Schule des Rades

Arnold Keyserling

Vom Eigensinn zum Lebenssinn

1. Entfaltung der Sinnlichkeit

Raum

Elektromagnetische Wellen werden durch das Auge als Licht wahrgenommen und bilden die Grundlage des Raumerlebens der rechten Großhirnhemisphäre. Während der Ton andere potentielle Tonerzeuger über die Longitudinalwellen im Rahmen der ganzzahligen Proportionen in Resonanz versetzt, ist Licht zwischen Emission und Absorption, Strahlung und Aufnehmen.

Der Stoff des Hörens, des Erlebens von Zeitfolgen und Rhythmen, ist körperhaft, die Bewegung ist in der Masse. Der Stoff des Sehens ist energetisch, in dauernder Bewegung. Das Nacheinander der Töne ergibt das Zeiterleben der Dauer, das Miteinander des Lichts ergibt das Raumerleben der Vision, in welcher alles Wissen sich zu einem Überschaubaren Ganzen zusammenfügt. Dieses Wissen kann nun von einer Voraussetzung ausgehen, dann ist es von dieser abhängig, wie etwa die Medizin vom Willen des Heilens, oder die Biologie vom Grundbegriff des Lebens im Unterschied zur anorganischen Materie. Es kann aber auch vom Subjekt ausgehen, und dann wird es verständlich aus den Gesetzen der Kontinuität, der Geometrie.

Alle Winkel im Halbkreis sind rechte: Geometrie ist unmittelbar evident. Doch Raum gibt es nur von einer Mitte aus gesehen: rechts-links, hinten-vorn, oben-unten beziehen sich auf ein Subjekt. In einem sich drehenden Kreis verlangsamt sich die Drehung nach der Mitte zu, die virtuell und für das Erleben tatsächlich ruhig verharrt. So wie der Augenblick in der Gegenwart für das Ohr Vergangenheit und Zukunft trennt und allbezogen ist, so ist die Mitte — Konzentration, Meditation, Kontemplation — der Schwerpunkt des Bewußtseins.

Im Sehen muß die Mitte des Wissens errungen werden, wie im Hören die Meisterung der Tonfolgen und Rhythmen. Viele Wege der Verinnerlichung sind in der Geschichte bekannt, und alle sagten sie im Ursprung, daß, wenn einmal die Mitte erreicht ist, der Weg unwesentlich wird. Und dennoch geben die Vertreter dieser Wege nach innen, zur Integration hin wie die psychologischen Methoden, oft ihren Weg als den einzigen aus, mit dem Erfolg, daß sie die Mitte verfehlen und immer unterwegs sind.

In Krisen, in existentieller Bedrohung kommt der Mensch von selbst in die Mitte. Sein Bewußtsein erwacht und lenkt das Wesen. Daher ist die reine Welt des Lichts, der Formen und Farben — gerade Strahlen ergeben sich in der Reflexion des Lichts im Spiegel, und das Rund der Sonne oder des Mondes ist das Urbild des Kreiserlebens — die Voraussetzung aller Vision und allen Wissens. Die Farben zeigen die Gesetzlichkeit des Lichts. Von der Materie her, den Pigmenten, lassen sich alle Farbtöne aus einer Mischung der Grundfarben Blau, Rot, Gelb herstellen; die Dreiheit ist auch hier das Gesetz der Gestaltung. Dagegen nimmt das Auge sechsfältig wahr: zwischen Rot und Grün, Blau und Gelb, Schwarz und Weiß. Gegenfarben ergeben im Pigment Grau, im Licht Weiß. Das weiße Licht, der Aufmerksamkeit des Bewußtseins entsprechend, kann experimentell durch Gegenfarben erreicht werden; darüber hinaus durch jegliche geometrische Gliederung der Farben in einem Kreis.

Dieser Kreis ist nicht im Licht gegeben; dem Sonnenspektrum des Regenbogens fehlt das Purpurrot, welches als Gegenfarbe vom Chlorophyll der Pflanzen aus Rot und Violett vereint wird. Die Gesamtheit aller Farben läßt sich am Modell der Erde veranschaulichen: der Nordpol sei weiß, der Südpol schwarz. Durch die Erde verläuft die Grauachse, auf der Oberfläche sind die klaren Farben, am Äquator jene gleicher Helligkeit. Die Farben gleicher Intensität im Sonnenspektrum des Regenbogens wären um 1/16 zum Äquator geneigt, entsprechen also der Ekliptik; denn das Gelb des Regenbogens ist heller als das Violett.

F a r b r a u m

Diese heliotrope Richtung der Farben kennzeichnet die Gesetze des Lebens im Gegensatz zu jenen des Sterbens. Wählt man ein Gelb, das dunkler ist als ein Violett, so kennzeichnet das die Farben der Verwesung, des Todes. So tragen die Farben in sich einen weiteren Gegensatz, jenen von Leben und Tod, Freude und Leid.

Bei den Tönen entspricht dies Dur und Moll: bei den Untertönen wird der Raum vermehrt, bei den Obertönen die Zeit. Die untere Oktave bedeutet doppelte Wellenlänge und halbe Schwingung und erreicht im Quintenschritt f, die für das Ohr einen Mollklang bedeutet. Bei den Farben ist die Dissonanz lichtbezogen, und das Streben nach dem Licht erscheint als Metapher geistiger Läuterung.

F a r b k r e i s

Jung hat gezeigt, daß der gekreuzte Kreis immer auftaucht bei psychischer Integration, und für mich persönlich war dessen spontanes Auftauchen mit 21 Jahren der Ansatz der philosophischen Arbeit. Wie die Töne lassen sich auch die Farben in einem zwölffältigen Kreis gliedern: die Grundfarben Blau · Gelb · Rot haben als Gegenfarben Orange · Violett · Grün, und dazwischen bilden sich weitere Farben:

Wie die Übung der Rhythmen und Töne dem Menschen neue Methoden, Bewegungsabläufe zugänglich macht, so läßt das Auge im selben Rahmen immer neue Inhalte integrieren. Holographisch sind der Speicherung keine Grenzen gesetzt, aber sobald der Mensch sein Subjekt nicht in der Mitte hat, so geht er sich verloren. In Indien gibt es die Übung des Yantra, alle Bewußtseinsinhalte in einer geometrischen Figur anzuordnen und damit zu beherrschen — was letztlich der etymologische Sinn des Wortes Verstehen ist. Was nicht Teil dieser Vision ist, kann nicht als Wissen gebraucht werden. Ethisch formuliert kann der Mensch nur dann selbstbestimmt sein, wenn er total verantwortlich ist, wenn er aus seiner Mitte heraus und nicht aus der Peripherie wirkt. Durch die Arbeit mit Formen und Farben, durch die Anordnung der tatsächlichen, persönlichen Bewußtseinsinhalte kann dies erreicht werden. Es gibt für diese Zentrierung auch einen kritisch einsichtigen Raster, aber den werden wir später betrachten.

Arnold Keyserling
Vom Eigensinn zum Lebenssinn · 1982
Neue Wege der ganzheitlichen Pädagogik
© 1998- Schule des Rades
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