Schule des Rades

Arnold Keyserling

Gott · Zahl · Sprache · Wirklichkeit

Einführung

Grundmächte des Seins

Laut kabbalistischer Überlieferung waren die ersten Gesetzestafeln, die Moses vom Sinai herunterbrachte, die Zahlenprinzipien. Als er aber sah, daß die Juden inzwischen wieder in den Kult des goldenen Kalbes verfallen waren, zerschlug er sie und brachte die späteren zehn Gebote. Doch den Kabbalisten wäre es im Sohar gelungen, die ursprüngliche Bedeutung wieder zu entdecken. Wir verwenden im folgenden die traditionelle Deutung, wie sie Gershom Scholem dargestellt hat, ordnen sie aber nach der Sicht des Rades.

L e b e n s b a u m

  • Kether, die Krone, ist der Einklang mit dem Wollen des All in Entsprechung zu Pluto. Dieser Impuls hat die natürliche Zahl oder Ziffer 9. Was immer durch neun geteilt wird, ist in der letzten Quersumme wieder 9. Neun entspricht also der Urzahl 1; 9 : 9 = 1. Die Krone des Menschen ist der Anfang der Wurzel des Lebensbaumes, der sich vom Himmel zur Erde erstreckt. Alle drei Wurzeln des Denkens sind unsichtbar wie die entsprechenden Planeten Pluto, Neptun und Uranus.
  • Chochma, Neptun, ist Weisheit; das bedeutet, daß jeder andere einbezogen ist und keiner ausgelassen wird, daß die Gemeinsamkeit alle Menschen im Diesseits und Jenseits als Kommunion umfaßt.
  • Bina, Uranus, ist die Unterscheidungsgabe, die Fähigkeit des Lernens.

Lernen, Kommunion und Gedächtnis — die drei letzten Planeten sind erst in der Wassermannzeit verständlich und zugänglich geworden. Sie sind nicht im Körper inkarniert, entsprechen dem Kraftleib, dem Lichtleib und dem Wortleib. Die zweite Triade, die des Fühlens, mit Mond, Mars und Jupiter, bestimmt die Motivation, die Triebhaftigkeit des Menschen.

  • Chessed wird mit Liebe übersetzt, aber es bedeutet nicht die sexuelle Liebe, sondern die Fähigkeit, für die eigenen Bedürfnisse und jene der anderen zu sorgen. Ich würde es also als Güte bezeichnen, so wie jeder naive Mensch diesen Begriff versteht: Güte ist, wenn man den anderen nicht darben läßt. Es ist der Impuls des Mondes.
  • Din heißt Strenge und bestimmt den Impuls des Mars. Ebenso wichtig wie das Sorgen für den Darbenden ist die Forderung, daß ein Mensch sich einsetzt, seine Angst und seine Feigheit überwindet.
  • Tifereth, der jupiterische Impuls, die Pracht, ist auch das Erbarmen, die Gnade, die Ganzwerdung und die Heilung. Im orgiastischen Mitschwingen der Ganzwerdung ist der Gegensatz zwischen Din, der Strenge, und Chessed, der Güte aufgehoben. Damit zeigen diese drei Gottesnamen die Fähigkeit, die Motive zu erkennen, die ein Mensch nicht hat, sondern die ihm vom Mond her besessen halten.

Die letzte Triade bestimmt das Empfinden und zeigt die Wirkung der Gottesnamen in der Welt.

  • Nezach ist die Dauer, der Merkur, die der Mensch nicht im tierisch-pflanzlichen Dasein der Anpassung, sondern in der Arbeit, im Schaffen von Werten findet. Nur in der Leistung kann er sich historisch definieren und ein Glied in der goldenen Kette sein, die Diesseits und Jenseits verbindet.
  • Hod, die Venus, ist die Majestät, die Vollendung der pflanzlichen Gestalt, wie sie im Hohen Lied zum Ausdruck kommt und
  • Jessod Olam, der saturnische Impuls bedeutet den Gerechten, der in seiner Bemühung nicht ruht, bis alle Menschen in die Welt einbezogen, alle Funken des Adam Kadmon ihre Rückbindung zum Ganzen wieder gefunden haben.
  • Die unterste zehnte Sefira — so heißen die Schöpfungsprinzipien in der Kabbala — ist Malchuth. Sie bedeutet das Reich Gottes, und von der Emanation her die Schechina. Das Reich bedeutet, daß Wirklichkeit nur insofern besteht, als sie auf den Menschen im All, Adam Kadmon, bezogen ist. Menschen, die nicht bis zu dieser Zielsetzung durchgedrungen sind, haben die Arbeit an der Wiedergeburt noch nicht begonnen; sie unterliegen dem Gesetz des Gilgul. Solche, die dazu aufgerufen wurden — Gott ruft und der Mensch antwortet, und erst dann fragt er zurück die Engel und den Himmel — erleben die zehnte Sefira, symbolisiert in der Sonne, als die höchste Sehnsucht, auf die hin gerichtet allein der Strom des göttlichen Urlichts sich mit der Urkraft vereinen kann.

