Schule des Rades

Arnold Keyserling

Das Erdheiligtum

3. Öffnung des Raumes

Primäre Raumrichtungen

Der Ausgangspunkt des Verständnisses der Raumrichtungen ist der Osten, im Horoskop der Aszendent und im Weltenjahr der Frühlingspunkt. Um die Offenbarung des Nagual zu erreichen, muß man die Mitte des Rades vor sich haben und sich mit dem Rücken nach Osten setzen. Alles taucht im Osten auf, nicht nur die Sonne, sondern der ganze Himmel. Darum ist dies der Ort der Offenbarung, der Inspiration, wo man den nächsten Schritt erfaßt, der die augenblickliche Lage aus dem Nichtgewußten ergänzt.

Bereits die Haltung, auf eine solche Inspiration zu warten, wird zur Sprengung der Reflexionsblase. Als ich im Frühjahr 1981 das erstemal mit dieser Überlieferung vertraut wurde, habe ich mich im Wald einen Monat lang immer wieder in den Osten gesetzt, zusammen mit meiner Frau, deren Platz der Süden war. Während der Zeit des Sitzens erlebte ich nur ein Wohlsein, keine Bilder; diese kamen meistens während der nächsten Nacht.

Unser Körper lebt durch physische Ernährung, durch verwandelte Masse, zu der auch die Atemluft gehört. Unser geistiger Leib hingegen, das elektromagnetische Feld, das die Wurzel der Vitalität dieses Körpers ist und der Sonne entstammt, wird durch Öffnung gegenüber der Energie ernährt, indem die leere Aufmerksamkeit — die Ruhe der Erdmitte — ihre Ergänzung und Erweiterung erfährt, die das Wesen vermehrt. Das Mehrwerden der Integration läßt sich physikalisch als Ausdruck der kleinen Bindekraft, der alchemischen Wandlung verstehen. In der Religion bezeichnet man diesen Durchbruch als Glauben; die Vision des Ostens wird als Auftrag erfahren, von dessen Erfüllung die kommende Entwicklung abhängt.

Sobald Hoffnungslosigkeit einen überkommt, ist die Öffnung nach Osten der Weg zur Befreiung, zur Vitalisierung. Im Gewahrwerden wird die Öffnung jede zweite Sekunde erreicht, wenn die Aufmerksamkeit auf Beobachtung gerichtet ist. Wer aber zu viel auf sich selbst vertraut und sein Leben autonom lenken will, bei dem wird die Aufmerksamkeit nicht auf das Kommende, den Geist gerichtet, sondern auf einen Gedächtnisinhalt, eine Überlegung, und so sperrt sich der Mensch im Wissen ein, wobei er seine geistige Energie verliert.

Der Zugang zum Nagual ist die Vision; sie vollzieht sich über die rechte Hemisphäre, den Traum. Das Licht entspricht der elektromagnetischen Energie, die nicht als materielle Kraft im Sinn der Entropie, sondern ungreifbar als Informationsvermehrung negentropisch zu integrieren ist. Wer sich ihr nicht öffnet, bemerkt sie überhaupt nicht; und in einer Welt, wo alles Geschehen auf die Bemühung der einzelnen Menschen zurückgeführt wird, kann der Geist überhaupt verloren gehen, wie die heutigen negativen Prophezeiungen und die Hoffnungslosigkeit der Ideologien zeigen.

Im Osten geht der Himmel auf, im Westen geht er unter. Untergehen bedeutet Weggeben. Licht wird zur Kraft. Kraft habe ich nur als Steuermann, als jener, der die Mitte gegenüber den anderen und der Welt wahrt, für sich selbst eintritt, seine Wahrheit im Wollen vertritt.

Körperlich ist die Richtung des Ostens die Teilhabe an der Kreativität, im Liebesakt wird jedes Ichgefängnis gesprengt. Die Richtung des Westens bedeutet dagegen, zu sich zu stehen, indem bewußt alles weggegeben wird, was nicht zum Wesen des Augenblicks gehört.

Vor allem gilt es, im Westen alle Krankheiten, alle Leiden wegzugehen. Wer alles hingibt, was nicht zu seinem Wesen gehört, kann nicht anders als freudig sein. Der wird auch nicht so leicht krank. Die Ärzte des Mittelalters, die sich während der Pestepidemien selbstlos um andere kümmerten, wurden selten angesteckt.

Alles ist im Gleichgewicht: Krankheiten im Sinn von Bakterien und Viren können im schamanischen Sinn als Geister aufgefaßt werden, die ihre Aufgabe der Gleichgewichtserhaltung durchführen. Eine Krankheit ist immer die augenblicklich bestmögliche Antwort des Körpers bei einem Menschen, der den Westen, seinen Willen verloren hat. In der Zeit patriarchalischer und matriarchalischer Bevormundung war das Selbstfinden, die echte Willensverantwortung, oft schwer. Wenn Gott als der allmächtige Vater bezeichnet wurde, verwechselte der Mensch die echte Hingabe für andere mit Selbstkritik oder Selbstmitleid, die ihn in seiner Reflexionsblase festhalten.

Um diesen Egoismus zu überwinden, ist das Vertrauen und die Unschuld des Südens der Weg. Der Osten entspricht im Tageslauf dem Sonnenaufgang, dem ersten Gebet, der Sonnenuntergang der gesellschaftlichen Kommunikation, wie auch die Vögel in dieser Zeit miteinander ausschwärmen. Der Süden ist die helle Sonne des Mittags, unter welcher der Mensch alle anderen erblickt.

