Schule des Rades

Arnold Keyserling

Vom Eigensinn zum Lebenssinn

1. Entfaltung der Sinnlichkeit

Licht

Wie das hauer’sche Zwölftonspiel den Menschen in den ganzen Reichtum der Töne einführt, so kann auch das Malen des Farbkreises das Bewußtsein der Visionen erzeugen und damit deren Tor eröffnen. Im Ton ist der Mensch zentrifugal, Yin, Ich; in der Vision ist er positiv aufnehmend, Yang, allbezogen. Die Erdmitte ist tatsächlich unsere Bewußtseinsmitte, unterhalb ihrer gibt es keine Integration. Eine weitere Orientierung wird durch die Körpersinne erfahrbar, die die Zustände der Materie zwischen Emission und Absorption bewußt machen: Der feste Zustand im Tastsinn, der flüssige im Geschmackssinn und der gasförmige im Geruchssinn.

Alles ist Licht: Wird die Schwingung kreisförmig, entsteht Materie. In dieser lassen sich verschiedene Stufen unterscheiden, die durch Bewegungsgeschwindigkeit bzw. Wärme definiert werden:

Hitzepunkt, strahlende Energie, c
gasförmig
flüssig
fest
Kältepunkt, reine Absorption, Schwarzes Loch, k

Das schwarze Loch ist vollständige Ruhe, ist der Augenblick der Aufmerksamkeit, wenn links der Moment, oder rechts die Mitte des Vorstellungskreises erreicht wird. Hier ist der Mensch ganz aufnehmend, empfangend, Geschöpf des Alls.

Jedwedes Wesen, jede Monade hat als Bewußtseinsmitte ein schwarzes Loch, eine Unbeweglichkeit, weil allein aus ihr die Zeit wahrnehmbar wird und durch die innere Ruhe ein Gegenpol des Alls entsteht. In einem Kreis ist der Punkt ruhend, in einer Kugel wie der Erde die Achse; auf den Erdmittelpunkt bezogen, erreicht der Mensch die Möglichkeit der Fülle des Alls. Dies geschieht am leichtesten durch den Tastsinn, das Gewahrwerden der Körperlichkeit, des mineralischen Zustandes; die Richtungen vorn-hinten, links-rechts, oben-unten entsprechen den Wachstumsrichtungen des Kristalls. So erlebt der Mensch über den Tastsinn, wenn der die Achse im Stehen, Gehen und Sitzen nach unten erfährt — wie dies im Tai Chi oder im Yoga gelehrt wird — Augenblicke der Ruhe und damit der Freude. Das reine Tasten ohne Sehen, wie etwa sich mit den Händen durch einen Raum voll Gegenständen zu tasten, schafft eine große Befreiung.

Der flüssige Zustand wird durch den Geschmackssinn wahrgenommen — auch feste Nahrung wird erst flüssig schmeckbar. Während der feste Zustand dem Mineral gleicht, oder das Mineralbewußtsein einschließt (und seine eigene Freude hat, die vor allem der Bildhauer erlebt), ist der flüssige Zustand auf Wahren der Oberfläche, im freien Raum der geschlossenen Form gerichtet. Die Erde ist eine Kugel, weil sie größtenteils im flüssigen Zustand ist; auch der Mensch besteht zu 74% aus Wasser. Dies ist die Beziehung zu den Trieben, die immer wieder auf Ausgleich drängen, und damit auch zu den Pflanzen.

Der luftige Zustand ist über den Atem zugänglich, der im steten Austausch existiert und seinen Sinn im Geruch hat, womit die Tiere Gefahren und Beute identifizieren können.

