Schule des Rades

Arnold Keyserling

Gott · Zahl · Sprache · Wirklichkeit

5. Sinn und Bedeutung

6 - Chochma - Zeitwortpersonen

Für Martin Buber war das eigentliche Ziel aller Philosophie die Bemühung um die Mitmenschlichkeit: Gott erscheint als Ich, als Du und als Er. Als Er ist er der Mensch im All, den ich beschreiben kann. Als Ich ist er das innerste Subjekt jedes Wesens; ich kann nur so weit ich sagen, wie ich in der Liebe bin, also die Kommunion mit allen Wesen erfahre, und den anderen im Sinne des kantischen Imperatives will. Das Wollen ist die Öffnung, weil ich sonst überhaupt nicht zu ihm durchdringe.

Bei Regressionen in frühere Leben erlebt man sich fast immer als einsam, ohne Kontakt. Menschen können miteinander arbeiten und leben, ohne je das Ichbild zu sprengen, das als Spiegel von den sechs seelischen Beziehungen festgehalten wird. Ich, du und er — dieses Er jetzt nicht männlich verstanden, sondern als dritte Person — kommen aus der Mitte des Sechsecks, die Beziehungen werden aus dem Nichts konstelliert.

Immer ist das grammatikalische und syntaktische Subjekt eines Satzes, einer Aussage und eines Urteils die sechste Wortart als Prädikat. Nur im Sechseck sind Sehnen und Radius im Kreis gleich, und seine Struktur, die wie bei den Kohlenstoffringen den geringst möglichen Energieaufwand erfordert, ist der Baugrund des Lebens und der Gesellschaft. So verstanden ist Gesellschaft etwas immer zu Erringendes und nie verwirklicht; immer gibt es etwas Neues oder Jemanden, der noch nicht einbezogen ist.

Im Ich trete ich in die gesellschaftliche Wirklichkeit. Ich bin immer die Stimme, nicht das Satzsubjekt, sobald ich dieses einmal formuliert habe, ist es bereits Teil meines Was, meines Wissens geworden. Durch die Frage nach dem Du schaffe ich den Zusammenhang, den lebendigen Intervall, die menschliche Weisheit, wie die Sefira Chochma beschrieben wird. Nur auf Rahu bezogen, also auf die Befreiung jedes Wesens gerichtet, kann die Gesellschaft zum Reich Gottes werden. Sonst ist sie ein ausschließliches Wir, das einem Ihr gegenübersteht und Ichbilder wie Golems aus Schemen in Zombies verwandelt wie manchmal bei den politischen Parteien.

Vierfältig ist die zu erringende Freiheit der Person, die Neptun anpeilt:

  1. nicht politisch unterdrückt zu werden;
  2. nicht durch das Wissen der Vergangenheit im Sinne eines falschen Gewissens bedingt zu sein.

Diese beiden Freiheiten hat Kant definiert, die beiden weiteren Goethe:

  1. im Einklang mit seiner Motivation, seiner Triebstruktur und ihrem Entfaltungsrhythmus zu leben,
  2. seine Leistung auf das Niveau der Meisterschaft zu erheben, das allein für die Menschheit vorbildlich und nützlich sein kann.

Das Vierte ist die dritte Person, worüber man redet. Man muß jeden anregen, nach seiner höchsten Möglichkeit zu streben, aber sich nur zu dem zu bekennen, was allgemeingültig wird — was für mich Sinn ist, muß für die anderen nützlich sein.

Beim Uranus ist die Gefahr der Experte, beim Neptun der Verführer. In die Zerstörung kann man andere leicht mitreißen. Durch den Satz, der ein Sprachsubjekt in sich trägt, können andere begeistert werden: die Energie der Aura, die der Neptun bedeutet, kann viele Menschen umfassen. Dieser Zugang zur Aura, zur Bezüglichkeit, die alles trägt, wird durch die drei Geschlechter versinnbildlicht, deren metaphysische Bedeutung in Europa vernachlässigt wurde und in China ihre Formulierung gefunden hat.

Männlich beginnt eine Bewegung, ist Yang. Weiblich nimmt eine Bewegung auf, ist Yin. Sächlich liegt beiden zugrunde, ist Tao. In den meisten Sprachen ist männlich und weiblich den Geschlechtern nachempfunden, wie die französische Sprache das Neutrum als logisches Subjekt nicht mehr kennt. Von der Aura her gesehen ist dieser Sprachimpuls die Fähigkeit, die Imagination über die Vorstellung zu verwirklichen.

Im Rad ist der Uranus auf der rechten Seite — man schaut aus dem Rad heraus — der Neptun auf der linken, Die Spitze des Dreiecks ist im Südosten.

Arnold Keyserling
Gott · Zahl · Sprache · Wirklichkeit · 1987
Die kabbalistischen Grundmächte des Seins
© 1998- Schule des Rades
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