Schule des Rades

Arnold Keyserling

Das Erdheiligtum

2. Fülle der Zeit

Das Horoskop der Wassermannzeit

Der Übergang Fischezeit — Wassermannzeit findet zwar auf 0° Wassermann statt, weist aber auf die höchste Erfüllung dieser Epoche hin. Daher ist hier der Aszendent mit 15° Wassermann dargestellt.

W a s s e r m a n n z e i t

I. Wassermann

Das Horoskop tritt an die Stelle des Bekenntnisses, die Anlage wird als Weg erkannt. Sowohl im Miteinander als auch im Nacheinander spricht sich jeder die Gesamtheit menschlicher Möglichkeiten zu und wird die jeweils erschaute zu aktualisieren suchen. Nicht mehr Anpassung, sondern Wachstum ist das Ziel. Geschichte ist nicht mehr heilig wie in den matriarchalischen und patriarchalischen Epochen, sondern wird zusammen mit der Kultur zum Gestaltungsmaterial ohne Eigenwert. Im Horoskop hat jeder den gleichen kulturellen Grund, die Verschiedenheiten bedeuten Arten der Kombination der Elemente, aus denen der einzelne mit seiner besonderen Sinnesmelodie ansetzt.

II. Fische

Besitz und Eigentum sind nur insoweit zulässig, als sie die Schönheit und Entfaltung der Erde fördern. Toter Besitz geht zugrunde; wer durch ihn statische Sicherheit will, identifiziert sich mit Vergangenem und verliert jegliche Hoffnung. Dieser Aspekt des Gestaltens zum Heil aller läßt sich am ehesten mit dem Ethos mittelalterlicher Handwerker vergleichen, die ihr Werk an verborgenen Stellen der Dome ohne Hoffnung auf Anerkennung anonym ausführten. Wer seinen Lebensunterhalt aus dem bestreitet, was für ihn sinnvoll, für andere nützlich ist, kann keiner Krise zum Opfer fallen, die alle jene hinrafft, die den Verdienst rational unmittelbar anstreben.

III. Widder

Die einzigen Gruppen, in denen Menschen heute zusammenfinden, sind psychologisch orientiert. Sie sollen dem einzelnen helfen, sein Ich und seine Kompetenz zu entfalten, wie dies die Pioniere der humanistischen und transpersonalen Psychologie vorgezeichnet haben. Die Gruppendynamik dient nicht mehr kapitalistischen oder sozialistischen Interessen, sondern in der Polarisation mit anderen findet der Mensch seinen Werdegang in der Gruppe der Gleichberechtigten. Der kantische kategorische Imperativ wird soziale Wirklichkeit, daß jeder sowohl Mittel als auch Ziel der Gesellschaft sein sollte.

IV. Stier

Die Nordachse der Wassermannzeit ist im Körper-empfinden auf Einklang mit der Erde gerichtet. Der Mensch hat jene Heimat, die er entfalten kann und die seiner Gestaltungsfähigkeit entspricht; also nicht Wohnung als Statussymbol. Wie einst bei den Chinesen, gilt es bei den nun enttabuisierten Eltern an dem anzuknüpfen, was sie nicht vollendet haben; also Dankbarkeit für ihre Fehler, weil aus dem Mangel allein der eigene Ansatz zu finden ist. Hier ist wohl der größte Gegensatz zum vergangenen Zeitgeist, wo ein Mensch seine Stellung als Repräsentant eines vorgegebenen geistigen Zusammenhangs finden konnte. Nur die eigenen Wurzeln, was immer diese auch seien, bilden das Motiv der Selbstaktualisierung. Aus ihnen entfaltet sich das natürliche Wachstum ohne Kunstgriffe, wie es Feldenkrais so treffend formulierte: Ein Baum erhält kein Diplom dafür, daß er einen Ast treibt.

V. Zwillinge

Die Meisterung bezieht sich auf den Zusammenhang der Information, woran jeder teilhat. Die Wissenschaftsjournalisten sind daher sozial wichtiger als die Wissenschaftler, denn nur das, was allen verständlich wird, hat Bestand. Das morphogenetische Feld enthält alle Informationen der Welt bis heute; an dieses gilt es das rationale Weltbild anzugleichen. Kriterium der Meisterung ist die Freiheit des Klärens und Erklärens; nur das, was jeder begreifen kann, wird Ansatz persönlicher Kompetenz. Das Übertragbare ist der gemeinsame Grund der Weltzivilisation, die auf Vermehrung und dauerndem Austausch aller Informationen beruht. Hierbei ist die Fähigkeit, die Informationen im Sinn des eigenen Strebens, der Motivation und Intention zu verarbeiten, wesentlich, da die sogenannten Gemeinschaftsziele — wie die Weltrevolution im Osten oder das Produktivitätswachstum im Westen — der vergangenen Epoche angehören. Der Mensch ist in seinem Wesen irrational und unvoraussehbar; daher muß er das Voraussehbare und Informative jeden Eigenwertes entblößen und in persönliches Gestaltungsmaterial verwandeln.

