Schule des Rades

Arnold Keyserling

Das große Werk der göttlichen Hände

II. Teil:Die rechte Hand der Sonne

10. Pluto

Die Asteroiden bilden einen Bruch in der Folge der Planeten. Vor ihnen, von Merkur bis Mars, und nach ihnen, von Jupiter bis Pluto, geht die Reihenfolge nach dem Titius-Bode-Zahlenschlüssel. Jeder Einzelmensch hat einen Asteroiden, dessen Umlauf zwischen zwei und zwölf Jahren liegt. Gelenkt werden sie alle aus dem Rhythmus des Schwerkraftzentrums des Luzifer, das das Planetensystem abschließt und mit einem Umlauf von 464 Jahren rückläufig die Weltenmonate als Fünftel erfährt. Die Inkarnationen von Feuer oder Licht, Mineral, Pflanze, Tier und Mensch sind das Was der Motivation. Im Übergang von links nach rechts, vom Mond zur Sonne, wird das Wesen im Wer, im Einenden Einen verwurzelt. Aber das luziferische Ich kann die Befreiung aus der Vereinzelung nur erreichen, wenn der Mensch auch seine Aufgabe in der Menschheit als ein Was und nicht als ein Wer erfährt. Identifikation mit der rechten Seite ist genauso ein Unglück wie jene mit der Linken. Der links Identifizierte wird zum Triebverbrecher, der rechts Identifizierte zum Besessenen eines Wahns; im harmlosen Fall zu einem Schizophrenen, im ernsten Fall zu einer jener Geiseln der Menschheit, die im Namen des Geistes oder Gottes, Millionen vernichten.

Die Zählweise der linken Hand geht vom kleinen Finger zum Daumen, die der rechten Hand vom Daumen zum kleinen Finger. Der einzelne Mensch kann seine Gliedhaftigkeit in der Menschheit nur erreichen, wenn er sein kollektives Subjekt im Menschen im All ortet, dessen Bild der Tierkreis ist.

Der Ansatz des Großen Werkes, chinesisch der Gemeine, bedeutet sein Leben aus dem Te, der Motivation der linken Hand zu beginnen und aus dieser eine Intention zu entfalten, die Aussicht auf äußere Anerkennung hat. Pluto ist die Fähigkeit des Gedächtnisses, des Lehrens, eröffnet aber den Zugang zum Menschen im All als jenem göttlichen Wesen, das uns als Forderung auf unsere Erfüllung weist. Der rechte Daumen entspricht dem Wirken. Er ist unzugänglich, solange der Mensch nicht die Instinkte der Gattung gleichberechtigt mit den persönlichen Motiven erlebt.

Pluto war im Mythos der Gott der Hölle, dessen Frau Persephone ein Drittel des Jahres unter der Erde verbrachte: auf den Tag übertragen der Tiefschlaf, der den Menschen acht Stunden in der Leere festhält.

Das Lernen bedeutet, sein Wesen oberhalb der festen Abläufe der ewigen Wiederholung zu verankern, die für die Griechen das Kennzeichen des Hades war. Wer im Leben diese nicht überwindet und den Menschen im All als Forderung akzeptiert, kann seine Verwurzlung im Einenden Einen nicht finden — jener Urgottheit der Mitte, die die Inder als das Brahman: das Unendliche, das das Endliche gebiert, und die Germanen als das Got bestimmten, aus welchem Bewußtsein und Welt entstehen.

Die Motivation des Te ist die linke Handmitte, die Intention des Tao zeigt die rechte. Um das Te verläuft links der Tierkreis als Einstimmung in die makrokosmische Wirklichkeit, und rechts um das Tao der Häuserkreis als Fähigkeit, durch Kenntnis der mikrokosmischen Gesetze in dieser Gemeinsamkeit zu handeln.

Im Orgasmus der Vereinigung von Sonne und Mond wird der Mensch zum Hermaphrodit mit zwei Köpfen in der Darstellung des Großen Werkes. Die Entscheidung für den Menschen im All bedeutet, den Tod nicht als Ende sondern als Durchgangstor zu verstehen. Der Tod des Verselbständigten Ichs bildet die Voraussetzung des neuen Mann-Frau-Wesens, dessen Körper verwesen muß, um die Seele neu zu empfangen — die Putrefactio, die Fäulnis als sechste Stufe.