Die Entwicklung des Sohar mit den zehn Sefiroth wurde erst im 13. Jahrhundert in der spanischen Kabbala artikuliert, da die verstümmelten pythagoräischen Überlieferungen bekannt waren. So ist die Form des Lebensbaumes metaphorisch, doch kann sie aus der heutigen Sicht auch logisch kritisch bestimmt werden, sobald man mathematisch die natürlichen Zahlen von den ganzen Zahlen der Reihenfolge in der Emanation unterscheidet. Dies geschah erst durch Frege am Ende des 19. Jahrhunderts, der aber die religiöse Bedeutung aus seiner bürgerlich wissenschaftlichen Sicht nicht einbegriffen hatte.

Die natürlichen Zahlen sind der Ursprung aller Qualität, allen Beharrens in der Zeit, weil sie als einzige außerhalb der raumzeitlichen Dimensionen sind. Sie sind der ewige Augenblick, dargestellt in der Null. Die Null ist die Stimme, der gestaltlose Gott, die neun Ziffern sind seine Aspekte oder Kleider, seine Lichter, und die Zehn, die Schechina, ist die ausgestattete Vision, die als erstem Juden dem Propheten Hesekiel als Merkaba bekannt wurde und seither die Visionssuche aller Kabbalisten beflügelt hat. Da die Juden die Zahlen aus den Buchstaben abgeleitet haben, ist ihnen deren Eigengesetzlichkeit nicht bewußt geworden und der Rationalismus eines Moses Maimonides entfaltete sich im Gegensatz zur kabbalistischen Esoterik. Doch durch Rückgriff auf die pythagoräische Tradition, die ich in vielen Büchern erläutert habe, wird es uns möglich, den kabbalistischen Ansatz auch kritisch und logisch zu begreifen.

Die Juden hatten den Zugang zum lebendigen Gott. Für sie war Religion Gehorsam und Verantwortung. Die Griechen dagegen waren den Göttern gegenüber mißtrauisch, sie glaubten nicht, daß diese ein Interesse an unserer Entwicklung hätten. So suchten sie nach einer Möglichkeit, vom Denken her einen Weg gegen die Götter zur Unsterblichkeit zu bahnen. Im Mythos bedeutete Aletheia die Unsterblichkeit, in der Philosophie wurde sie zum Begriff der Wahrheit — nach dem Tode nicht mehr wie die gewöhnlichen Sterblichen das Wasser der Lethe, des Vergessens trinken zu müssen. Zwischen dem siebten und fünften Jahrhundert entfaltete sich die vorsokratische Philosophie. Thales von Milet erfand die Geometrie als Erkenntniswerkzeug, Anaximander die Arithmetik, Anaximenes die Wissenschaft, deren Bereich immer kleiner ist als jener der Meinung, und Pythagoras schuf aus den Erkenntnissen dieser drei milesischen Philosophen die Mathematik und das Rad als Klaviatur des Bewußtseins. Mir ist es in mehreren Jahrzehnten gelungen, die ursprüngliche Gestalt des Rades wieder herzustellen und zu ergänzen. Für den Zusammenhang dieses Buches wollen wir uns an die Erkenntnis der Zahlenwelt halten, wie sie aus den Dimensionen von Raum und Zeit entstand.

Arnold Keyserling
Gott · Zahl · Sprache · Wirklichkeit · 1987
Die kabbalistischen Grundmächte des Seins
© 1998- Schule des Rades
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