwelt reisen, um von einem Tier erwählt zu werden, das ihm fortan als sein Tonal helfen wird — genau so wie wir für die uns inspirierenden Geister Tonal sind; man kann also das Holon, das Chi, auch für das Verhältnis des Menschen zum All verwenden.

Solange ein Mensch in einer verbalen Religion verharrt, bleibt ihm der eigene Zugang verschlossen, und man soll niemanden dazu animieren, der es nicht selbst möchte. Doch meine Erfahrung und auch die von Harner ist, daß heute jeder, der überhaupt damit in Berührung kommt, die schamanische Reise ohne Schwierigkeit vollzieht und dadurch einen schier unglaublichen Zuwachs an Vitalität gewinnt.

Manche Stämme verwenden als Einstieg Drogen, die meisten einfach eine Trommel, die das rechte, visionäre Gehirn aktiviert. Zuerst muß man sich eine tatsächliche Höhle als Eingang in die Unterwelt vorstellen, eine, die man kennt. Die Navahos haben eine besondere Höhle zu diesem Beruf. Der Führer trommelt, während man die Erinnerung ausführt, bis man tatsächlich vor dem inneren Auge die Höhle sieht. Nun öffnet man hinten die Höhle, es entsteht ein Tunnel, und durch diesen schwimmt man zum Klang der Trommel hinunter in das Land der Tiergeister. Nach einer gewissen Zeit, 5 bis 10 Minuten, kommt man zum Ausgang des Tunnels und tritt ein in das Land der Tiere, spaziert dort für etwa 20 Minuten herum. Nun muß man darauf achten, welches der Tiere, die man sieht, einem viermal begegnet, denn dieses ist es — 4 ist die Zahl der Tiere — das zu einem möchte, einem erwählt.

Es kann auch sein, daß ein Tier sofort kommt. Ich habe die ersten Male mühselig Vorstellungen zu bilden versucht, bis ich bei der vierten Reise auf einmal einem riesigen Frosch begegnete, in dem ich mich dann befand und durch dessen Mund ich blickte. Dieser Frosch hat sich seither als mein Helfer und Verbündeter herausgestellt; es gibt auch andere, aber an ihn kann ich mich wenden, sobald ich eine Frage habe, die ich nicht beantworten kann, er wird sie mir nicht verbal sagen, sondern tanzend in der Vorstellung zeigen.

Nach zwanzig Minuten unterbricht der Schamane das Trommeln mit vier Schlägen. Dann beginnt der Weg zurück. Mit dem Tier im Arm, oder auf ihm, wenn es zu groß ist — es ist schwer, eine Giraffe im Arm zu halten — strebt man zurück zum Eingang des Tunnels, schwimmt gemeinsam mit dem Tier durch die Luft hinauf, kommt wieder in seine Höhle und danach in den Raum, in dem die Übung stattfindet. Danach fragt der Schamane jeden einzelnen Teilnehmer am Ritual nach seinem Tier, visualisiert es, bläst es in den Kopf und fixiert das Bild mit vier Schlägen.

Die zweite Reise des Schamanen geht dann nach oben. Man stellt sich eine existente Feuerstelle vor und verläßt das Haus durch den Kamin; wahrscheinlich sind aus dieser Übung die Hexengeschichten entstanden. Man schwebt mittels des Rauchs nach oben, sieht erst das Haus, die Stadt, die Umgebung, das Land. Die Fahrt wird immer schneller, bis man die ganze blaue Erde wie auf einem Satellitenfoto sieht. Dann dreht man sich um und kommt in die erste himmlische Welt, die der hiesigen sehr ähnlich ist. Hier fordert man sein Tier auf, einem weiterzuhelfen, dieses kommt und führt einen wohin man will. Bei jedem sind die himmlischen Welten anders, es sind Reisen ins Unbekannte. Mir ist kaum jemand begegnet in diesen Ritualen, der von der Tatsache der schamanischen Reise nicht eine ungeheure Vitalisierung erfahren hätte.

Man geht so weit wie man will, bis man den eigenen himmlischen Zugang kennt. Der Schamane führt einen dann wieder zurück. Mittels des Tieres — oder der Tiere, manche haben bis zu zehn — überwindet man die Verhaftung an bestimmte Archetypen oder Menschen, weil das Tier stärker und lustiger ist, und sich außerdem, wie die südamerikanischen Indianer sagen, freut, durch den Menschen die Möglichkeit zu haben, auf der Erdoberfläche mitzuarbeiten. Es ist aber nicht ein einzelnes Totemtier wie bei der zentralafrikanischen Einweihung, sondern die Gattung — ich erlebe nicht einen Frosch als meinen Helfer, sondern Frosch als Gattung.

Die Tierinitiation befreit das sechste Chakra durch Teilhabe an 14, dem Geist aller Tiere, der auch, wie wir bei den zwei Helfern gezeigt haben, der Ursprung des irdischen Vaters ist.

Arnold Keyserling
Vom Eigensinn zum Lebenssinn · 1982
Neue Wege der ganzheitlichen Pädagogik
© 1998- Schule des Rades
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