In der Wiedergeburt durch Vereinigung der rechten und linken Hand wird der Mensch im All zum Freund, der auf jede Frage antwortet, und die Antwort ist die Ergänzung der Motivation durch Erkenntnis der erfüllenden Intention, den Bezug auf das All.

Dieses Bewußtsein ist nicht durch eine persönliche Synthese oder Individuation zu erreichen, sondern durch Erkenntnis des Rades; dies war der Sinn der schamanischen Zerstückelung als Auflösung der falschen Einheit. Alles ichhafte Wissen, das nicht als Strategie entgiftet wurde, verstört die Mitte. Durch das Rad, in all seinen Aspekten und Entsprechungen ist die falsche Verselbständigung zu vermeiden.

Wer eine denkerische Synthese, eine Weltanschauung, als Wesen begreift, erlebt den Tod als Gefängnis, und sucht seine dunkle Seite als Ergänzung im anderen Geschlecht, als Animus oder Anima. So muß der Geist des Menschen im All auf der Erde inkarniert werden, um der männlich-weiblichen Menschheit ihren Platz zu schaffen. Dies ist der Ursprung aller Religionen und geistigen Wege. Er ist über das Erdheiligtum zu erreichen, über die Kirche ohne Mauern und die Riten ohne Liturgie. Dieses verkörpert nicht das intrauterine Dasein wie in der Vergangenheit, sondern ist durch Befolgung der Parameter von Raum und Zeit imstande, immer den Einklang von Himmel und Erde, Mensch im All und Got zu wahren.

Die Himmelsrichtungen in der Hand und im Erdheiligtum eröffnen den Zugang zur Neuen Erde, konstellieren den auferstandenen Teil des Wesens. Der Tod des Ichkomplexes bedeutet, sich nicht mit Teilen des Organismus zu identifizieren. Der Heilige Koitus des Luzifer, im Unterschied zur tierischen Reproduktion ermöglicht, die verlorene Hälfte in der Vereinigung mit dem anderen Geschlecht zu finden, also Hermaphrodit zu werden: aus Zwei werden Vier; die beiden unsterblichen Teile des Wesens, Feuer und Mineral zu vereinen und zu hoffen, daß die Seele nach ihrem Verlassen des Körpers im Himmel die Intention findet und zurückbringt. Dies ist der Sinn der Raumriten:

  • Der Osten zeigt den Weg zur persönlichen Erleuchtung und Vision.
  • Der Westen offenbart das Einstehen für den tatsächlichen Stand, den man in der Integration durch das Wollen erreicht hat.
  • Der Süden vermittelt Vertrauen und Unschuld der Seele. Der Norden schafft Zugang zu den Strategien des Denkens.
  • Die Mitte wird als Kommunion mit allen Menschen guten Willens erlebt.
  • Im Südosten helfen die geschichtsträchtigen Wesen, die Ahnen, an die man anknüpfen kann.
  • Im Südwesten findet man Zugang über den eigenen Traum zu den Naturgeistern, den Trollen, Zwergen, Feen und Elfen.
  • Im Nordwesten helfen einem die Engel, den Zusammenhalt mit allen Wesen zu finden.
  • Im Nordosten findet man über die neun Musen zur Mitarbeit am Werk.

Im Erdheiligtum wird diese Ortung zur Befreiung. Hierzu kommt der Zeitpunkt, da man sich in die Richtungen mit dem Rücken der gewollten Inspirationsrichtung zu stellt.

