Schule des Rades

Arnold Keyserling

Vom Eigensinn zum Lebenssinn

4. Durchbruch zum Imaginalen

Conjurers Count · 4/16

Die eigene Strategie des Denkens fährt den Menschen in die stärkste Identifikation mit dem Ichbild, vor allem dann, wenn er um sein Leben kämpfen muß. Rückbindung an eine traditionelle Religion der Liebe, an einen echten Avatar, kann die Vereinsamung erleichtern, und man teilt das Leben in zwei Abschnitte, einen profanen, wo man um sein Überleben egoistisch kämpft, und einen Heiligen, wo man außerhalb der Tonal-Welt die Kommunion mit dem Göttlichen erlebt. Echte Zuwendung zu Christus, Mohammed, Buddha, ja zu Heiligen kann tatsächlich eine Brücke schaffen, wobei der Mensch in der Haltung des Bhakti, der Hingabe, verharrt. Man kann aber auch die eigene Motivation, das Karma, erkennen und aus diesem heraus sein Dharma verstehen, nämlich jenes, das die höchste Antwort auf die gegenwärtige Lage ist. Eine Initiation hierzu ist jene, die Swygard von den Indianern von Florida entwickelt hat.

Während die fünfte Methode auf das Feuer zurückkehrt und sich durch die Suggestion des Wohlfühlens aller traumatischen Erlebnisse und damit Motivationen enthält, geht diese direkt auf die Motive. Sie ist nur zu zweit durchzuführen.

1. Man massiert die Beine des Adepten von den Knien abwärts bis zu den Zehen, die man einzeln aktiviert, und dann den Kopf, den Ort des inneren Auges, mit dem Handrücken.

2. Nun kommt eine mentale Gymnastik im Energieleib, im kinästhetischen Körper.

Hierbei muß man auf den Typus des Adepten achten: Ist er visuell, haptisch oder auditiv? Der visuelle sieht unmittelbar, der auditive muß es sich sprachlich vorsagen, um es zu bewerkstelligen, der haptische spürt es mit dem Tastsinn. Alle Methoden sind gleich wirksam.

Du wächst durch deine Füße — verlängerst deinen Körper — um 30 cm. Du gehst in der Vorstellung in deiner Größe zurück.

Du wächst durch deinen Kopf um 30 cm. Gehst zurück.

Das gleiche für Kopf und Füße um 60 cm. Wieder zurück.

Du wächst durch deine Füße um 90 cm, läßt sie so lang, ebenfalls durch den Kopf um 90 cm, und du bläst deinen Körper mit einem Atemzug auf in der Vorstellung auf 90 cm in allen Richtungen — wie eine Dunloppuppe.

Der Grund hierfür ist, daß laut Don Juan der Doppelgänger in doppelter Größe den Leib verlassen kann, was hiermit erreicht ist.

Du gehst in deine natürliche Körpergröße zurück.

3. Gedächtnisübung, um das Sprechen zu stärken.

Du beschreibst die Eingangstür deines Hauses, so genau wie möglich — Größe, Farbe, Material usw.

Du stellst dich in der Vorstellung auf das Dach deines Hauses und beschreibst die Szene auf der Straße.

Welche Tageszeit ist es? Bei manchen kommt es hier zum echten Erleben, sie beschreiben telepathisch, was tatsächlich passiert, aber es kann noch Vorstellungsübung bleiben.

Du erhebst dich in den Himmel, und legst dich mit dem Rücken zur Erde. Es ist Mittag, du bist über den Wolken und Bergen — also meistens über 500 m hoch. Wenn immer noch Wolken sind, läßt man den Adepten schließlich auf 8000 m steigen oder noch höher, bis es keine mehr gibt. Achte auf das Blau des Himmels. Siehst oder spürst du die Sonne?

Du verwandelst den Himmel in Mitternacht — du bist dir klar darüber, daß du ihn verwandelst. Siehst du die Sterne? Kannst du eine Konstellation erkennen?

Du verwandelst den Himmel in Mittag. Achte auf das Blau des Himmels — ist es heller oder dunkler?

Wiederum Mitternacht. Hat sich etwas verändert?

