Schule des Rades

Wilhelmine Keyserling

Gott · Zahl · Sprache · Wirklichkeit

Wesen der Erde

Immer wieder versuche ich den Geist der Erde, ihre Wesenheit als Ganze zu erspüren, mit ihr zu sprechen. Nur in Teilen kann ich sie erfassen; ich bin ihr zu nah’ — aber jeder Teil spiegelt das Ganze.

Sie hat mir Antwort gegeben auf meinen Anruf, mit Blitz und Donner und der Sprache des Gesteins. Sie gibt mir Antwort mit dem Geist des Lebens, der meinem Mitleid fremd, und doch der Liebe und der Weisheit voll; denn Tod und Leben sind ihr gleichermaßen eigen.

Das Gewahrsein der innigen Beziehung zur Erde ist so selten wie das Gewahrsein des eigenen Leibes. Nur in besonderen Augenblicken wird uns ein Sonnenuntergang, ein Berg, das Meer zutiefst ergreifen. Und langsam lernen wir sie wieder zu beachten — abgesehen von den romantischen Liedern, die sie immer schon besangen und lernen absichtslos zu staunen und finden neue Wege die Materie zu erforschen, in einer Zeit, da wir uns ihrer Gunst und Schönheit schier berauben.

Die Erde ist unser Himmel, der Himmel birgt die Neue Erde — wie oben so unten.

Die Erde ist nicht Tal der Tränen. Aller Schmerz und Jammer, der Furchtbarkeiten mit sich bringt, entspringt der Menschenwelt aus Unvermögen, aus Nichtverstehen. Der Mensch, der im Körper am Geist teilhat ist so weiträumig angelegt, daß seine Vollständigkeit die bewußte, von ihm gewollte Rückbeziehung zu Erde und Himmel verlangt, auf daß er sich nicht wie ein Krebsgeschwür der Natur selbst zerstöre.

Den ruhenden Bezug findet sein Bewußt-sein in der Achse Erde · Mensch · Himmel. Sein Bewußt-werden und wirken entfaltet sich in der Einstimmung in die Himmelsrichtungen, die ihm die Erde vermittelt, in Beziehung zu ihrer Sonne — unserer Sonne.

So wenden wir uns im Geiste den acht Himmelsrichtungen zu — und empfangen im Osten das Licht.

Wilhelmine Keyserling
Gott · Zahl · Sprache · Wirklichkeit · 1987
Die kabbalistischen Grundmächte des Seins
© 1998- Schule des Rades
HOMEDas RAD