Schule des Rades

Arnold Keyserling

Gott · Zahl · Sprache · Wirklichkeit

1. Zahl und Maß

Fältigkeit

In der Kabbala waren die Zahlen den Buchstaben und dem lebendigen Gott als Stimme und Gestalt untergeordnet; der sachliche Zusammenhang wurde vernachlässigt. Im Pythagoräismus vergaß man den lebendigen Gott und nahm das System der Zahlen als Grundlage. Erst Philo der Jude hat beide Überlieferungen vereint und die rationes seminales als Schöpfungsprinzipien des lebendigen Gottes verstanden. Um diesen Gedanken nachzuvollziehen, müssen wir die Zahlen in ihrer räumlichen und zeitlichen Auswirkung geometrisch und arithmetisch erfassen: sie sind die einzige Wahlmöglichkeit des Gewahrseins.

Zahl ist Verbindungsfähigkeit: diese Tatsache, die sich zum Beispiel bei der chemischen Valenz äußert, wird uns ermöglichen, die Impulse der Sefiroth in anderer Weise zu verstehen, so wie sie im Rad angeordnet sind. Sie zeigen folgende Entsprechungen:

Einfältigkeit
Zweifältigkeit
Dreifältigkeit
Vierfältigkeit
Fünffältigkeit
Sechsfältigkeit
Siebenfältigkeit
Achtfältigkeit
Neunfältigkeit
Zehnfältigkeit
Jupiter
Venus
Uranus
Mond
Merkur
Neptun
Mars
Saturn
Pluto
Sonne
Tifereth
Hod
Bina
Chessed
Nezach
Chochma
Din
Jessod
Kether
Malchuth

Die religiöse Bedeutung der Impulse ist nur im mysterium tremendum, in Furcht und Zittern zugänglich. Doch die horizontale, weltliche Bedeutung ist leicht erkennbar als die Art und Weise, wie Zusammenhänge auf der rationalen Ebene vergegenwärtigt werden können. In letzterer Hinsicht — der sprachlichen Bestimmung aller Weltmöglichkeiten und Weltprobleme — ist viel Arbeit geleistet worden, am klarsten in der Encyclopedia of Human Potential and World Problems von Anthony Judge. Ich beziehe mich in folgendem inhaltlich auf dieses Buch, betrachte aber die Schöpfungsprinzipien aus religionsphilosophischer Sicht, die für mich die einzig relevante ist; denn die Offenbarung, die mir zuteil wurde, ist sprachlich und inhaltlich identisch mit jener der ersten Kabbalisten.

Im Sehen gibt es Fokus und periphere Vision, also etwas und nichts. Das Nichts ist die Unendlichkeit, die das Etwas des Fokus umgibt. Im Lesen und Hören und ihrer Vereinigung im sprachlichen Denken sind die Fläche und der Umlauf der zweiten Dimension, rechter Winkel und Kreis der Ausgangspunkt allen Verstehens. Um etwas zu begreifen, organisieren wir es in der Projektion auf die Fläche, die Veranschaulichung der rationalen Zahlen, welche in der Gleichung Synthese und Analyse im Urteil, durch Rückführung auf die Elemente bestimmen. Die zweite Dimension ist im Rad die Mitte zwischen erster und dritter, nullter und vierter. Dies ist der Grund, dessentwegen notwendig die flächige Darstellung aller Elemente im Rad, der Schlüssel der Bewußtwerdung ist. Daher ist auch die flächige Veranschaulichung (2) der natürlichen Zahlen (0) die Voraussetzung der Meisterung von deren kombinatorischer Wirkung in der vierten Dimension. Dies hat Kant erkannt, wenn er erklärte, daß die Zahlenbeziehung ein synthetisches Urteil a priori schafft: die geometrische Veranschaulichung der Gleichung 4 + 5 = 9 schafft einen Ansatz neuen Begreifens, denn aus einem Viereck und einem Fünfeck kommt analytisch kein Neuneck heraus. Wenn nun die Voraussetzung richtig ist, daß nur die neun Ziffern und die Null Schöpfungsprinzipien sind, dann können auch nur diese allein die Wirkweisen des Zusammenfügens darstellen.

Arnold Keyserling
Gott · Zahl · Sprache · Wirklichkeit · 1987
Die kabbalistischen Grundmächte des Seins
© 1998- Schule des Rades
HOMEDas RAD