Schule des Rades

Arnold Keyserling

Gott · Zahl · Sprache · Wirklichkeit

5. Sinn und Bedeutung

8 - Jessod - Umstandswort

Von allen Wortarten ist das Umstandswort am frühesten zur philosophischen Grundlage geworden: Grund, Raum und Zeit sind bereits bei Aristoteles Kategorien, und noch Kant betrachtete die Kausalität als auf einer Ebene mit Logik und Mathematik gelegen. Der achtfältige Rahmen ist aber der Zugang zu den Einflüssen und Umständen, die das Leben des Menschen in der Gesellschaft bestimmen. Sie sind Imponderabilien, Unwägbarkeiten, deren Erkenntnis eine eigene Intelligenz erfordert und die wir am besten durch die Raumrichtungen verstehen. Wir folgen hierbei der Zählweise der Chakras, doch nicht auf den Menschen sondern auf die Einflüsse von außen bezogen.

Die Umstände werden allein durch die Frage, also eine Öffnung zum Geist, verständlich. Saturn ist im kosmischen Bereich die Verantwortung, im makrokosmischen Bereich Sahasrara-Chakra, die Öffnung zum Geist, zur Zukunft. Im Horoskop kennzeichnet Saturn das Feld, wo man niemals Dank erwarten kann und jede Pflichtverletzung geahndet wird. Wenn eine Überschwemmung die Landschaft vernichtet, wird man nicht dankbar beachten können, daß es jahrelang fruchtbringend geregnet hat; so kann man auch bei einer Fehlleistung des Staatsmannes die Vergangenheit nicht positiv anrechnen.

Die Fragen nach den Umständen werden durch die Himmelsrichtungen verständlich.

  1. Osten. Wann? Frage nach der Zeit. Antwort: dann, als dann, sodann, da, damals, darauf, hierauf, sogleich, nachher, hernach, hinfort, jetzt und nun.
    Der Osten ist der Ort des Feuers, des Aufgangs des Himmels, der Erleuchtung. Der Mensch hat die Fähigkeit, eine bestimmte Zeit als Rahmen einer Handlung zu setzen, wie im Ritus oder im Tageslauf. Man verlangt beruflich von einem Menschen Pünktlichkeit, religiös aber die Erkenntnis der Zeitqualität. Wann ist er gekommen: zu diesem Zeitpunkt griff er in das Geschehen ein, wurde Teil des Spiels, vorher war er nicht da. Das Nicht ist bei den Umständen existentiell, weil die Vergangenheit nicht mehr ist und die Zukunft noch nicht. Daher das Streben jeder Religion eine neue Zeitrechnung als Rahmen der rituellen Umstände liturgisch zu fixieren.
  2. Westen. Wo? Antwort: da, hier, dort, unten, hin, hierher, hinauf, herab. Die Richtungen gibt es nur aus der ungreifbaren Mitte. Da die Wirklichkeit immer im Augenblick ergreifbar wird, ist der Ort dadurch bestimmt, wo die Richtungen sich im Bewußtsein kreuzen. Der heiligste Ort, jener, aus dem ich meine Mitte, mein Ich schöpfe, ist die Erde selbst. Im Kristall gehen die Wachstumsrichtungen von einer Mitte aus, und die Struktur jedes Lebewesens hat ebenfalls eine Mitte, so beim Menschen das Swaddhistana-Chakra als Bewegungszentrum. Wenn ich diese spüre und nicht zulasse was sie hindert, dann meistere und besitze ich den Raum, dessen Ursprung die Erdmitte ist, wie jene der Zeit die Sonne mit ihrer täglichen Bahn. So ist der zweite Umstand jener des Ortes. Dies war der Religion selbstverständlich: Buddha machte nach seiner Geburt sieben Schritte in alle Himmelsrichtungen, und der König richtet bei seiner Krönung sein Schwert in die vier Richtungen, um seine begnadete Herrschaft zu betonen.
  3. Süden. Häufigkeit. Frage: wie oft? Antwort: einmal, zehnmal, zweifach, vierfach, oft, selten, manchmal, abermals, täglich. Die Periodik ist die Zeitspanne, die als Ton imstande ist mit anderen zu schwingen: 1-2-4 = Oktave, 3 : 2 = Quinte, 5 : 4 = Terz usw. Wie oft bedeutet, die Qualität des Rhythmus als abgeschlossene Form zu begreifen, denn Rhythmus, Ton und Intervall setzen mich instand, seelisch in Resonanz zu anderen zu treten. Die Abstimmung der Rhythmen aufeinander und ihre Kenntnis ist die Voraussetzung, als Pflanze, als Gestalt wirken zu können und unbekümmert Vertrauen und Unschuld zu erreichen. Das ist, weshalb bei den Indianern der Süden mit der Musik identifiziert wurde, und warum in Europa, wo die Musik nur als Kunst betrachtet wird, die öffentliche Harmonie so schwer erreicht wird, während in Afrika heute noch jeder gemeinsame Entschluß des Stammes Tanz und Trommeln voraussetzt.
  4. Norden. Grund. Frage: warum, wieso, weshalb, wozu…? Antwort: weil, darum, deshalb, um zu, damit, folglich, demnach. Hier erreichen wir die Himmelsmitte, den Nordstern, der uns erlaubt, den zureichenden Grund als Ansatz einer tierhaften Strategie zu erkennen. Aristoteles unterschied Formursache, Stoffursache, Wirkursache und Zweckursache; durch die Vierheit allein sind die Strategien zu begreifen. Jedes Geschehen hat unendlich viele Ursachen. Ich trinke um fünf Uhr Tee, weil ich ihn gemacht habe weil ich ihn immer um diese Zeit trinke, weil ich einen Gast erwarte. In Richtung auf das zu tuende kann ich aus den unendlich vielen Ursachen vier Kraftlinien herausgreifen, die ich als Strategien verwende.

