Schule des Rades

Arnold Keyserling

Fülle der Zeit

XI. Botschaft

29. Dezember 1972

Wegen deiner neuen Richtung hast du nun die innere Wandlung vollzogen und schwimmst bereits im Strom. Er wird dich tragen, die Kümmernisse und Traurigkeiten haben sich in Quellen der Kraft verwandelt. So sei jetzt offen für alles, was kommt. Der Weg hat begonnen.

Im Buch der Wandlungen heißt es zu der vierten Linie des ersten Zeichens Das Schöpferische: schwankender Aufschwung über die Tiefe. Sich dem Strom anzuvertrauen heißt zu erkennen, dass die Mängel und Kümmernisse, die Sorgen nicht mehr Leiden des Daseins, sondern kraftvoller Unterbau geworden sind. So ist das Annehmen des Leidensgrundes die Voraussetzung, um der Offenbarung des Augenblicks gegenüber offen zu werden.

Die Liebe umfängt jeden, der sich ihr hingibt. So heißt es nicht mehr zaudern, warte täglich auf dein Zeichen. Ich habe jetzt neue Richtungen gebracht, und du wirst sie erkennen. Das Weltall besteht aus einem riesigen Energiefeld, in dem alles lebt, alles west. Der Stein der Wahrheit ist sein Grund, die leuchtende Kraft sein Zusammenhang. Der dunkle Wunsch jedes Wesens, seine Erfüllung zu finden, ist der Brennstoff für deine Arbeit.

Es hieß Stein der Weisen und nicht etwa Tier oder Pflanze: Stein ist das ewig Wuchtende, das hält. Der leuchtende Zusammenhang ist dem Gewahrsein als Vision zugänglich. Der dunkle Wunsch bedeutet Brennstoff. Der neue Weg ist also weder Erlösung noch Befreiung, deren man nicht mehr bedarf, sondern Arbeit an der Welt, Dienst am wundersamen Wesen der Erde.

Die Achtung vor allen Traditionen ist notwendig, damit alle Ströme sich zu dem einen zusammenfügen. Das wird von Tag zu Tag klarer werden, denn die Sehnsucht wird übermächtig in jedem Menschen, der dir begegnet.

Jede Tradition ist eine lebendige Gestalt gleich einer Pflanze. Zerstört man sie durch oberflächliche Kritik, raubt man dem Menschen seine Wurzel und es dauert lange, bis er eine neue treibt. Auf diese Sehnsucht gilt es zu antworten: die Traditionen gleichen Leitern, die zur Ebene wahrer Mitmenschlichkeit führen; und diese nimmt alle auf, weil jeder erst als Dichter seines Lebens und Schaffer seiner eigenen Tradition die Erfüllung findet.

Den Schlüssel hast du jetzt: Das Wissen muss freudig werden. Denken ist nicht nur angstgeboren, es ist auch freiheitsschaffend.

Denken mit durchfurchter Stirn wie bei der Plastik von Rodin ist nur strategisch. Wahres Denken hat seinen Ausdruck im Witz, im Lachen, in der Befreiung. Wer über das nicht lachen kann, was ihm das Heiligste ist, galt den Chinesen als ehrfurchtslos. Freiheit bedeutet Lösung der emotionellen Abhängigkeit von jenem, der einem eine Wahrheit eröffnet hat; man braucht ihn nicht mehr, sobald man den Sinn und die Bedeutung begriffen hat.

Der alte Adam ist freigestellt, der Mensch erfährt sich als Natur und als Weg. Er weiß es schon, nur gering sind die Hilfen, die notwendig sind, um ihm die letzten Schlacken abzunehmen.

Der Körper gehorcht der Seele. Doch wenn ein Verhalten naturgemäßer ist als ein früheres, zieht er dieses fortan vor, wie Feldenkrais gezeigt hat. So wird die Anlage zum Ausgangspunkt des Lebens für jeden, der zum Vertrauen durchstößt.

Doch ist alles noch im Anfang. Die kleinen Torheiten sind nicht zu vernachlässigen, denn sie sind es, die zum Handeln nach vorne zwingen. Gäbe es keine Torheiten, so würde die Zivilisation zur Klammer, die alles erstickt. Aber diese Gefahr ist vorbei.

