Schule des Rades

Arnold Keyserling

Vom Eigensinn zum Lebenssinn

4. Durchbruch zum Imaginalen

Conjurers Count · 1/19

Der letzte Impuls der Sexualität und der Kreativität ist der gefährlichste von allen, da er den Menschen unmittelbar prägt. Hier ist es nicht die indianische Tradition gewesen, die den Zugang zum Nagual schafft, sondern Freud in einer anderen Interpretation. Die sexuelle Unterdrückung äußerte sich vor allem im Verbot, darüber zu reden, in der Tabuisierung. Freud erkannte, daß der Mensch nur dann eine geistige Entwicklung durchmachen kann, wenn er die physiologischen Stadien der Wandlung des Schwerpunkts der Libido im Bewußtsein nachvollzieht.

oral · melancholisch
Erde
manisch-depressiv

genital · cholerisch
Feuer
schizophren
anal · sanguinisch
Luft
paranoisch

phallisch · phlegmatisch
Wasser
hysterisch

Das Kind assoziiert zuerst die Lust mit der Mutterbrust, es will die ganze Welt verzehren. Dann wendet sich die Libido der Ausscheidung zu. Als drittes findet sie ihre Lokalisierung im Geschlechtsorgan. Das Kind merkt, daß es dieses hat, und als viertes erreicht das Kind physiologisch mit etwa 11 Jahren die Fähigkeit der genitalen Liebe.

Diese vier Stufen gilt es nun nachzuholen in der mentalen Entwicklung, um die Liebesfähigkeit zu erreichen, und jede von ihnen hat die Gefahr einer Geisteskrankheit.

  • Der erste Entwicklungszustand des Menschen in der geschlechtlichen Entwicklung des Erwachsenen ist der oralkaptative, er versucht, alles haben zu wollen, sich mit dem Genuß zu identifizieren, und spürt beim Leiden sich nicht leben. Der Orale hat Angst, sich hinzugeben, zärtlich zu sein, weil er glaubt, sich dann zu verlieren. Er ist als Melancholiker traurig über die Tücke des Objekts, über die Dinge, identifiziert sich mit Augenblicken der Lust und spürt sich verzweifelt in Augenblicken der Langeweile. So neigt er dazu, wenn die Entwicklung nicht weiter geht, ins Manisch-depressive, in den Wechsel euphorischer und melancholischer Perioden, abzugleiten.
  • Dieses Stadium wird überwunden durch das analsadistische, durch Ordnung, Aufsichnahme augenblicklichen Leids zwecks späterer Lust. Der Sanguiniker weiß immer einen Ausweg, kann es sich richten. Doch wenn es ihm schlecht geht, muß ein anderer dafür verantwortlich sein — so liegt die Gefahr der Zwangsneurose nahe, der übertriebenen Ordnung, die in Paranoia, Verfolgungswahn, enden kann.

Der Orale ist traurig, der Paranoiker verstört, wenn er aus eigener Kraft nicht mehr weiter weiß. Er muß hier die Einbildungskraft zuhilfe nehmen, also Ausweg aus dem Imaginalen suchen, und kommt damit ins dritte Stadium.

  • Der Phalliker lebt aus seiner Phantasie, die oft von der Wirklichkeit abweicht; er kritisiert sich und ärgert sich infolge seines phlegmatischen Temperaments über seine Faulheit, oder aber er bemitleidet sich. Dies kann zur Hysterie führen, so daß die Traumwelt für wirklich gehalten wird und die Alltagswelt schließlich dahinter verschwindet. Auch die Sexualität wird zum Exhibitionismus oder Fetischismus, die Vorstellung wird schließlich dem Partner vorgezogen. Nur dann kann er dem Gefängnis seiner falschen Träume entrinnen, wenn er zum vierten, genitalen Zustand durchbricht. In den Worten Erich Fromms, zu lieben, ohne eine Gegenleistung dafür zu verlangen, reine Energie zu sein.
  • Der Choleriker ist in Gefahr, daß sein Aufbrausen das Gleichgewicht des Lebens zerstört, wie dies kulturell im Amoklaufen der Malayen manchmal zum Ausdruck kommt. Aber genital heißt transpersonal, die Liebe ist nur möglich, wenn der Mensch geistig genau so gattungsbezogen ist wie körperlich.

