Schule des Rades

Arnold Keyserling

Das Erdheiligtum

5. Befriedung der Erde

Mitarbeit am Werk

Das Bewußtsein der Erde verlangt heute die Überwindung der patriarchalischen und matriarchalischen Bedingtheit, die nur Durchgangsstufen auf dem Weg zur Selbständigkeit waren. In Kants Worten:

Es gilt die Befreiung aus der unverschuldeten Unmündigkeit durchzuführen.

Dazu gibt es zwei Vorbedingungen, symbolisiert in der Bedeutung des Wassermannzeichens Körper-denken. Die erste verlangt, die körperliche Achse auf die Erdmitte zu eichen, sich als Strahl der Erdkraft zum Himmel zu erfahren. Hierzu dienen viele Wege: in der Ruhe der Yoga, in der Bewegung Tai-Chi, die chinesischen und japanischen Kriegskünste, in der Therapie die Trancevertiefung und die Primärerfahrung, in der Gemeinschaft der Tanz im afrikanischen Sinn, oder die Weckung der Fähigkeit zur ursprünglichen Bewegung aus der Mitte mittels der Arbeit von Feldenkrais. Bei jedem Menschen mag das Finden der Achse andere Methoden erfordern, aber es muß erreicht werden, weil sonst die Himmelsrichtungen nicht existentiell erlebt werden können.

Die zweite Vorbedingung ist die Bereitschaft, durch philosophische Erkenntnis des Rades die eigene Anlage als Weg zu verstehen und den bekenntnishaften Ideologien zu entsagen. Ein Horoskop bedeutet nicht das kausal und final vorherbestimmte Schicksal, sondern die Möglichkeit, immer neue Gebiete in den Lebenskreis als Aufgabe einzubegreifen. Hierdurch löst sich der einzelne aus seiner väterlichen und mütterlichen Bindung, versteht sein Leben als Entwurf, der sich im Schreiten von Tag zu Tag erfüllt. Das Horoskop ist die Taufe der Wassermannzeit, es ersetzt die Zugehörigkeit zu Volksgruppen und Kulturen im neuen planetarischen Bewußtsein.

Die vier göttlichen Kriterien des Menschen sind die Liebe als Träger der großen Bindekräfte, die Erkenntnis der Struktur des Rades als Schlüssel der kleinen zum Erreichen des persönlichen Wachstums im Denken; die Vision des Menschen im All als Forderung zur Erfüllung der eigenen Funktion in der Gattung, die alle gemeinschaftlichen Loyalitäten überwindet, und schließlich die Mitarbeit an der Erde, die Hilfe für die Erdgöttin, um ihre ursprüngliche Schönheit wieder herzustellen und weiter zu entfalten. In der Wassermannzeit als sechster Epoche der Menschheitsgeschichte ist nicht mehr Befreiung oder Erlösung das Ziel, sondern Mitarbeit und bewußte Entfaltung des geistigen Leibes.

Hierzu gilt es durch Kenntnis des Rades Raum und Zeit als Rahmen der Gegenwart zu fixieren, welcher Rahmen die traditionellen Kulturen ablöst. In jedem der Erdhäuser:

  1. Person
  2. Besitz und Unterhalt
  3. Werdegang
  4. Familie und Heim
  5. Meisterung und Erziehung
  6. Arbeit und Wirtschaft
  7. Recht und Gemeinschaft
  8. Initiative, Tod und Enthaftung
  9. Offenbarung und Verlebendigung der Tradition
  10. Beruf und Berufung
  11. Werk, Zivilisation und Freundschaft
  12. Einsamkeit, Ganzwerdung und Rückbindung gilt es den entsprechenden Lebensbereich zu erstehen und zu integrieren.