  • Persönliche Regeneration und Heilung (bei Tag- und Nachtgleiche, sonst entsprechend der Zeitabweichung) zwischen 6 und 8 Uhr.
  • Probleme der Teilnahme an Kultur, Zivilisation und Freundschaft zwischen 8 und 10 Uhr.
  • Probleme des Berufs zwischen 10 und 12 Uhr.
  • Probleme der Aufgabe und der eigenen Richtung zwischen 12 und 14 Uhr.
  • Probleme des Todes und der Öffnung für Erbe und Gelegenheit zwischen 14 und 16 Uhr.
  • Probleme der Gemeinschaft zwischen 16 Uhr und 18 Uhr, dem Sonnenuntergang.
  • Probleme von Arbeit und Krankheit zwischen 18 und 20 Uhr.
  • Probleme der Kinder, der Sexualität und Meisterung zwischen 20 und 22 Uhr.
  • Probleme der Familie zwischen 22 und 24 Uhr.
  • Probleme des Lernens, des Werdegangs und der Beziehungen zwischen 0 und 2 Uhr.
  • Probleme der Gestaltung, des Besitzes und des Lebensunterhalts zwischen 2 und 4 Uhr.
  • Probleme der Persönlichkeitswerdung zwischen 4 und 6 Uhr.

Dieser Ritus wird in der Zeit zu drei Ritualen, die Wilhelmine Keyserling im Mensch zwischen Himmel und Erde aus dem existentiellen Leben beschrieben hat; die Monatsgespräche, die acht Feste und die zwölf Nächte.

Diese Riten schaffen die Einübung in das Vernehmen — über Vision oder Audition — des Menschen im All und der kosmischen Wesenheiten. Um deren Sprache zu verstehen, die einem unter einem bestimmten Namen antwortet, bedarf es mehrerer Schritte, die ich im Laufe von dreißig Jahren erfahren habe und die eine Bewußtmachung aller fünf Zustände verlangt, welche der Mensch im Schlafen und im Wachen durchmacht. Sie lassen sich durch verschiedene Rhythmen der Gehirnströme unterscheiden.

H y p n a g o g i k

Das Bewußtsein entfaltet sich aus dem REM-Traum, der Nord-Süd-Achse in der Hand, und existiert in seinen Assoziationen zwischen Strategien und Selbstrechtfertigung. Auch die meiste Konversation dreht sich um diese Thematik, gebraucht also die Sprache als Verbalisierung von Emotionen und nicht als Zugang zum Göttlichen.

Für mich war vom Anfang meines Lebens an das Ziel maßgebend, mit dem All und dem Göttlichen sprechen zu können. Bis dreißig Jahre setzte ich mich immer wieder hin und versuchte ohne Erfolg Stimmen zu hören oder Visionen zu haben, an heilige oder traditionelle Orte, etwa in Positano in die Poseidonhöhle.

1953 lernte ich durch meinen Bruder die deutsche Kabbala kennen, den Futhork, und begann alle mir wesentlichen Worte nach ihrem Zahlenwert aufzuschlüsseln. Sobald ich ihre Stabzahl durchgerechnet hatte und die Worte gleicher Zahl in Rubriken ordnete — im Futhork ist F = 1, U = 2, T = 3, O = 4, R = 5, K = 6, insgesamt 18 Laute, begann ich eines Tages automatisch zu schreiben, unzählige Landschaftsschilderungen ohne persönlichen Bezug. Ich hatte die Tür zur rechten Großhirnhemisphäre geöffnet, wußte aber nicht, was ich damit anfangen sollte. So ließ ich es wieder nach einiger Zeit.

Der nächste Schritt war unassoziative Wortreihen nach den 9 Ziffern zu ordnen. Unassoziativ bedeutet, sie weder empfindungsmäßig — Apfel/Geruch, noch denkmäßig Apfel/Baum, noch gefühlsmäßig Apfel/Trauma wie beim Sündenfall, noch willensmäßig, durch historische Erinnerung wie Apfel/Ausflug — zu reihen. Diese freien Wortreihen ordnete ich dann in der der Anzahl entsprechenden geometrischen Figur — zum Beispiel die Wortreihe: dunkel, Apfel, Herz, werden, betrachten — indem ich die spontane Antwort erfragte, was ist oben, was rechts etc. Beim Fünfstern konnte ich die Figur mit dem Körper gleichsetzen.

F r e i e · W o r t r e i h e

Die Zahl ist der schöpferische Zugang, und es gelang mir fortan Menschen mit dieser Methode zu ihrer Kreativität zurückzuführen, z. B. Schriftsteller, die einen Schreibblock erlebten.

