Schule des Rades

Arnold Keyserling

Fülle der Zeit

Nachwort

Leben im Werk

Das neue Gewahrsein schließt das alte als seinen Teil ein: die Wassermannzeit ist die eigentlich menschliche Epoche. Viele Richtungen führen in diese Bewußtseinslage und Menschen der Aquarian Conspiracy, wie Marilyn Ferguson sie treffend nannte, erkennen einander. Wie Gurdjieff sagte: in einer Welt von Schlafenden werden nur die Wachenden einander gewahr. Weder sind diese auserwählt noch bilden sie eine Elite. Sie erreichen die menschliche Norm, der Einzelne und die Gattung sind der einzig wahre gesellschaftliche Zusammenhang.

Im Anfang war für mich die Spannung zwischen dem Bewußtsein meiner Dummheit und den seltenen Momenten echten Lebens zu groß, als dass ich mit den Botschaften wirklich leben konnte. Aber nun, dreizehn Jahre später, beginne ich zu erkennen, wie mein Lebenstraum eigentlich im Bild der Chakras von oben nach unten verlief und 1972 in der Wirklichkeit anlangte. Erst 1986 nach Vollendung der Systemik des Rades und dem Beginn des Lehrens der Maieutik wurden die Botschaften mir in ihrer Tiefe zugänglich. Da ich glaube, dass diese Inkarnation des Lebens im Werk auch anderen zukommt, will ich sie zum Abschluß nachzeichnen.

  1. Geist · Mit vierzehn Jahren erlebte ich beim Lesen von Paul Bruntons Beschreibung seiner Erfahrung mit Ramana Maharshi das Urvertrauen, womit die Angst vor der Schule verschwand.
  2. Seele · Mit einundzwanzig Jahren, beim Lesen von Bergsons Matière et Mémoire, erfuhr ich die Vision eines Rades, das zum Stillstand kam, als ich in seine Mitte trat. Dies gab mir eine praktische Gewissheit, äußeren Lagen fortan gewachsen zu sein, obwohl es zweiundvierzig Jahre dauerte, bis ich die Struktur des Rades sowohl historisch als auch systemisch artikuliert und begriffen habe und lehren konnte.
  3. Körper · Mit fünfundzwanzig Jahren, nach dem Tod meines Vaters, dem Sinnesphilosophen Hermann Keyserling, suchte ich in seinem Werk nach der systematischen Grundlage, die es aber nicht gab, weil seine Arbeit aus einer Schau herrührte, die denkerisch nicht artikuliert war. So forschte ich nach einem Ansatz und erlebte diesen in fünf Bildern, die im Wachen auftauchten: eine grüne Parabel mit sieben Stufen; eine Sonne im Meer, deren Strahlen sich in vier Beine eines Schemels nach rechts oben verdicken; Augen und Mund frei schwebend, ohne Gesicht, und ein Buddha in Meditationshaltung mit zwei Köpfen, der zweite in Beckenhöhe.

Ich begann meine Arbeit nach diesen fünf Bildern zu gliedern. Das sprechende Haupt mit Augen und Mund, den Templern wohl bekannt, ist die Mitte der menschlichen Dreieinigkeit, deren beide Köpfe in Hunasprache der alte Weise und das magische Kind sind. Die grüne Parabel ist erst mit den Botschaften verständlich geworden, wie ich später zeigen werde. Grün ist die Farbe des Herzchakras, während die unteren nach rot, die oberen nach violett zulaufen. Nach diesen Bildern fand ich meine zwei geistigen Ursprünge: über Gurdjieff erfuhr ich die Bedeutung der Weltgrammatik, des Enneagramm, und über Josef Matthias Hauer den Quintenzirkel im Rad als Urbild allen Wissens, dessen Urstimmung alle Systemik in einer Anschauung umfasst.