Es gibt keine katastrophalen Lagen, denn jede Wirklichkeit hat ihre Möglichkeit, jedes Problem findet seine Antwort aus dem Nagual, wenn man richtig fragt. Daher gilt es herauszufinden, was das Problem ist und wie es gelagert ist. Zeitlich werden die Offenbarungen zugänglich (bei Tag- und Nachtgleiche; an anderen Tagen muß man die lokale Häusertafel zu Rate ziehen):

  1. Für persönliche Probleme zwischen 4 und 6 Uhr morgens,
  2. für besitzliche und solche der Gestaltung zwischen 2 und 4 Uhr,
  3. solche des Werdegangs zwischen Mitternacht und 2 Uhr,
  4. Familienprobleme zwischen 22 und 24 Uhr,
  5. solche der Meisterung und der Sexualität zwischen 20 und 22 Uhr,
  6. Probleme der Arbeit zwischen 18 und 20 Uhr.
  7. Gemeinschafts- und Kommunikationsprobleme zwischen 16 und 18 Uhr,
  8. der Enthaftung und der Initiative zwischen 14 und 16 Uhr,
  9. das Verstehen von Richtung, Religion und persönlicher Offenbarung zwischen 12 und 14 Uhr,
  10. berufliche Fragen werden zwischen 10 und 12 Uhr einsichtig,
  11. solche der Kultur, des Werkes und der Freundschaft zwischen 8 und 10 Uhr,
  12. und solche der Ganzwerdung und Rückbindung nach Sonnenaufgang zwischen 6 und 8 Uhr.

Zum Verständnis der Probleme setzt man sich zur angegebenen Zeit in eine der acht Heiligen Richtungen.

  • Fehlt einem die Hoffnung, die Eingebung, die Vision, sitzt man mit dem Rücken zum Osten.
  • Kann man nicht für sich einstehen, dann sitzt man im Westen.
  • Fehlt einem das Vertrauen zu anderen, und hat man die Unschuld verloren, dann ist der Süden der Ort.
  • Sucht man nach Eifersucht und Integration, nach Abstimmung von Wissen auf Können, so setzt man sich mit dem Rücken zum Norden.
  • Mangelt einem das Verständnis der eigenen historischen Rolle, die Verbindung zu Vorfahren, das geistige Verstehen, dann erfährt man es im Südosten.
  • Will man seine Träume für Visionen transparent machen und strebt nach Kommunion mit den Naturgeistern, so ist der Südwesten der Ort.
  • Sucht man durchzustoßen zur Befriedigung der Bedürfnisse seiner selbst und anderer, dann setzt man sich mit dem Rücken nach Nordwesten, und
  • will man seine Rolle, seine Medizin in der menschheitlichen Zivilisation verstehen, dann ist der Sitzort im Nordosten.

Aus diesem ursprünglichen Raumzeit-Zusammenhang sind in der Altsteinzeit und Neusteinzeit alle Riten und heiligen Orte entstanden; doch haben sie sich später den patriarchalischen und matriarchalischen Kulturformen eingegliedert und damit ihre Kraft verloren. So gilt es, die Erdheiligtümer wieder zu begründen. Man wird die Orte finden und entdecken, die von der Natur her in besonderem Einklang mit Erde und Himmel sind.
Die Erdheiligtümer sind die neuen Zentren der Wassermannzeit.
Kommen Menschen im Thing zusammen, wählt sich jeder die Aufgabe, die ihm im Augenblick liegt, und setzt sich in die entsprechende Richtung.

  • Die historisch Bewußten in den Südosten,
  • Künder und Propheten in den Osten,
  • Künstler und Gestalter in den Nordosten,
  • die Klärer, Integrierer und Programmierer in den Norden.
  • Die Sozialhelfer, die menschlich Verantwortlichen in den Nordwesten.
  • Diejenigen, die zu Wort und Tat als Wollende stehen, in den Westen.
  • Jene, die dem Traum und der Vision zu offen sind und das Besprochene durch averbale Bilder ergänzen, in den Südwesten.
  • Jene, die Vertrauen und Unschuld wiederherstellen und imstande sind, Kommunion mit jedermann zu pflegen, in den Süden.

Dies ist seit altersher die Art, wie sich im Achterrad Menschen zusammenfinden, um sich der Inspiration für das Zusammenwirken in Frieden zu öffnen. Die Wassermannepoche ist die Zeit des Friedens, wie es im 11. Zeichen Tai des Buchs der Wandlungen beschrieben wurde.

Arnold Keyserling
Das Erdheiligtum · 1988
Die Ur-Riten von Raum und Zeit
© 1998- Schule des Rades
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