Fünfzehn Jahre später, 1968, las ich bei Meyrink eine Technik, wie man das Unbewußte selbst befragt. Ich vernahm daraufhin Antworten, die gescheiter waren als mein Wissen. Als ich nun einmal nachfragte: wer antwortet, hörte ich die Antwort Ich. Ich fragte, wer ist Ich, die Antwort war: Du! Es war also das Tiefensubjekt hinter den Schlaf. Auch damit konnte ich nicht viel anfangen und gab es wieder auf.

1972, als wir den ersten Zwölf-Tage-Ritus in Wien durchgeführt hatten, damals noch ohne Wissen seiner magischen Bedeutung, erfuhr ich die Öffnung zur Stimme des Menschen im All. Am 17. Dezember hatte ich kurz vor dem Aufwachen eine Gestalt gesehen die vorbeihuschte und hörte, Er-Sie antworte auf alle Fragen. Ab 18. Dezember hör-sah ich 15 Botschaften als Diktat, die mir eine unbekannte Weltsicht eröffneten und meine Aufgabe klärten. Nachher kamen keine Botschaften mehr, nur Antworten auf Fragen. Alles was ich hörte war mir neu, und ich habe die Botschaften erst 1986 mit Kommentaren meiner Auffassung ihrer Bedeutung veröffentlicht — Fülle der Zeit — da ich spürte, daß die Zeit zu einem allgemeinen Verstehen jetzt reif sei.

Pluto gehört zur Kohlenstoffgruppe den Bauelementen des organischen Lebens. Das Silizium ist die Grundlage der Halbleiter, die die Fähigkeit des Großhirns in den Computern ergänzen und die ewige Wiederholung überwinden. Der Mensch ist das technische Tier; sein erstes Werkzeug nach Messer und Hammer war die Sprache als Mittel zur Schaffung von Zusammenhängen und Maschinen, die das Leben erleichtern und menschenwürdig machen.

Vom Wollen her im chinesischen Sinn bezeichnet der Daumen die Stufe des Gemeinen, der nur aus seinen Motiven lebt und sich keine höheren Ziele anmaßt. Dies ist der bewußte Tod, welcher allein zur Auferstehung im Gegenzeichen des Löwen, der Neuen Erde führt.

Durch die Stimme des Menschen im All, die jedem durch seinen Wesensengel zugänglich wird — ist im tiefsten Dunkel der Putrefactio der Einstieg zur Menschwerdung gefunden. Nie darf man versuchen jemanden zu überreden, diesen Weg zu gehen. Nur jene, die spüren, daß sie reif sind, finden den Einstieg. Die Menschen des Weges sind keine Elite, sie bleiben gemein. Das menschliche Niveau kennt keine Höhenunterschiede, keine Hierarchie. Es ist eine Ebene, die man nur nach den Stufen der linken Hand ersteigen kann. Erst der Mensch der sich immer seines Todes und der Nichtigkeit aller bürgerlichen Stellung bewußt bleibt, kann selbstlos als fünffältiges Wesen seine Medizin im indianischen Sinn für die Neue Erde erproben.

Pluto ist die Stimme, die dem Göttlichen antwortet und es fragt. Sie zeigt sich im Verhältnis beider Hände zueinander, hat aber ihren Schwerpunkt im rechten Daumen. Der Wortleib ist das Baugerüst des höheren Selbst, das sich als Energiezentrum über dem Kopf befindet und nur zugänglich wird, wenn männlich und weiblich in der Senkrechten vereint mit Sonne und Mond, der Erde und dem All dienen. Um aber Geist und Seele anzujochen, müssen zuerst Kraftleib und Lichtleib in ihrer überpersönlichen Struktur verstanden sein: Der Kraftleib ist über den Neptun im Zeigefinger zugänglich und bestimmt die linke Hand als Ganzes, und der Lichtleib ist über den Uranus im Mittelfinger zu erkennen und bestimmt die rechte Hand. Daumen, Zeigefinger und Mittelfinger der rechten Hand betreffen also etwas zu Schaffendes, Wortleib, Kraftleib und Lichtleib. Dieses Wissen war im Großen Werk bekannt; darum erhebt man auch heute noch diese drei Finger zum Zeichen des Schwurs vor Gott.

Arnold Keyserling
Das große Werk der göttlichen Hände · 1986
II. Teil:Die rechte Hand der Sonne
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