Schmecken ist auf dem Erleben von Leben und Tod gegründet, weshalb der Zugang zur Nahrung oft durch Schuld verdeckt ist, die etwa durch strenge Diät überwunden werden soll. Riechen dagegen nimmt den Stoffwechsel in Kauf und findet seinen Platz — das menschliche Großhirn als Schwerpunkt des Denkens hat sich aus dem Geruchszentrum, der Fähigkeit der Identifikation entwickelt. Aber darüber hinaus hat der Mensch zur Vision selbst, zum inneren Licht Zugang, zum göttlichen All, welches ihm von Augenblick zu Augenblick seine instinkthaften Inspirationen zugänglich macht, wenn er zum Urvertrauen durchstößt, das den Gegenpol seines leeren Bewußtseins bildet.

Dem physischen Körper entspricht ein Vorstellungsleib, ein Körperschema; Bewegungen sollten erst im kinästhetischen Leib — dem Phantomkörper — durchgeführt werden, bevor man sie macht. Dies ist nun das eigentliche Geheimnis des Empfindens: eine Bewegung, mit voller kinästhetischer Bewußtheit durchgeführt, gibt Kraft, eine solche, die aus dem Gedächtnis erfolgt, verbraucht Energie, wahrscheinlich aus dem Speicher der Leber.

Alle Kriegskünste der Ostasiaten zeigen, wie der Mensch eine viel größere Kraft hat, wenn er seine imaginale Fähigkeit einschließt; Sinnesdaten sind Zeitrhythmen der Energie, stehende Wellen, die ein Vielfaches von der Kraft vermitteln können, die durch Essen oder Luft aufgenommen wird. Bewußt gerochenen Atem wird bei den Indern zur Pranakraft, bewußt geschmecktes Essen wie bei den Taoisten in ihrer genauen Gliederung der fünf Geschmäcker vermeidet jede Müdigkeit. Der kaukasische Philosoph Gurdjieff hatte die Fähigkeit, Essen so abzustimmen, daß es zur wahren unassoziativen Aufmerksamkeit führte.

Unassoziative Wahrnehmung öffnet notwendig den Weg nach innen zum Bewußtseinskern, und nach außen zum Urvertrauen, zum Erleben der Geborgenheit in der Liebe. Bei den meisten Menschen ist dies durch die Verbalisierung, die Ebene des Denkens verstellt. Doch auch solche können eingespannt und in echte Strategien verwandelt werden. Nur in der Vision und im Nullpunkt ist der Mensch ganz er selbst — im Atmen ist er Tier, im Wasserhaushalt Pflanze und im Wachstum und Gestalten Mineral. Hat er aber die Gesetzlichkeit aller Sinne averbal integriert — indem er einmal mit der Gesamtheit, der Klaviatur der Sinne des Empfindens vertraut wurde — dann kann er das Gefängnis der Reflexion und dessen vermeintliche Sicherheit sprengen.

Das bürgerliche Ideal der Erziehung war die Bildung, die Schaffung einer persönlichen Kultur, sei es, nominalistisch-empirisch in der Gemeinsamkeit der Wollenden wie in England und Amerika, sei es realistisch-marxistisch in der Mitarbeit an einem Schatz des Wissens, welches von Mensch zu Mensch objektiv vergrößert wird; die Sinnlichkeit sollte unterdrückt werden, an ihre Stelle der Gebildete treten. Es ist symptomatisch, daß die protestantischen Pfarrer als Theologen Talare trugen gleich den Professoren; der Himmel wurde in den letzten Jahrhunderten immer mehr der akademischen Sphäre gleichgesetzt und formaler Aufstieg in der Schule als menschlicher Reifeprozeß betrachtet, so daß der habilitierte Professor schließlich die Krone der Schöpfung bedeuten mußte. Tatsächlich aber ist das Subjekt nur persönlich, in der Vertiefung und im Erkennen der Offenbarung der Wirklichkeit, im Empfinden zu entdecken, und das ist dem einfachen und unverbildeten Menschen leichter als dem Gebildeten, vor allem wenn dieser dem Glauben an die alleinseligmachende Wissenschaft zum Opfer gefallen ist.

Arnold Keyserling
Vom Eigensinn zum Lebenssinn · 1982
Neue Wege der ganzheitlichen Pädagogik
© 1998- Schule des Rades
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