Schule des Rades

Arnold Keyserling

Gott · Zahl · Sprache · Wirklichkeit

Vorwort

Versöhnung des Gegensatzes

Ich bin kein Grieche, wenn ich griechische Mathematik und Logik gelernt habe. Ich bin kein Chinese, da mir der I Ging eine Hilfe zum Leben in Einklang mit der Evolution gibt.

Ich bin kein Amerikaner, wenn ich mir die Forderungen des Human Potential Movements zueigen mache, und ich bin kein Russe, weil ich die Ausnützung des Menschen durch den Menschen für ein Verbrechen halte.

Ich bin kein Inder, weil ich Yoga betreibe und kein Afrikaner, da ich mich an deren Rhythmen erfreue. Und doch bin ich in einem Teil meines Wesens sie alle, da sie alle zum neuen Menschen gehören, der in der Wassermannzeit vom Bekenntnis zu einer ausschließlichen Kultur zur Menschwerdung erwächst und für den alles, was Menschen je geleistet haben, zum Besitz und Ansatz seiner eigenen Dichtung wird.

Ich bin kein Jude, da ich erkenne, daß die Kabbala die erste und klarste Formulierung des Verhältnisses zwischen Mensch und Gott über das Wort bedeutet.

Ich bin kein Indianer, wenn ich den heiligen Achterkreis, das Erdheiligtum zur Grundlage meiner religiösen Erfahrung erhebe, und kein Ägypter oder Babylonier, wenn ich bewußt im Einklang mit dem Großen Menschen in der Zeit lebe. Und doch bin ich auch ein Jude und ein Indianer, ein Ägypter und Babylonier, wenn ich nämlich dankbar bin dafür, was die Ahnen in diesem Bereich an Gestaltungen hervorbrachten, die uns unsere Rolle als Menschen auf der Erde verständlicher machen.

Die alte Geschichte ist gestorben. Weder das Heilige Römische Reich Deutscher Nation, noch die Glorie Englands oder Frankreichs kann mich mehr ganz bestimmen. Wir sind in der neuen Zeit des planetarischen Lebens, da die einzig wirksamen Koordinaten die Himmelsrichtungen in ihrer politischen Bedeutung sind: Ost und West, Nord und Süd. Kommunismus und Kapitalismus, Industrieländer und Entwicklungsländer sind nicht nur die Koordinaten der Erde, sondern sie bilden den Rahmen des politischen Lebens in jeder Gemeinschaft.

Immer mehr wird der Osten zum Vertreter der menschlichen Tierhaftigkeit im positiven Sinn, des natürlichen Gemeinschaftsgefühls, und der Westen in seiner amerikanischen Prägung zum Anwalt der pflanzlichen Entfaltung jedes Individuums. Lange Zeit waren Tier und Pflanze als Komponenten des Mensch vernachlässigt und verdammt. Sie sind heute zurückgekehrt und haben die patriarchalisch-geistige Geschichte in ihrer unglücklichen Verquickung von Thron und Altar, Saturn und Jupiter, überwunden. Aber damit ist die geistige Geschichte nur ausgesetzt, nicht vernichtet: ihre entscheidende Auseinandersetzung war jene zwischen der deutschen und der jüdischen Tradition, zwischen dem Weg der Natur und der Offenbarung des Wortes.

Die jüdische Überlieferung folgte dem lebendigen Gott des Wortes, im Urbild Adam Kadmon, des Menschen im All. Ihre Sprache entfaltete sich an der Offenbarung und nicht der alltäglichen Erfahrung. Mit Moses wurde sie zum Gesetz des Lebens, und nach der Zerstörung des Tempels in der Kabbala zuerst in Spanien im Sohar als Weg zur Wiedergewinnung der ursprünglichen Einheit des Paradieses von wenigen einzelnen formuliert, später bei Luria als göttlicher Auftrag begriffen, jeden Wesensfunken des Adam Kadmon, der sich in die einzelnen Wesen zerstückelte, zurück zur Heiligen Ganzheit zu bringen, wobei der apokalyptische Charakter des Kampfes allen Kabbalisten bewußt war, ja sie ihn sogar herbeisehnten.

Auch die deutsche Geschichte entfaltete sich in der Auseinandersetzung mit dem göttlichen Wort. Die erste gotische Übersetzung der Bibel durch Wulfilas entwickelte die Kabbala des Futhork, die bis in die Gotik einen Lautschlüssel der Sprache bildete. Mit Albertus Magnus, dem ersten deutschen Philosophen, wurde im Gegensatz zur Landesbezogenheit der Juden der Kosmos selbst zum religiösen Rahmen. Durch Luther ist die deutsche Hochsprache aus der Bibelübersetzung entwickelt worden. Mit Kant und Goethe und den Idealisten wurde sie zum Ansatz einer historischen Verwandlung des Bewußtseins, die mit Marx in die politische Aktion trat. Die jüdischen Vorkämpfer der naturwissenschaftlichen Revolution beseitigten die letzten falschen Substanzen zwischen Mensch und Gott. Aber mit dieser Vernichtung des falschen Idealismus und der Rückkehr der Juden nach Israel scheint laut Martin Buber der religiöse Auftrag Israels beendet; es gäbe keine Geschichte mehr im Sinne des Heils, jeder Mensch müsse heute Jude sein, also Pilger vom Baum der Erkenntnis zum Baum des Lebens. Auch die christlichen Kirchen haben sich auf die Ebene der Moral und sozialen Fürsorge zurückgezogen.

Doch das menschliche Drama ist das Drama Gottes, des Menschen im All, der sich auf der Welt über uns inkarnieren will. Sinn hat unser Leben nur in dem Maße, wie wir am Strom des göttlichen Wortes teilnehmen. Das furchtbare Geschehen des letzten Weltkrieges macht Anknüpfung an der profanen Geschichte unmöglich. Aber gerade damit wird die Heilsgeschichte im planetarischen Sinn zugänglich. Der Kampf zwischen Natur und Gott, zwischen dem verurteilten Weiblichen und dem übermächtigen Männlichen ist die Voraussetzung einer neuen Synthese, die nicht mehr auf den deutsch-jüdischen Gegensatz beschränkt ist, sondern alle Menschen der Erde betrifft. Erst dadurch wird der Gegensatz zwischen Nord und Süd produktiv.

Der Mangel der jüdischen Weltschau war die Verneinung von Mythos und Natur, der Mangel der deutschen die Beschränkung auf die wissenschaftliche Erfahrung. Luthers Wort: hier stehe ich, ich kann nicht anders muß in die Dynamik überführt werden: hier gehe ich und weiß nicht wohin; oder, wie es Ulrich von Hutten formulierte: Ich hab mein Sach auf Nichts gestellt.

Unser Buch wird diese Frage nach der Versöhnung des Gegensatzes von zwei Seiten angehen. Im ersten Teil will ich die Kabbala durch Rückführung auf Pythagoras und neue Erkenntnisse der Naturwissenschaft als zeugendes Wort begreifbar machen. Im zweiten wird meine Frau in Anknüpfung an die Urüberlieferung der Altsteinzeit ihren Weg zu den Mächten des All so darstellen, wie sie es erlebt und lebt.

Arnold Keyserling
Gott · Zahl · Sprache · Wirklichkeit · 1987
Die kabbalistischen Grundmächte des Seins
© 1998- Schule des Rades
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