Schule des Rades

Arnold Keyserling

Das Erdheiligtum

1. Vom homo sapiens zum homo divinans

Der Steinbruch

Die Vision von Teilhard de Chardin ist Wirklichkeit geworden: Die Erde ist heute analog der menschlichen Gehirnstruktur als Noosphäre gegliedert.

  • Der westliche Kapitalismus entspricht der linken Hemisphäre des Großhirns mit ihrer Betonung des analytischen Durchsetzens;
  • der östliche Sozialismus, in seiner Suche nach Sicherung und Geborgenheit durch Verhinderung der Ausnützung von Menschen durch andere, entspricht der Motivation der rechten Hemisphäre.
  • Die nördlichen Industriestaaten, in Entsprechung zur hinteren Zone des Denkens, haben virtuell die Möglichkeit geschaffen, daß alle Überlebens­probleme gelöst werden könnten,
  • und die südlichen sogenannten Entwicklungsländer in Entsprechung zum inneren Auge des Vorderhirns wahren die religiösen Traditionen.

Aber die Mitte fehlt. Solange der Mensch nicht zu seinem vertikalen Einklang mit Himmel und Erde durchdringt, bleibt er an das entfremdete ideologische Bewußtsein gebunden.

Die Erde ist kein toter Himmelskörper, sondern ein lebendiges weibliches Wesen. Sie hat es satt, als Mutter oder Großmutter bestimmt zu werden, die man beliebig ausnutzen kann; sie ist eine liebende Göttin, die umworben und gepflegt werden möchte. Nur dann, wenn der Einklang mit ihr gewollt und erreicht wird, kann der Mensch jene Kraft finden, die ihm seine eigene Vision, seinen eigenen Sinn und damit die Freude zugänglich macht.

Durch die indianische Überlieferung war uns 1980 und 1981 die Bedeutung der heiligen Himmelsrichtungen bewußt geworden, die zu den Parametern der Zeit traten, in denen ich seit vielen Jahrzehnten heimisch bin. Die Vollendung der Ars Magna als Grammatik des Bewußtseins und der Welt hat das Rüstzeug geschaffen, um den eigenen Lebenssinn aktualisieren zu können. Aber es fehlt noch jene Genossenschaft, die den einzelnen hält und ihn führen könnte. Diese gilt es nun nicht in Form einer Elite zu erfinden, sondern zu entdecken.

Am 25. Oktober 1982 hatte ich in der Nacht die Vision, ich müsse ein Erdheiligtum im Sinne der Altsteinzeit gründen. Pennicks Buch über die Geomantik hatte mir die ursprüngliche Konzeption der heiligen Bauten und Städte bewußt gemacht. Zwar hatten wir seit langem den Wunsch gehabt, einen Ort zu finden, an welchem wir unmittelbar die Qualitäten von Raum und Zeit erfahren könnten. Aber dies blieb theoretisch, bis ich innerlich den Auftrag hörte, ich muß in der Kronenzeitung — dem meistgelesenen populären Blatt in Österreich — eine Anzeige aufsetzen, und die Erde würde antworten. So erschien am 29. Oktober folgende Annonce: Suche abgelegenes Grundstück, zum Beispiel alten Steinbruch, für Erdheiligtum zu pachten oder zu kaufen. Die Annonce erschien Freitag, und Samstag früh meldete sich der Waldbauer Leopold Wieshaider aus Hintersdorf, der erklärte, er habe einen geeigneten Ort, aber dieser sei in den letzten Jahren als illegales Mülldepot mißbraucht worden.

Meine Frau und ich fuhren hinaus, und dort war tatsächlich am Rande eines wunderschönen Buchenwaldes, in der Nähe des Hügelgipfels, ein Steinbruch, der bedeckt war mit Abfällen und Unterholz; mit Autos, alten Kühlschränken, Bierflaschen und hunderterlei Grauslichkeiten — kurz ein Bild, wie die Erde von uns heute behandelt wird.

Beim Gehen zwischen den Büschen spürten wir aber die Reinheit der Schwingung, und zusammen mit Freunden begannen wir nach Abschluß eines Pachtvertrages das Gelände zu reinigen; 22 Fuhren waren notwendig.

Der Steinbruch erstreckt sich von Osten nach Westen und hat eine Länge von ca. 60 Metern. Nach den gröbsten Reinigungsarbeiten wurde im östlichen Teil der Grube, die einer indianischen Kiva gleicht, das Rad ausgesteckt.

Am 7. Dezember 1982 wurde mit 64 Freunden die Einweihung vollzogen. 11:16 Uhr, als die Sonne genau auf 15° Schütze stand, wurde ein Meteorstein in die Mitte des Rades versenkt und ein Pfeil — der später aus Chromnickelstahl ersetzt wurde — auf den Polarstern gerichtet; damit wird die elektromagnetische Energie des Himmels mit der Schwerkraft der Erde verbunden.

S t e i n k r e i s
Steinkreis in Hintersdorf bei Wien — NO-Fest 2005

Der Aszendent des Augenblicks war in Hintersdorf 15° Wassermann, was zeigt, daß dieser Ort diese Bestimmung hatte. Nach einer kurzen Vertiefung in die Bedeutung der Gründung und einer Anrufung aller Wesen des Universums umschritten wir siebenmal nach altem Ritus den Kreis in Sonnenrichtung. Die Füße waren schwer von Lehm; leichter Nebel ließ die Wipfel der Buchen, die über dem Rad mit Reif bekleidet einen Dom bildeten, märchenhaft erscheinen. Allen Teilnehmern wurde eine tiefe Freude beschert, eine innere Heiterkeit, die sich den ganzen Tag fortsetzte.

In den nächsten Tagen verschmolzen für mich Traum und Wachen zu einer Einheit, und immer klarer schälten sich die Züge jenes neuen Bewußtseins heraus, in das wir alle auf der ganzen Erde hineinwachsen, ohne daß es spektakuläre Zeichen dafür gäbe, obwohl viele Menschen an unausweichliche Katastrophen glauben, vom Atomkrieg bis zum Weltuntergang. Aber diese Untergangs­stimmung meint nicht die Wirklichkeit, sondern den notwendigen Tod der ideologischen Mentalität; nur im Einklang mit Himmel und Erde ist der nächste Schritt des menschlichen Abenteuers zu vollziehen.

Arnold Keyserling
Das Erdheiligtum · 1988
Die Ur-Riten von Raum und Zeit
© 1998- Schule des Rades
HOMEDas RAD