Wer wirklich liebt, fühlt sich als Berufener, als Auserwählter, da er dies tatsächlich von der Gattung her ist. Der Schizophrene glaubt die Berufung, die Aufgabe zu sein, er identifiziert sich mit Christus, ohne dessen Erleben, den Avatar als Aufforderung zu nehmen, selbst etwas zu werden.

Die Reihenfolge der Stufe als fortschreitende Integration, wobei die frühere immer erhalten bleibt — ein jeder bedarf eines gewissen Maßes an Oralität, Analität und phallischer Selbstbehauptung — scheint unausweichlich. Doch die vierte Stufe des Genitalen verlangt, daß die Aufgabe tatsächlich existentiell anerkannt und im Tonal verwirklicht wird.

Jeder Mensch lebt notwendig in einem bestimmten Verhältnis zu allen vier Stufen. Es gibt ein von Jean Houston entdecktes Ritual, daß die nagualische Entsprechung der vielfältigen Bewegungen aller vier Stufen nachvollzieht und damit dem Menschen in einer Gruppe das Vertrauen gibt — vorausgesetzt natürlich, daß er seine Sexualität auch verbal akzeptiert. Dies geschieht durch vier Bilder.

  1. Erde, Oral. Ein Krokodil erscheint in der Hauptstraße des Ortes. Was mache ich damit? 3 Minuten Uhrzeit.

Diese Anordnung wird getroffen, damit der innere Zeuge alles für den Menschen notwendige Bildmaterial in der gewollten Zeit zutage fördert. Dieser erste Teil, die Überwindung der Melancholie, geschieht mit Humor, fast jeder schmunzelt, wenn die Imaginationen vor seinem geistigen Auge vorbeiziehen.

  1. Ich stehe in einem Zimmer vor einem Spiegel, schaue mich an — wie alt bin ich? So alt wie jetzt, oder anders? Wie bin ich gekleidet?

Ich gehe durch den Spiegel hindurch. Was finde ich auf der anderen Seite? Bin ich älter, jünger, nicht vorhanden? 3 Minuten Uhrzeit.

Organisch bedeutet das das Durchschreiten des corpus callosum von der linken zur rechten Großhirnhemisphäre. Jünger von Gurus, das habe ich immer wieder erlebt, haben Schwierigkeiten, sich auf der anderen Seite wiederzufinden, meistens sind nur Tiere da oder ihr grinsender Meister. Hier gilt es genau so beobachten, was man tut, denn dies bedeutet die endgültige Überwindung des Ichbildes und den Beginn des Eintritts in das Imaginale. Dies ist die Anjochung des analen Stadiums.

  1. Ich bin im Wald an einem Kreuzweg. Ich höre Pferdegetrappel, schaue, von wo das Pferd kommt. Es kommt näher: ein Reiter im Purpurmantel, ein Gerippe mit Krone, das mir vom Pferd einen goldenen Becher herunter darbietet. Was tue ich? Trinke ich, laufe ich weg, wie ist mein Verhalten?

Dies ist der Eintritt in die dritte imaginale Phase des Mythos. Fast jeder erlebt einen ganzen Roman, der eine trinkt und reitet mit dem Gerippe davon, der andere schmeißt es vom Pferd und setzt sich allein darauf, wieder andere trinken nicht und setzen den Becher irgendwohin, manche verkaufen ihn, weil er aus Gold ist.

  1. Die entscheidende Übung: Ich stehe vor einem Hügel, darauf steht ein Kristallschloß. Ich steige eine Freitreppe hinauf und gehe in das Schloß. In der Mitte ist ein Saal mit einem kreisrunden Tisch aus Kristall, umgeben von leeren Stühlen. Darauf steht eine Vase mit Früchten oder Samen. Ich esse einen Samen oder eine Frucht. 3 Minuten Uhrzeit.