Die Überlieferung des Südens kam erst durch die Indianer zurück, die die Kommunion mit Menschen, Tieren und Steinen nie verloren hatten. Die materielle Verkörperung des Ostens ist das Feuer als Nachbild der Sonne; jene des Westens der Erde, der Stein, in seiner reinsten Form der Kristall. Jene des Südens dagegen die Pflanze, mit der der Mensch als Seele in Kommunion tritt

Laut indianischer Überlieferung kann man Krankheiten bewußt als fehlgeleitete Energien Bäumen übergeben, wenn man diese als Wesen anspricht und bittet. Theoretische Vorstellungen nutzen hierbei nichts; man muß es laut aussprechen, weil sich die Erdkraft nur über die Sprache oder Gebärde überträgt, während die mentale Vorstellung im elektromagnetischen Bereich hängenbleibt.

Jeder Mensch ist seelisch immer wieder gekränkt worden. Wenn er daraus Schlüsse zieht und sich seinen Mitmenschen gegenüber versperrt, kann er nicht mehr echte Wesenskommunion, seelische Offenheit, das Bubersche Ich und Du erreichen, wodurch nach dessen Auffassung Gott allein als Liebe an den Menschen teilhaben kann.

Martin Buber berichtete, daß der Wiederbegründer der chassidischen Frömmigkeit, der Ba’al Schem Tob, zu Pflanzen und Tieren gepredigt habe. Aber predigen genügt nicht, man muß von ihnen lernen.

Der Norden als vierte Richtung der Erde weist auf den Polarstern, um den sich der ganze Himmel dreht. Diese Drehung des Himmels entspricht der Integration neuer Bewußtseinsinhalte, es ist die Ichwerdung der Strategien, der Ort der Weisheit und der Macht. Taking ones power bedeutet nicht Generaldirektor zu werden — das ist eine fiktive Macht in einem Theaterstück in der Zivilisation — sondern die Integration echter Geister, der Verbündeten. Ein solcher Verbündeter ist eine höhere Verantwortung für andere Wesen. Diese Möglichkeit präexistiert im Nagual, und es bedarf eines Kampfes, um sie zu integrieren.

Mit dem Rücken zum Norden zu sitzen bringt die Integration. Im Erdheiligtum ist in der Mitte ein Meteorstein, ein Eisen aus dem All versenkt, und der Pfeil, der auf den Polarstern weist, ist aus Chromnickelstahl, also magnetisch. Magnetismus ist nur Eisen-Nickelmetallen eigen, der magnetische Nordpol der Erde ist in der Nähe des physikalischen. So kann diese Achse die Verbindung zwischen Tonal und Nagual für die Erde herstellen; denn ein sich drehender Eisenkern erzeugt elektrische Energie.

Die Gefahr des Nordens ist, aus dem bereits Gewußten zu handeln, im Zerrbild des Experten, der auf jede Frage eine Antwort aus seinem Gedächtnis bereit hat. Gedächtnis ist die große Fähigkeit des Denkens, daß es einmal erfahrene Situationen speichert und damit die Aufmerksamkeit offen bleibt. Aber hierzu muß der Mensch echtes Wissen und Kompetenz von bloßer Meinung und Erinnerung unterscheiden, was durch bewußte Integration der Mitternachtsrichtung möglich wird.

Der Polarstern ist in der unbeweglichen Erdachse auf deren Mitte bezogen; daher kann der Mensch sich gleich dem Tier selbständig bewegen und auf immer anderer Höhe der Integration am Leben als Ich mitzuwirken. Dies ist die echte Macht, die aus dem Denken kommt. Wer jene Stellung, die ihm nach Wissen und Kompetenz gebührt, nicht nur hat, sondern meistert, lebt aus seiner Achse heraus. Und Riten wie der Yoga oder Tai-Chi befähigen ihn dazu, auch in der Bewegung die Mitte zu wahren. So ist der Mensch in seiner Nordrichtung in Kommunion mit dem Tierreich.

Denken ist nicht auf Erkenntnis, sondern auf Strategie gerichtet. Diese ist nicht Programm im Sinn einer festgelegten Melodie und Abfolge, sondern freie Wahl im Rahmen gegebener Wesenstöne, etwa wie die indische Raga-Musik die Tonleitern festlegt, nicht aber die Melodien, und diese frei im Zusammenhang mit einem gewählten Rhythmus abwandelt.

Alle Tiere sind strategisch aufeinander bezogen; nur der Mensch ist in Gefahr, den großen Zusammenhang zu verlieren. Wer imstande ist, alles Wissen immer wieder auf die Mitte zu beziehen, ist in seiner echten Macht. Damit findet er Zugang zum wahren Menschen der Mitte, welcher nicht mehr eine Richtung, sondern die Kommunion über die Sprache mit dem Menschen im All eröffnet.

Der Mensch ist das fünfte Naturreich; doch nicht als Individuum, als strategisches Tier, sondern als jener, der über seine Fähigkeit der Sprache die Kommunion zwischen den vier Reichen als Noosphäre schafft. Darum bleibt die Mitte des Rades leer. Dort ist der Zugang zu allen Göttern und Geistern, die der Überlieferung zufolge den Weltenbaum vom Polarstern heruntersteigen, um dem Menschen bei seiner kreativen Arbeit zu helfen.

Die vier Richtungen sind die Koordinaten der Mitte, nur von ihr aus zugänglich. Wer sein Subjekt in der Gattung Mensch, im Menschen im All als dessen Glied gefunden hat, ist der liebenden Kommunion fähig. Daher ist auch, wie die Sufis sagen, der eigene Name als Lautgebilde jenes Wort, worüber dem Menschen das Göttliche zugänglich wird.

Arnold Keyserling
Das Erdheiligtum · 1988
Die Ur-Riten von Raum und Zeit
© 1998- Schule des Rades
HOMEDas RAD