Schule des Rades

Arnold Keyserling

Vom Eigensinn zum Lebenssinn

2. Klärung der Strategien

Wirklichkeit

Im letzten Jahrhundert wurde Wirklichkeit in immer höherem Maß mit Aussagen über die Wirklichkeit verwechselt; der sinnlich-phänomenalen Welt sollte eine numenale, eine materiale oder gesetzliche Welt zugrundeliegen. Sinnesqualität könnte genau so vernachlässigt werden wie Subjektivität, ja letzteres galt als unwissenschaftlich und beinah als Schimpfwort; nur das Objektive dürfe Geltung haben. Und selbst die Sinne, diese Brücken zwischen Wesen, Welt und anderen Wesen, wurden als Data, als Gegebenheiten im Positivismus erfaßt. Alles Subjektive in der Wissenschaft sollte um die Jahrhundertwende — als die Dualität Kraft-Stoff alles beherrschte — zur Tür hinausgeworfen werden. Aber wie es so oft in der Geistesgeschichte gegangen ist: kaum hat man den Animismus, die Allbeseeltheit oder Allbewußtheit der Welt zur rechten Tür hinausgeworfen, ist sie mit Planck, Heisenberg und der neuen Physik durch die linke wieder hereingekommen: Anstelle der Gesetze spricht man von Beziehungen zwischen spontanen Monade; ihr scheinbar gesetzmäßiges Verhalten ist tatsächlich nur der Ausdruck der Statistik, der Wahrscheinlichkeit des Verhaltens. Objektive Wissenschaft kann es nicht geben, da jeder Versuch, ja selbst jede Frage an die Welt notwendig den Fragenden, also das Subjekt, einbezieht. Daher ersetzt der Wiener Physiker Pietschmann den Begriff objektiv durch intersubjektiv. Wissenschaft galt als der Höhepunkt menschlicher Sicherung — tatsächlich ist sie aber ein Gehäuse innerhalb der Welt, welches diese mehr oder weniger wohnlich machen könnte. Zwischen Wissenschaft und Technik besteht kein Wesensunterschied. Beide sind auf Zahlen, Worten, Beziehungen und Verhältnissen aufgebaut, und in sich, wie Max Weber es formulierte, wertneutral.

Den Erfolg dieser sogenannten Neutralität erleben wir heute in der Atombombe als sozialer Wirklichkeit und in den bedrohlichen Aussagen der Futurologie: Wenn man alle Linien der gegenwärtigen Situation durchzieht, dann ist eine Katastrophe für die Erde unausweichlich. Linien durchziehen heißt am numinosen Wert der Wissenschaft festhalten, der für das bürgerliche Publikum heute die päpstliche Autorität ersetzt hat: Wenn heute 50 Nobelpreisträger erklären, Zucker sei schlecht für die Gesundheit, so geht dessen Verkauf wesentlich zurück — es sei denn, die Vertreter der Zuckerindustrie bezahlen 50 andere Nobelpreisträger, um zu beweisen, daß Süßstoff bei Ratten zu Krebs führt, wenn diese täglich ihr Gewicht in Süßstoff verzehren.

Die Herrschaft der Experten beginnt die Freiheit des Menschen ebenso zu bedrohen wie die Monopole der Waffen. Es gilt die Wissenschaft zu entgiften, in ihre eigentlich nützliche Rolle zurückzuführen, als sinnvoll für den Menschen. Dieses wird sie nur dann, wenn sie nicht als Tempel des Geistes, sondern als Summe der Strategien des Lebens betrachtet wird. Nur strategisch wird eine Wissenschaft sinnvoll, weil sie dann einem einzelnen Subjekt zuzuordnen ist.

Solange aber Wissenschaft Wirklichkeit bedeutet — schon bei Kant als die Verwechslung von 100 möglichen und 100 wirklichen Thalern gegeisselt, welche wohl einem Philosophen, nie aber einem Kaufmann unterlaufen könne — erlernt der Mensch diese ehrfürchtig als Teil eines Weges, muß jegliche eigene denkerische Intuition durch Fußnoten belegen und fühlt sich als Teil der unendlichen Kette der noblen Forscher für die Wahrheit. Damit wird die Wissenschaft zum Götzen, und ihr Mißbrauch seitens der KZ-Ärzte ist nur das offensichtlichste Beispiel einer allgemeinen Haltung, die aus diesem Moloch notwendig entspringt, wenn man ihn nicht bändigt und demokratisch verantwortlich macht.