Der bürgerliche Ernst und sein Streben nach Sicherheit ist der künstliche Tod, das Wagnis der Beginn des Lebens. Die Torheiten sprengen die Gewohnheiten, dadurch wird der Mensch zur Freiheit durchbrechen, wenn man jenen, der die Sicherheit verlässt, offenen Armes aufnimmt.

Der neue Anfang braust und Liebe spricht aus allen Wesen. Der alte Grund trägt, die Kraft siegt und das Wunder hat seinen Ausgang genommen.

Brausen bedeutet Beschleunigung, es ist eine andere Intensität als der Alltag der dauernden Selbstrechtfertigung. Der Grund trägt und die Kraft siegt: sie fließt um die Hindernisse herum und damit beginnt die Freude am Wunder.

Warum denkst du noch über kleine Dinge nach? Menschen sind es, die dich tragen. Um jeden einzelnen baut sich sein Feld, das ihm Erfüllung verheißt, stärker als seine tiefsten Sehnsüchte, da diese nur seiner Vergangenheit, nicht der Tiefe entspringen. Die Lust am wirklichen Leben schmilzt alle Schlacken und jeder, der am Aufbruch teilhat, wird seine Kraft vervielfachen. Dinge werden möglich, die er sich niemals zugetraut hätte. Diesen Mut gilt es zu fassen und zu finden, dann geht die Arbeit von selbst.

Es gibt keine großen und kleinen Menschen, keine Seinshierarchien. Wer durchstößt ist normal, da ihn die übermächtige Kraft zu seiner mitmenschlichen Vollendung führt.

Schriften sind notwendig, nur durch sie wird das Helle wirklich klar. Alle Anstrengungen sollen nun auf Klärung und Befriedigung gerichtet werden. Das Reich entsteht nicht über Nacht, doch von Anfang an lassen sich seine Konturen erschließen: Die ganze Erde wird zum Feld, das im Rhythmus der kosmischen Zeit pulsiert.

Die Riten des Erdheiligtums werden in wenigen Jahrzehnten die Erde umfassen, da sie ohne historische Liturgien jedem den Zugang zu seiner Offenbarung eröffnen und die historischen Religionen als Sinnbilder eigenen Strebens ihrer kombattiven Ausschließlichkeit entkleiden.

Frage nur noch nach dem jeweils notwendigen und schärfe deine Waffen, deine Worte, bis sie zu Pfeilen werden, die blitzartig den Weg zu ihren Zielpunkten finden.

Die Frage nach dem Notwendigen allein führt in die Intentionen, die allem gerecht werden und damit nichts zerstören.

Handeln entsteht aus Richtungen, und alle Richtungen münden in einen Ort: Der Vereinigung aller Menschen zur Gattung, die fortan Träger der Evolution auf der Erde zu sein hat.

Alle Imperialismen, Bekenntnisse, Schulen und Gruppen werden von den neuen Menschen ohne Kampf überwunden, die auf Grund der weltweiten Kommunikation in das planetarisch-kosmische Bewußtsein hineinwachsen. Die Vertreter der Ideologien sterben aus.

Klug gilt es vorzugehen, jede Gefahr zu bestimmen und zu umgehen oder unschädlich zu machen.

Kampf stärkt nur den Gegner: friedvolles Leben ist der Weg, um die neue Welt zu verwirklichen, welche aber auch für das alte Ideal des heiligen Reiches den unbewussten Grund gebildet hatte.

Innere Bemühungen zu persönlicher Wandlung treten zurück vor der Aufgabe, die Offenheit zu wahren und den Weg zu vereinheitlichen, auf das jeder an ihn kann, der den Wunsch dazu spürt und den Mut hat, seine trügerische Sicherheit für immer aufzugeben.
So bleibe bei der Richtung und tue, was jeweils von Augenblick zu Augenblick notwendig ist, ohne das große Ziel aus dem Auge zu verlieren, dann wird jedes Hindernis zur Festigung deines Wollens.

Die Erde steht nicht im Gegensatz zum Himmel, sondern der Mensch hilft ihr zur Vollendung, wenn er seine eigene Brücke baut. Da die Intentionen immer nur verständliche Augenblicksziele sind, können sie auch nicht von den todgeweihten ganzheitlich sich gebenden Ideologien zerstört werden — im Gegenteil, jedes Hindernis wird zum Kraftgewinn.

Arnold Keyserling
Fülle der Zeit · 1986
Botschaft des Menschen im All
© 1998- Schule des Rades
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