VI. Krebs

Arbeit ist nicht ein Drittel des Lebens wie in der ausklingenden Fischezivilisation, sondern ein Zwölftel; sie wird der Befriedigung echter Bedürfnisse dienen. Immer weniger Zeitaufwand wird in Zukunft notwendig sein, um das Überleben zu gewährleisten. Alle andere Bemühung wird der Erde selbst, ihrer Verschönerung und Gesundung zugewandt. Nur jene, die selbst zur Heiterkeit finden im Sinn der guten Laune des Mondes, können auch die Bedürfnisse anderer als Variationen der gleichen Triebstruktur anerkennen, wobei die bisherigen patriarchalischen, angstgeborenen Abhängigkeiten in dem Maße schwinden, wie der einzelne sich traut, seine Wesenswünsche zu verwirklichen.

VII. Löwe

Schwerpunkt der Wassermannzeit ist der Löwe im siebten Haus. Die neue Gemeinschaft ist auf der Liebe gegründet in all ihren Aspekten, von der enttabuisierten geschlechtlichen Liebe bis zum Willen, den anderen gleichberechtigt in seiner Ganzheit zu fördern. Die Gesellschaft wird dichterisch, erfaßt die Möglichkeit der Vollendung jedes einzelnen, wie dies mit dem Begriff Fördernd im Buch der Wandlungen gemeint war. Menschen suchen das Ritual, das gute Gespräch, den Tanz, die Feier in der Freude. Sie kommen nicht zusammen für Geschäfte und Kompetition wie in der vergangenen Epoche, sondern um einander zu bestätigen und zur Erfüllung zu helfen. Während das V. Haus die Teilhabe an der Information verlangt, auf daß sich der einzelne in seinem Können genau erklärt, ist hier das Wesen im Vordergrund. Dieses kommt nicht aus dem Licht und ist nicht aus der Klarheit funktionell zu bestimmen, sondern es strebt aus dem Dunkel zum Licht, wie das Symbol des Luzifer veranschaulicht.
In jedem Zeitalter wird das früher Verteufelte zum Ansatzpunkt; der Eigenwille — bei Bekenntnissen und Ideologien ebenso negativ verurteilt wie die Triebhaftigkeit — wird durch seine Beziehung zur Erde der Entwicklung förderlich. Sobald die freie Gemeinschaft entsteht, in der Menschen nicht mehr die Kritik der anderen fürchten — die sich notwendig immer nur auf Vergleichbares beschränkt — bricht eine höhere Art der Bewußtheit durch, die mehr einem verwirklichten Traum gleicht als einem Plan. Der Mensch der Wassermannzeit erschöpft seine Rationalität in der Kenntnis des Rades. Da ihm dessen Struktur klar ist, läßt er der Dichtung freien lauf. Auf ihrer Grundlage kann sich die Grundstimmung der Heiterkeit und Freude entfalten, wobei die Art und Weise dieser Feiern sehr spontan und immer reicher wird.

VIII. Jungfrau

Die angewandte Wissenschaft und Wirtschaft, in der vergangenen Zeit ideologischen Zielen untergeordnet — wie dem Ruhm des Herrschers oder des Landes, der Wachstumsrate, der Weltrevolution oder dem heiligen Krieg — wird Ansatz zur Verhinderung des Streitens; Probleme werden zu Gelegenheiten. Alle heutigen prophezeiten Katastrophen technischer und wirtschaftlicher Art sind nicht notwendig, sondern politischer Natur; sie können durch die klare Abstimmung der Mittel auf die Ziele beseitigt werden.
Voraussetzung dazu ist, die falschen Ideologien zu ignorieren und auf das Kommende einzuarbeiten, das sich kampflos verwirklicht, sobald es klar vor aller Augen steht. In der Zeit der Massenkommunikation muß sich die Wahrheit durchsetzen, weil eine neue Generation, die nicht mehr in den alten Parametern aufgewachsen ist, sie selbstverständlich vertritt, ja in ihren Problemen den Ansatz zu ihrer eigenen Arbeit findet, wobei die Ökologie, das Gleichgewicht und das Wachstum der Erde, das letztgültige Kriterium sein wird.

IX. Waage

Soziale Gerechtigkeit ist das eingestandene Ideal aller Breiten, wenn auch angstgeborene Eliten immer noch krampfhaft an vermeintlichen Vorrechten festhalten. Doch wahre Gerechtigkeit wird nicht durch demokratische Mehrheitsbeschlüsse und geltendes Recht erreicht, sondern durch Besinnung auf jene ungreifbare Ordnung, die sich nur von Mal zu Mal als echte Offenbarung im Sinn des IX. Hauses dem Fragenden offenbart. Da in der entstehenden Computer-Gesellschaft — in der Computer und Selbstaktualisierung zusammenwirken — alle Geschichte und alles Wissen abrufbares Material darstellt, ist keine falsche Entscheidung endgültig wie in patriarchalischen Zeiten; alles kann immer wieder in Frage gestellt werden.

