Schule des Rades

Arnold Keyserling

Das Erdheiligtum

2. Fülle der Zeit

Kreis der Motivationen

Heute, mit der virtuellen Einheit des Planeten, erweisen sich all diese Wege als mögliche Kombinationen der gleichen Urelemente des Rades. Nur in ihrer Gesamtheit können sie den einzelnen befähigen, seinen persönlichen Sinn, seine Dichtung zu beginnen, zu welcher die Traditionen nicht mehr das Vorbild, sondern das Sinnbild liefern. Wir wollen nun den Kreis der Motivationen und der Intentionen im Nacheinander schildern, weil sich aus ihnen der Zeitrahmen ergibt, der die Ideologien des homo sapiens in der Erdreligion kampflos überwindet.

Die Reihenfolge von Wollen, Empfinden, Denken, Fühlen in der Bedeutung der Tierkreiszeichen ist gegen den Uhrzeigersinn, sie spiegelt das Jahr und den Lebenskreis, den Entfaltungsweg des einzelnen. Doch die Arbeit des Tages ist bereits auf die Gattung gerichtet: der Sonnenaufgang als Ansatz des Wollens, die Wachheit des mittaglichen Empfindens, die sprachlich denkerische Kommunikation des abendlichen Sonnenuntergangs und die Traumvertiefung des Fühlens der Geisterstunde der Mitternacht lassen sich nur im Menschheitsrahmen integrieren. Diese Richtung bildet den Ansatz der rechtsläufigen Entfaltung von Körper, Seele und Geist. Hieraus entsteht der zwölffältige Bewußtseinsrahmen jenes Menschen, der seine Bewußtseinsmitte in der Erdmitte lokalisiert hat.

Der Kreis der Motivationen ist biologisch die Art und Weise, wie der Mensch seine Umwelt im Bild seines Organismus schafft und artgemäß verwandelt. Die verschiedenen Inbegriffe des Bewußtseinskreises sind auf bestimmte Organe des Großen Menschen, der Gattung, geeicht; ihre Begründung habe ich an anderer Stelle gegeben; ihre Richtigkeit ist aber unmittelbar zu erfahren und bedarf keiner Rationalisierung, da ein jeder sie in sich entdeckt.

  1. Seele-wollen (Widder, Kopf und Nervensystem) bestimmt das Motiv des Ordnens und Führens, der Persönlichkeit, des Ich.
  2. Körper-empfinden (Stier, Nacken und Sinnesorgane) hat als Motiv die empfindbare Welt auf die eigene Gestalt und ihre Reichweite als Wirkwelt zu beziehen; es ist das Gebiet von Besitz und Eigentum.
  3. Geist-denken (Zwillinge, Arme und Lunge) sehnt sich nach Austausch von Information, nach Lehren und Lernen, nach Kommunikation, um den eigenen Werdegang zu beginnen.
  4. Seele-fühlen (Krebs, Brust und Magen) zeigt das Verhältnis zu Heim und Wurzeln mit der Motivation der Harmonisierung der Familie, von Eltern und Kindern.
  5. Körper-wollen (Löwe, Rücken und Herz) bestimmt die Sehnsucht nach Können und Meisterschaft in Ausdruck und Spiel.
  6. Geist-empfinden (Jungfrau, Bauch und Eingeweide) zeigt das Verhältnis zur Werterzeugung, Arbeit und Geld und hat als Motiv die Vermögensbildung.
  7. Seele-denken (Waage, Hüften und Nieren) bestimmt die Sehnsucht nach sozialer Anerkennung und Kontakt, nach Gemeinschaft und Bindung, sowie der Ausscheidung aller jener, die nicht die gesellschaftliche Sittlichkeit akzeptieren.
  8. Körper-fühlen (Skorpion, Geschlechtsorgane und Muskeln) ist die Freude am Einsatz der Kraft, von Mut und Initiative, bestimmt ferner das Verhältnis zum Tod und äußert sich in der Einstellung, wie man problematische Situationen in nutzbringende Gelegenheiten verwandelt.
  9. Geist-wollen (Schütze, Oberschenkel und Leber) eröffnet den Zugang zur eigenen Offenbarung oder Tradition, zu Idee und Aufgabe, durch welche der einzelne menschheitsbedeutsam wird; die gleichnamige Konstellation des Tierkreises der Sterne weist auf das unsichtbare Zentrum der Milchstraße, das durch schwarze Wolken verhüllt ist.
  10. Seele-empfinden (Steinbock, Knie und Gelenke) sehnt sich nach Tüchtigkeit, beruflicher Kompetenz und öffentlicher Machtstellung.
  11. Körper-denken (Wassermann, Unterschenkel — die beiden Säulen der Freimaurer — und Skelett) ist das Motiv der Teilnahme an Kultur und Zivilisation, an Technik, Erfindung und Werk.
  12. Geist-fühlen (Fische, Füße und Milz) ist der Ort des Motivs zur Ganzwerdung, der Regeneration und des Einstiegs in die kosmische Liebe; es zeigt die Sehnsucht nach geistiger Kommunion, All-einsein und Verbundenheit mit der göttlichen Wurzel des Alls.