Bei den Chakras und im Raum ist fünf die Mitte, die bei den Indianern und Chinesen die Zahl des Menschen ist. Sie ist kein Umstand, sondern eine Behauptung: ja oder nein, und entspricht damit der Zehn, dem Satz. In folgendem weichen die Raumzahlen von der Klassifikation der Umstandsworte ab.

  1. 6 · Südosten. Beschränkend, erweiternd. Frage: wie groß… Antwort: noch, überdies, schon, endlich, eben, erst. Die Grenzen werden vergrößert, verkleinert oder überschritten. Woran knüpfe ich an? Bei den Chakras ist das die Welt der Ahnen. Ahnen sind in der Vergangenheit, aber ahnen als Zeitwort bedeutet Intuition, die Zukunft zu erahnen, indem ich an die Vergangenheit anknüpfe. Es ist gleichsam eine neue musikalische Phrase, mit der ich aus meinem kleinen Leben von jenseits Anregungen auf nehme und verwirkliche.
  2. 7 · Südwesten. Modal. Frage: ist es so? Antwort: nicht, vielleicht, bestimmt, natürlich, unbedingt, vermutlich, doch, wahrlich, freilich. Der Südosten erfaßte die Vorvergangenheit oder die Nachzukunft. Der Südwesten dagegen den Eintritt des Neuen in die Wirklichkeit, die Lebenskräfte manifestieren sich. Mit diesen Umstandsworten, vor allem der Erkenntnis des Nicht als etwas Möglichem — Aristoteles sagt, die Tatsache, daß das Holz noch nicht ein Tisch ist, bedeutet dessen Potentialität ein solcher werden zu können — wird der einzelne imstande, den Keim der Wirkung aus dem Reich des Möglichen zu bestimmen.
  3. 8 · Nordwesten. Umstand des Grades. Frage: wie sehr…? Antwort: kaum, nur, fast, recht, ziemlich, zu sehr, mehr… Die Gesundheit des Fühlens des Menschen zeigt sein Verhältnis zu seinem Kraftleib. Es ist eine Frage des Grades, ob man als Ganzer wirken kann oder einem Teil verhaftet bleibt. Hier sind die Engel die Partner, das heißt jene Wesen des Jenseits, die jedem Bedürfnis, wenn es anerkannt ist, den Weg zur Befriedigung weisen, sowohl für sich als auch für andere.
  4. 9 · Nordosten. Art und Weise. Frage: Wie? Antwort: leise, schnell, langsam, sofort, allmählich… Die Gestaltung ist eine Frage der Qualität. Die Umstände die einen bei der Gestaltung bestimmen, befreien die Fähigkeit des Tuns und damit auch die Zeitworte (Adverb heißt auf das Zeitwort weisend) aus überflüssigen Hindernissen. Vielen Menschen fällt die Anerkennung des Wie wegen ihrer Lebensangst schwer. Und doch hat jeder die Erfahrung, daß Kümmernisse durch praktisch gestaltende und verwirklichende Arbeit am leichtesten aus dem überwältigenden Trauma auf ihren Platz verwiesen werden können.
  1. ist wiederum die Mitte, die Einstimmung des Einzelnen in die Gattung. Hier steht der Satz als obere Entsprechung von ja und nein.
Arnold Keyserling
Gott · Zahl · Sprache · Wirklichkeit · 1987
Die kabbalistischen Grundmächte des Seins
© 1998- Schule des Rades
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