X. Skorpion

Beruf wird zum Einsatz für das jeweils Mögliche, die öffentliche Funktion wandelt sich, weil nur durch Bewährung ein Mensch die ganze Breite des Spektrums seiner Anlagen verwirklichen kann. Die neue klassenlose Gesellschaft ist nicht politisch durch Revolution, sondern durch Generationenwechsel zu erreichen, sobald die Endlichkeit aller Bedürfnisse akzeptiert ist und die sexuelle Repression ihre Macht verloren hat. Auch hier sind ökologische Gesichtspunkte entscheidend, denn nur im Gesamtzusammenhang der Erde ist die auf echten Wünschen und Motiven beruhende Initiative förderlich und schlägt nicht in Aggression um.
In der Vergangenheit bedeutete Zivilisation Abgeschlossenheit im Rahmen einer Verfassung und beruhte auf dem Feindbild, dem man entgegentreten mußte; nur so konnte sich die patriarchalische Ordnung erhalten. Egoistische Menschen gibt es immer. Der wahre Kampf ist heute in Aktionen für die Natur zu finden, und die Absurdität der Atomrüstung von West und Ost gegeneinander wird später wohl ebenso als Kuriosität belächelt werden wie die elaborierten Eisenrüstungen der Ritter des Spätmittelalters, die, einmal vom Pferd gefallen, nicht mehr aufstehen konnten. Aber in ihrem Eisenbewußtsein nahmen sie die industrielle Ära vorweg — wie die Raumfahrt und die Raketen heute das kosmische Bewußtsein der Zukunft.

XI. Schütze

Das kosmische Bewußtsein wird in der Wassermannzeit in all jenen verehrt, die echte Meister sind, da sie einen Weg ins Ungreifbare, ins Jenseits geschaffen haben. Bereits heute gibt es keine religiöse Veranstaltung außerhalb der Sekten, die nicht konfessionslos ist und Buddha, Mohammed, Christus, Ramakrishna, ja alle Brückenbauer zum Jenseits als Vorhut der Menschheit anerkennen. Aber dies ist nicht mehr als Vorbild zu verstehen im Sinn der imitatio Christi, die mit Erwähltheitsbewußtsein zusammenhängt, sondern als Sinnbilder des eigenen Strebens. Die Gemeinschaft der Heiligen und Weisen erstreckt sich über alle Zonen der Erde, und jeder von uns Menschen ist letztlich berufen, seine eigene Brücke zu bauen.

XII. Steinbock

Das alles ist aber nur möglich, wenn jeder Mensch die totale Selbstverantwortung erreicht und niemand mehr anderen die Schuld oder Verantwortung für sein Scheitern zuschiebt. Durch die Information des V. Hauses steht in Zukunft jedem alle ihn angehende Information zur Verfügung. Beklagen der eigenen Sündigkeit nützt nichts mehr, kein Gott nimmt einem die Verantwortung ab. Hier wird deren vierfaltige Bestimmung bei den Chinesen klar:

  1. für das, was man tut;
  2. für das, was einem zustößt;
  3. hat man die Lage selbst gewollt, und
  4. ist jede Lage notwendig gut, da jede Wirklichkeit eine Möglichkeit hat.

Aber 5. gibt es keine Gemeinsamkeit mehr unterhalb der Einheit der Gattung, des Menschen im All, dem alle Inspiration entstammt. Daher ergibt sich ein politisches Postulat: alle kleineren Gesellschaften und Gemeinschaften als jene der Menschheit ihrer Eigenmächtigkeit zu entkleiden. Dies läßt sich erreichen, wenn die Erde selbst in ihrer Ganzheit zu unserer Umwelt wird und wenn überall an die Stelle der ausschließlichen Raumgebilde mit ihren Loyalitäten der gemeinsame Zeitrhythmus tritt.

Der Tierkreis der Wassermannzeit ist in den letzten zwanzig Jahren eingerastet. Die geschilderten Parameter sind keine Utopie, sondern kennzeichnen das Bewußtsein aller Menschen, die der Aquarian Conspiracy zugehören, dem künftigen Reich des Friedens. Jeder unterliegt von Zeit zu Zeit der Versuchung, sich einer kleineren, gegen Mißstände gerichteten Bewegung anzuschließen, um darin sein kleines Ich zu verlieren. Aber nur im Rahmen des Rades kann einer seine Rolle als Teil des Menschen im All, als Gewahrwerden verwirklichen. Wenn man Kinder in den ersten beiden Lebensjahren betrachtet, so sind sie reines Gewahrsein, reine Antwort. Diese Antwort wird später Verantwortung, und in letzterem Begriff liegt die Gefahr des Größenwahns, nämlich zu glauben, daß Gesellschaft und Zivilisation das Werk einzelner Menschen sei. Um diesen zu vermeiden, muß der Raster des zwölffältigen Tonkreises durch die achtfältige Öffnung des Lichtkreises ergänzt werden, in dem der Mensch seine Wesensmitte in der Erdgöttin findet und diese Geborgenheit, das Grundvertrauen als Voraussetzung zu Urvertrauen immer wieder aktualisiert.

Arnold Keyserling
Das Erdheiligtum · 1988
Die Ur-Riten von Raum und Zeit
© 1998- Schule des Rades
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