Jeder Mensch hat seinen Motivationsrahmen in einer Verschränkung von Tierkreis und Häuserkreis im Horoskop, wobei die Sonne einen Ort im Großen Menschen bestimmt; das Zeugenbewußtsein ist also immer gattungsmäßig zu verstehen. Die Sonne ist die Funktion in der Menschheit. Der Wesenskern ist immer überpersönlich.

Bekenntnisse und Kulturen haben diese oder jene Komponente betont oder vernachlässigt, und daher nur jenen die Entfaltung ermöglicht, deren Begabung dieser Dichtung entsprach. Mit der virtuellen Einheit der Erde im Sinne der Noosphäre wird die Gesamtheit der Motivationen heute jedem zugänglich, der sein Schwerkraft- und Wesenszentrum in der Mitte der Erde lokalisiert und aus diesem Nichts, der inneren kreativen Leere heraus zu leben beginnt.

Doch dieser Rahmen bestimmt nur den Einzelmenschen. Für die Religion als Kreis der Intentionen ist die rechtsläufige Komponente der Erwartungen bestimmend, die ihre Parameter im Weltenjahr, dem Entfaltungsrahmen der Menschheit als Gattung, haben. In diesem erkennen wir den Zeitrahmen, der die planetarische Zivilisation der Wassermannzeit zugänglich macht und den Menschen daher auch politisch aus der ideologischen Entfremdung herauslösen kann.

Im Motivationskreis wird jedes der Zeichen im Nacheinander wirksam, wobei die Bedeutung der Häuser durch die Tierkreiszeichen und Planeten abgewandelt wird:

 0 - 7 
Bildung des Ich
 7 - 14
Entfaltung der Beziehung zum Objekt
14 - 21
Zeit des Lernens
21 - 28
Lösung von der Familie und Bildung des eigenen Heims
28 - 35
Durchbruch zum Wesen und zum Können
35 - 42
Finden des Arbeitsrahmens und der Mehrwertschaffung
42 - 49
Erreichen und Festigung der Stellung in der Gesellschaft
49 - 56
Enthaftung vom Besitz und Beginn des Abenteuers
56 - 63
Finden der eigenen Aufgabe
63 - 70
deren Verwirklichung als Berufung
70 - 77
ihre Eingliederung in die Menschheitskultur
77 - 84
Einswerden mit der Liebe, Schaffen der persönlichen Brücke zum Jenseits.

Alle Altersstufen in der Gesellschaft und alle Kastenordnungen — etwa in Afrika die immer größer werdende Verantwortung für die Natur — sind diesem natürlichen Rahmen abgeschaut, dessen methodische und systematische Begründung ich an vielen Orten geschildert habe. Wesentlich für die Eingliederung des einzelnen in Himmel und Erde ist aber der gegenläufige Raster, der die Entwicklung der Menschheit als Gattung kennzeichnet und in welchem wir 1962 in die sechste Zeitepoche, jene des Wassermanns mit einem mentalen Alter von 35 Jahren, als Haus der Arbeit der Menschheitsgeschichte, eingetreten sind.