  1. Wollen · Mit achtundzwanzig Jahren in einem Seminar bei J.G. Bennett kam ich auf die Idee, auf alle Laute und Töne im Garten gleichzeitig zu lauschen und erfuhr das erste wahre Sehen.
  2. Fühlen · Mit dreißig Jahren, ebenfalls bei Bennett, erlebte ich das erste Mal ein Durchatmen bis zum Unterbauch. Durch Tage spürte ich mich wie in einem Feuermeer, konnte die Gefühle anderer unmittelbar aufnehmen und damit die emotionelle Vereinsamung durchbrechen, die bis dahin mein größter Kummer gewesen war.
  3. Denken · Mit sechsunddreißig Jahren in Rajasthan, in einer technischen Universität lehrend, erkannte ich, dass fortan nicht mehr Menschen, sondern die Natur selbst mein Lehrer geworden war und begann mich in die Naturwissenschaften zu vertiefen.
  4. Empfinden · Die Öffnung des Wurzelchakras erlebte ich dann mit den fünfzehn Botschaften. Schon immer hatte ich mich um das geistige Hör-Sehen bemüht. Den ersten Durchbruch erlebte ich bei der Beschäftigung mit dem deutschen Lautschlüssel, dem Futhork; ich begann automatisch zu schreiben, doch die Texte waren ohne existentielle Bedeutung, vor allem Landschaftsschilderungen. Mit vierundvierzig Jahren in Prag wandelte ich auf den Spuren Meyrinks und fand Zugang zur inneren Stimme, die viel mehr wusste als mir im Wachen zugänglich war. Erst mit fünfzig Jahren hörte ich die Stimme des Menschen im All, die nicht von mir kam und einen Weg beschrieb, den ich nun zum Abschluss in meiner grünen Parabel zu begreifen suche: die Botschaften zeigen einen Aufstieg und Abstieg durch die Chakras.
  1. Empfinden · Die erste Botschaft verkündet im Anruf die Wirklichkeit des Menschen im All als der Urreligion des Großen Menschen, Adam Kadmon, Mahapurusha, oder naturwissenschaftlich die Tatsache, dass jeder Glied der Gattung Mensch ist und sein Ich nur in dieser findet. Unterhalb dieses Gewahrseins gibt es nur ein Scheinich, dessen Schale in der Wiedergeburt durchbrochen wird.
  2. Denken · An die Stelle des Glaubens tritt das Warten des Kriegers verbunden mit der Gewissheit, dass das Göttliche, ja das ganze All einem immer wohl will.
  3. Fühlen · Fühlen bedeutet keine Verfallenheit, die Triebe sind nicht zu unterdrücken, sondern es ist der Ursprung des Weges, der immer von den Wünschen ansetzt, den tatsächlichen Motiven und nicht von fiktiven Idealen.
  4. Wollen · Die Religion der Wassermannzeit ist die Fülle der Zeit. Wie kann sie ohne Widerspruch aufgenommen werden? Indem der Einzelne nach seiner Erfüllung strebt und erkennt, dass seine Schwächen allesamt ihn auf den Weg zurückzwingen, dieser aber nicht aus dem Denken sondern aus dem Wagen anhebt.
  5. Körper · Alle Bilder entstammen dem Körper, ihm entspringt das werdende Licht, der Leib der Unsterblichkeit, wenn man die Klarheit der Erleuchtung wahrt und immer wieder sieht.
  6. Seele · Die neue Wirklichkeit umfasst Erde und Himmel, wenn die Eigenmächtigkeit der persönlichen Schwierigkeiten überwunden ist. Des Menschen Weg ist die Lichterstraße, die erst in Eingebungen erscheint, aber am Ende des Lebens leuchtend wird.
  7. Geist · Die Trauer vergeht, sobald man seiner Gliedhaftigkeit über die Stimme des Menschen im All gewahr wird. Nur in der Liebe hat der Mensch sowohl Freude als auch Entscheidungsfähigkeit und erhält Hilfe aus allen Welten.
  8. Gewahrsein · Das Werk der Menschheit geht vom Dunkel zum Licht, von der Trauer zur Freude. Das Rad ist sein Grund, die Zeit der Fülle ist gekommen und niemand kann das Werk vernichten, sobald es im Erdheiligtum seinen sichtbaren Ort gefunden hat.
  9. Geist · Nicht eine Weltanschauung gilt es zu vertreten, sondern einzelne Probleme von Mal zu Mal zu klären, also die Intentionen aufzugliedern.
  10. Seele · Schwerpunkt der Wassermannzeit ist die Arbeit an der Erde und am Körper — die Antwort auf die christliche Botschaft. In Christus ist das Wort Fleisch geworden; nun gilt es die Materie in Wort zu verwandeln. Alle Menschen schließen sich der Arbeit an, wenn der Weg auf der Fülle ruht, die jeder Einzelne aus seiner Motivation ohne gemeinsame Planung findet.
  11. Körper · Alle lebendigen Überlieferungen sind poetische Gestaltungen verstorbener Freunde, die es zu achten und zu vollenden gilt. Das Reich der Menschheit umfasst sie alle. Der Weg zum kosmischen Bewußtsein ist unaufhaltsam, sobald man sich in die lebendige Zeit einstimmt.
  12. Wollen · Das Neue kommt von Innen und Außen, Motivationen und Intentionen sind auf die Vollendung gerichtet. Der Wille verwandelt sich von Willkür in Offenheit, auf alles zu antworten, jedes Ereignis als Frage des Menschen im All aufzufassen. Im Handeln allein findet man sie und alles Wissen muss dem Wagen dienen: die Verkündigung der Zeit der Fülle muss überall hin getragen werden.
  13. Fühlen · Die Liebe läutert das Fühlen, das sich sonst in der Sucht nach Triebbefriedigung abschließt. Daher gilt es die Tore des Bewußtseins zu öffnen, bis an die Stelle der Polarität Egoismus — Altruismus der Gegensatz Ruhe — Fluss tritt. Nur im Fluss ist der Mensch wirklich Meister.
  14. Denken · Die Klarheit hat die Welt in ein Feld der Arbeit verwandelt, alle Tatsachen sprechen für sich: jeder Wunsch wird Triebkraft des Werkes. Die Arbeit muss wirtschaftlich gesichert sein; die Wassermannzeit ist der sechste Abschnitt der Weltgeschichte.
  15. Empfinden · Das Leben in der Fülle der Zeit ist Heimkehr: im Weltenjahr wird der Gegenpol des Wassermann im Löwen, der Einklang mit der Natur, das Paradies wieder zugänglich.

So hat der Einzelne in den 15 Botschaften des Menschen im All die Möglichkeit, immer wieder zur Fülle zurückzukehren, und am Ende seines Lebens mit Meyrink zu sagen: ich war hüben und drüben ein lebendiger Mensch.

F ü l l e · d e r · Z e i t

Arnold Keyserling
Fülle der Zeit · 1986
Botschaft des Menschen im All
© 1998- Schule des Rades
HOMEDas RAD