Wiederum Mittag, wie ist das Blau des Himmels, heller oder dunkler?

4. Der entscheidende Augenblick: Nun schwebst Du auf die Erde, und wenn deine Füße den Boden berühren, bist du in einem früheren Leben, in einer anderen Existenz, einer, die zum Verstehen der jetzigen wichtig ist. Laß dir alle Zeit und sage mir, wann deine Füße den Boden berühren.

Wenn der Adept an der gleichen Stelle seines Hauses wieder landet, muß man ihn nochmals hinaufschicken, und wenn es wieder zurückgeht, dann heißt es, sein Unbewußtes will in diesem Augenblick nicht. Dann kann man es später wieder probieren.

Wenn er landet, folgende Fragen:

Was für Schuhe trägst du? Oder bist du barfuß?

Bist du Bub oder Mädchen, Mann oder Frau?

Wie alt bist du? Diese Frage müssen beantwortet werden, bei manchen dauert es eine gewisse Zeit.

Beschreibe die Landschaft, die du siehst. Meistens ist es auf dem Land, ganz selten in einer Stadt.

Der gleiche Tag, 11 Uhr abends. Beschreibe das Zimmer.

Der nächste Morgen, 11 Uhr. Was tust du?

Nun geht es vorwärts in bestimmten Abschnitten. Bei 30 Jahren:

Du bist 35, was siehst du? 40 · 50 · 60 · 70 · 80 · bis der Adept sagt, er sehe nichts mehr.

Jetzt bist du im Augenblick deines Todes, du verläßt deinen Körper.

Liegst du im Bett, stehst du oder sitzt du, oder wo bist du?

Diese Erfahrung des Verlassens des Körpers ist eine Befreiung, überhaupt gibt es keinerlei Traumas bei diesem Erleben, wenn man sich auf das hintere sprachliche Hirn beschränkt. Manche Heiler versuchen hier eine Reinkarnationstherapie hinzuzufügen, indem sie die Erinnerung durch Bilder der rechten Hemisphäre, wie etwa beim katatymen Bilderleben Leuners, ergänzen. Aber das ist nicht der Sinn dieses Rituals, das dazu führen soll, Motiv und mögliche Intention für die Strategie dieses Lebens zu verstehen.

5. Im Augenblick des Todes: Was hat dir in diesem Leben am meisten gefehlt? Was willst du ergänzen?

Die meisten erleben sich jetzt als geometrische Figur ohne Körper, gehen nach oben in den stellaren Raum. Manche, vor allem Afrikaner, gehen erst nach unten in die Erde und dann nach oben. Sobald sie nun im Weltraum sind und das Gefühl dieser unsäglichen Freiheit der Bewegung haben:

Siehst du irgendein Licht? Bewege dich darauf zu. Was sagt es dir? Was mußt du tun, um dem Licht gewachsen zu sein? Kannst du die Intention formulieren, warum du wieder auf die Erde gekommen bist?

Manche gehen am Licht vorbei, kommen zum Paradies — wie sind diese Wesen? Meistens sprechen sie nicht, lächeln nur, sind von einer unsäglichen Schönheit und Liebe. Alle jene, die diese Vision hatten, möchten so werden, daß sie jenen gleichen können. Eine Griechin erklärte, sie sei vorne weiß und hinten schwarz, sie müßte ganz weiß werden. Ich selbst erlebte diesen Bereich als die Fähigkeit, daß jede Bewegung eine vollendete geometrische Figur wird. Wahrscheinlich gibt es aber so viele Himmel als höhere Integrationsformen, wie es auch Erden und verschiedene Lebensformen gibt.

Wenn man die Intention findet oder auch nicht, dann führt man den Menschen wieder in seinen jetzigen Körper zurück. Die banale Todesangst ist verschwunden, und zusätzlich zu seiner erb- und umweltbedingten Motivation erkennt er seine frühere Existenz und seine innerste Motivation, kann daher besser seine Intention formulieren und seine Strategien von der Anerkennung durch andere loslösen und damit die Freiheit des Denkens erlangen.

Arnold Keyserling
Vom Eigensinn zum Lebenssinn · 1982
Neue Wege der ganzheitlichen Pädagogik
© 1998- Schule des Rades
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