Der Intentionskreis der Menschheitsentwicklung entsteht astronomisch durch die Wanderung des Frühlingspunktes rückläufig durch den Tierkreis. Dieser verschiebt sich in 72 Jahren um 1°, in 2.160 Jahren um eine Konstellation, und in 25.920 Jahren um den ganzen Kreis. Am 5. Februar 1962 ist der Frühlingspunkt in die Konstellation Wassermann eingetreten, und damit hat das planetarische Bewußtsein virtuell begonnen.

Das Weltenjahr begann, als der Frühlingspunkt in die Konstellation Krebs eintrat. Die frühere Einstimmung mit der Natur wurde einerseits als Verlust der Harmonie betrauert, anderseits als Beginn der bewußten Entwicklung gefeiert. In jedem Zeitalter wurde der Rahmen der Gemeinschaft erweitert. Die Klans der Krebszeit nach der letzten Eiszeit, mentales Alter 0 - 7 Jahre, brachten das Matriarchat mit der Mondgöttin; auch in der Vorschulentfaltung des Kindes steht die Mutter im Vordergrund. Die priesterliche Rolle der Frau als Hüterin der Traditionen blieb in der Stammeskultur durch die Zwillingszeit auch bestehen, 7 - 14, ja bis in die Mitte der Stierzeit mit den Stadtkulturen, wo Lesen und Schreiben entdeckt wurden, 14 - 21. Die Widderzeit mit dem heiligen Volk, 21 - 28 Jahre, und die Fischezeit mit dem Reich, 28 - 35 Jahren, standen ganz im Zeichen der väterlichen Strategie. Am Ende der Fischezeit war seit der Aufklärung nur noch die individuelle wissenschaftliche Lebensart anerkannt, obwohl mit der Tiefenpsychologie seit der Jahrhundertwende die Wiederentdeckung der Instinkte angebahnt wurde.

Seit Beginn der Wassermannzeit ist nun die Menschheit selbst als Gattung zum Rahmen und Gegenpol des einzelnen geworden, und damit ist der ganze Tierkreis zum ersten Mal in der Weltgeschichte bewußt: die väterliche und mütterliche Rolle tritt in die Vorbereitung der Schulzeit zurück; der mündige Mensch ist Freund Gottes im Sinn des Wassermannsymbols, befruchtet aus den Wassern des Nagual die Erde, und gleichzeitig ist im Sinn des VI. Hauses Arbeit an sich selbst und Arbeit an der Welt in Einklang und Wechselwirkung gekommen.

Die Siebenjahresabschnitte von Lebenskreis und Weltenjahr bestehen als visionärer Erwartungsrahmen durch die ganze Epoche und wandeln sich nicht allmählich, sondern plötzlich. Somit haben die nächsten 2140 Jahre — 20 Jahre sind bereits verflossen — den gleichen Charakter, dessen Schwerpunkt die Mitte des Zeichens, 15° Wassermann ist. Der Zufall des gleichen Aszendenten des Erdheiligtums zeigt damit dessen Bedeutung; seine Gründung war echter Kairos, im Unterschied zum Chronos eine trächtige Zeit.

Nicht die Vergangenheit, sondern die Zukunft trägt als Erwartung eine Epoche; die Mythen entsprechen den Instinkten. Wie der Körper nach Maßgabe seiner Motivation die Umwelt verändert, so hat auch die Menschheit Tendenzen, die sich bestimmen lassen; nur wenn diese anerkannt sind, kann der persönliche Lebenssinn von jedem aktualisiert werden. So bildet die Struktur der Wassermannzeit ihr morphogenetisches Feld. Wer dieses akzeptiert und die früheren Koordinaten der Fischezeit aus persönlicher Entscheidung verläßt, wird zum Pfeiler der neuen menschheitlichen Gesellschaft, die sich kampflos und unmerklich aktualisiert, bis sie eines Tages selbstverständlich die ganze Welt umfassen wird.

Was in bisherigen Zeiten allmählicher Übergang schien, war die Tatsache, daß viele Menschen an den alten Koordinaten festhielten. Doch die Überwindung von Vaterbild und Mutterbild ist heute politisch ein allgemeines Postulat geworden. So gliedert sich der Einstellungsrahmen der Erde in folgender Weise:

Arnold Keyserling
Das Erdheiligtum · 1988
Die Ur-Riten von Raum und Zeit
© 1998- Schule des Rades
HOMEDas RAD