Wissenschaft ist keine Beschreibung der Wirklichkeit, sondern eine Sprache, die ihre Manipulation ermöglicht. Jegliche Wissenschaft ist eine besondere Sprache, bestehend aus Wortschatz — Terminologien wie Volt, Ampere, Spannung etc., für die Elektrizität; aus Regeln, wie die Begriffe zu verbinden sind — nicht viel anders, als wenn man auf französisch einander mit Commentallez-vous? begrüßt, ohne sich tatsächlich für das Befinden des anderen zu interessieren; ferner aus echten Beziehungen, die ein bestimmtes Verhalten prägen, und schließlich aber auch aus einer Fähigkeit des Fragens, der Hypothesenbildung, des Experimentes, der Logik und Mathematik.

Mit Ferdinand de Saussure, Ernst Mach, der Wiener Schule mit Carnap und Wittgenstein, Lévi-Strauss, Lee Whorf, Korzybski und anderen ist die Sprachlichkeit der Wissenschaft erkannt und bestimmt worden. Aber solange sie als Gebäude von Tatsachenwissen und Gegebenheiten und nicht als Strategien verstanden wurde, mußte sie in die Entfremdung des Bewußtseins führen. Der echte sokratische Dialog bedeutete, daß der Mensch in jedem Augenblick wieder zum strategischen Ansatz, zum Sinnverstehen finden kann, und daß erst dann der Dialog weiter geht. Man kann prinzipiell alles verstehen, was in Worten gefaßt ist, es sei denn, es wäre falsch, gegen die Gesetze der Logik und Mathematik konstruiert; dann ist es nur ein falscher Gebrauch der Sprache, an einem Beispiel Wittgensteins veranschaulicht, nach dem Gedächtnis zitiert: Wenn ich sage, bring mir das Buch, ist deine Handlung eine Folge meiner Worte? und wenn ich sage, Buch mir das Bring, und du schaust mich erstaunt an, ist das meine Absicht, oder lag es in der Formulierung? Nur Menschen können die Sprache gebrauchen, wenn sie zur Verantwortung für die Wirkungen ihrer Handlungen gezogen werden können. Hierzu ist es notwendig, den gemeinsamen Grund von Sprache und Strategie genau zu bestimmen, wobei wir bei den Erkenntnissen des 1. Kapitels ansetzen werden.

Meistens ist der menschliche Bezug einer Wissenschaft in den gelehrten Gremien, in Kongressen zu finden, wo Physiker oder Ärzte ähnlich miteinander verkehren wie früher Offiziere der Kavallerie, und gleich diesen auch auf die Infanteristen — wie etwa die harten auf die weichen Wissenschaften — herabschauen. Solange dies nur putzige Sitten sind, ebenso wie man in das Leben der Professoren leichter Eingang durch Besuch der Ehefrau gewinnen kann als durch das Studium seiner Werke, könnte man es zur Folklore rechnen, wie etwa Eskimos sich bei Begrüßung die Nase reiben, Europäer die rechte Hand geben, um zu zeigen, daß sie keine Waffe drin tragen und Inder nie die linke verwenden, da diese im Volk Ersatz für das Klosettpapier ist. Aber Wissenschaft prägt unsere technische Welt, und darum ist die Entmythologisierung sowohl ihres Inhaltes als auch ihrer Vertreter die Voraussetzung, um zu einem menschenwürdigen individuellen Dasein zurückzukehren.

Die linke Hemisphäre des Großhirns eröffnet über das in der Zeit tonal ablaufende Empfinden das Tor zur Wirklichkeit, die rechte Hemisphäre veranschaulicht die räumliche Gemeinsamkeit der Trieb- und Traumsphäre des Fühlens. Das Modell des Empfindens ist linear, alle Sinne sind zwischen zwei Schwellen als Skala zu begreifen, wie Töne zwischen 16 und 20.000 Hertz. Das Modell der Vision, der Formen und Farben ist dreidimensional. Das Denken befindet sich zwischen Empfinden und Fühlen, Sinnen und Trieben, kann beide Sphären in flächiger Projektion über Wort, Zahl und Maß verbinden, hat aber dazu noch einen eigenen Charakter, den wir nun im folgenden bestimmen wollen.

Alle Wissenschaft hebt im Denken an. Die rechte Hemisphäre, zeitlich, ist arithmetisch zu begreifen, die linke, räumlich, geometrisch. Das Denken vereint Geometrie und Arithmetik, Anschauung und Begriff, clare et distincte in den Worten von Descartes, zu Schlüssen, zu Urteilen, die entweder wahr oder falsch sind. Nur die wahren gliedern sich zum Wissen. Man kann einen Gedanken, wie einen Witz, nicht zweimal verstehen; so ist alles Denken dynamisch, auf Fortschritt gerichtet, und verlangt immer wieder das Nichts, den Ansatz des Fragens.

Arnold Keyserling
Vom Eigensinn zum Lebenssinn · 1982
Neue Wege der ganzheitlichen Pädagogik
© 1998- Schule des Rades
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