Fast jeder, der die Übung macht, erlebt Metamorphosen, verwandelt sich in einen Baum, einen Vogel, oder das ganze Schloß explodiert, er wird unendlich groß, kann fliegen. Damit hat er die magische Sphäre des Feuers erreicht, er erlebt die himmlische Welt in der Imagination und hat eine ungeheure Freude.

Wesentlich ist, daß bei allen diesen Ritualen die anderen beinahe atemlos den Erzählungen lauschen, denn alles ist echte Dichtung, keine Konstruktion. Die Deutung macht jeder für sich, andere bringen nur ergänzende Amplifikationen zum Thema, um es plastischer zu machen. Denn das Entscheidende ist, aus dem Imaginalen heraus zu handeln, die nagualische Inspiration im Tonal zu verwirklichen.

Diese altsteinzeitlichen Rituale sind meines Erachtens den neuen mystischen Übungen weit überlegen, sind einfach und direkt. Aber die Einstiege sind allesamt persönlich. Wie kann nun die Gemeinschaft selbst auf das Imaginale geeicht werden und damit den machthungrigen Psychopathen entzogen werden?

Die Antwort liegt im heiligen Kreis des Gesetzes. Bei der Schlacht von Wounded Knee sagte einer der Indianerführer, nie hätte die Katastrophe der Indianer geschehen können, wenn diese nicht den Kreis des Gesetzes verlassen hätten. Kirchen, Parlamente, Versammlungsorte, Tempel, sie alle sind durch die Verbrämung von Geist und Geschichte verunreinigt worden. Doch ihnen liegt die gleiche Lehre von den heiligen Himmelsrichtungen zugrunde, durch welche der Mensch imstande ist, Tonal und Nagual aufeinander abzustimmen und lebendige Brücken zum Himmel zu bauen.

I n d i a n e r r a d

Dieser Kreis ist sowohl im Raum als auch in der Zeit wirksam.

  • Im Raum kommt man zusammen und setzt sich je nach Einstellung in den Kreis. Die Künder sitzen im Osten,
  • jene, die das Wissen und die Geschichte vertreten, im Südosten;
  • solche, die naive Fragen stellen und alles auf die Unschuld zurückbringen, im Süden;
  • jene, welche averbale Bilder, Inspirationen herbeibringen, die nachher von anderen interpretiert werden, im Südwesten.
  • Im Westen, dem Ort der Frauen, handelt es sich darum für die Gemeinschaft alle Schuld aufzulösen, alle Fragen, alle offenen Probleme, Kränkungen etc. durch den give-away zu beseitigen.
  • Im Nordwesten ist der Ort, wo die Entscheidungen getroffen werden, wie die echten Bedürfnisse aller zu befriedigen sind.
  • Im Norden gilt es, die gemeinsame Lage zu verstehen und zu klären, so daß niemand von anderen ausgenutzt wird und alle mitreden können.
  • Schließlich werden im Nordosten das Neue, die Entdeckungen, Erfindungen und Gestaltungen berücksichtigt und besprochen, so daß der Mensch mit seiner lebendigen verbalen Inspiration am Ganzen mitwirken kann.

Der räumliche Kreis kann jederzeit geschaffen werden, wo Menschen sich zusammenfinden. Dies wird die eigentliche Revolution der Wassermannzeit werden, daß der Thing, der Rat des Gesetzes, wieder die entscheidende ethische Rolle erhält und so langsam die falschen Interessenvertretungen ersetzt. Die tatsächliche Wandlung wird wahrscheinlich Jahrhunderte dauern, genau so wie erst 700 Jahre nach Beginn der Fischezeit die antike Volksreligion endgültig begraben wurde. So sterben auch die Ideologien schwer, weil viele Menschen noch nicht dazu reif sind. Der Weg, Katastrophen zu vermeiden, ist: unter keinen Umständen gegen Ideologien kämpfen — damit man ihnen keine falsche Energie zukommen läßt — sondern das besprechen und tun, was im Augenblick möglich ist. Jegliches Feindbild ist falsch; wir alle sind Teil des Menschen im All, der kosmischen Gattung. Dies wird durch die mittleren Zahlen ausgedrückt:

5
Der Süden der Mitte, bedeutet, daß der einzelne Mensch ohne Hierarchie in seiner Unschuld den Ausgangspunkt bildet, daß man immer auf ihn und seine Bedürfnisse zurückgreift.
10
im Norden heißt, die Weltgrammatik zu kennen, den gemeinsamen sprachlichen Grund des Verstehens, damit niemand in seiner Strategie ausgeschlossen wird.
15
im Osten bedeutet, daß die Inspirationen immer aus der Gattung Mensch im Einklang mit Sonne und Erde entstehen, also keine kleinere Gruppe als Einheit akzeptiert wird.
20
im Westen heißt, daß der Tod die Hingabe, das Leben für die anderen das Ziel bleibt, denn nur, wenn man gibt, kann man die Inspiration wieder erreichen. Keiner darf sich berechtigt fühlen, im heiligen Kreis Eigen- oder Gruppeninteressen über jene der Menschheit zu stellen.

Der Zeitkreis sind die acht Sonnenpunkte, die acht Richtungen in der Zeit.

SO
Die Öffnung des Geistes geschieht am 5. Februar, auf 15° Wassermann, als dieses Zeitalter begonnen hat, und wo die Chinesen seit jeher den Jahresbeginn ansetzten.
O
0° Widder, in der Nähe der christlichen Ostern, ist der Ort, an dem der Mensch die Auferstehung erlebt, wenn er sich der Erde in der Kreuzigung hingibt.
NO
15° Stier, das Marienfest, ist die Heiligung der Erde, die Freude am pflanzlichen Wachstum.
N
0° Krebs, der Nordpunkt des Kreises am längsten Tag, ist der Ort, wo man in der Nacht in der Meditation durchstoßen kann zu seinem Wesen.
NW
15° Löwe, die Walpurgisnacht, ist der Einklang mit Pflanze, Tier und Stein, die Naturkommunion, fälschlich von den prophetischen Religionen verdammt.
W
0° Waage, 24. September, Michaelstag und Yom Kippur in der jüdischen Tradition, ist der Tag der Hingabe, wo alle Verschuldung zwischen Menschen zu lösen ist, die sich zur heiligen Gemeinschaft rechnen.
SW
Bei 15° Skorpion tritt man mit allen Seelen in Beziehung, ist das Tor des Traumes vom Tonal zum Nagual offen,
S
und am 23. Dezember, bei 0° Steinbock ist Weihnachten, das Lichterfest, wo man die Erneuerung jedes Wesens, die Wiedergeburt des Menschen feiert.

Alle Religionen entstammen dem gleichen raumzeitlichen Urgrund, und ihre Feste und Traditionen werden sich nach anfänglichen Schwierigkeiten in den gemeinsamen Strom einordnen; jeder Avatar gehört zu 16, zum Fest des Geistes, er ist eine lebendige Brücke zum Jenseits, der man in Dankbarkeit gedenkt. Der Kampf des Menschen richtet sich nicht gegen Ideologien, sondern dagegen, daß der einzelne aus Angst von anderen für seine Zwecke mißbraucht wird; so sind der Ansatz der neuen Welt nicht die Politik, nicht die Wirtschaft, auch nicht die Vereinten Nationen; so positiv diese auch wirken, entstehen sie dennoch aus dem Ausgleich der Interessen, sind tonalisch ohne Rückbindung zum Nagual. Der einzige Ort, wo der Kampf positiv sein kann, ist die Wandlung der Pädagogik — daß der Mitmensch mit den Worten Kants, nicht mehr Mittel, sondern Ziel allen persönlichen und kollektiven Strebens wird.

Arnold Keyserling
Vom Eigensinn zum Lebenssinn · 1982
Neue Wege der ganzheitlichen Pädagogik
© 1998- Schule des Rades
HOMEDas RAD