Schule des Rades

Arnold Keyserling

Das große Werk der göttlichen Hände

II. Teil:Die rechte Hand der Sonne

6. Jupiter

Die zehnte und letzte Stufe ist die Wiederkehr der ersten auf höherer Ebene. Der Hermaphrodit, der doppelköpfige Mensch, steht auf dem Mond und strahlt als Sonne. In der rechten Hand trägt er drei Schlangen; Körper, Seele und Geist sind als untere Trinität zur Wirkeinheit geworden. Darunter wächst ein Baum mit dreizehn Gesichtern, zwölf für jedes Tierkreiszeichen und das dreizehnte als der Mensch selbst. In der linken Hand wurde die Erdschlange zur hilfreichen Kraft und der Rabe als Seelenvogel rät von unten. Der zweite Seelenvogel wird als Flügel dargestellt, die dem Hermaphroditen gewachsen sind. Der neue Mensch ist nicht mehr König sondern Kaiserin: die Erdmutter hat ihm durch Jupiter ihre bergende Kraft verliehen, so daß er für alle die höchste Medizin bedeutet und sein Wesen als Heiliger Weiser für alle fördernd ist. Er vereint linke Hand und rechte Hand, Urkraft und Urlicht im Urwort und weiß bereits seine Stellung auf der Neuen Erde, von der aus er als Brückenbauer herüberstrahlt.

Der Körper bleibt zweigeschlechtlich, die Sonne ist zum Gesicht geworden, das gleich dem kaiserlichen Doppeladler nach rechts und links, zur alten und neuen Erde blickt.

Die Erlösung des Merkur ist der Heilige Weise. Auch die Elementegruppe des Jupiter enthält nach Alchemistischer Tradition nichts, was für den Menschen schädlich wäre. Motivation und Intention sind eins geworden, der Mensch ist als Ich gestorben. Seine Anlage wurde Teil der Welt, man erinnert sich an seinen Beitrag zum Großen Werk, weil es versachlicht wurde und anderen zum Nutzen gereicht.

Der ursprüngliche Ansatz des Jupiter ist die Produktivität des Unzulänglichen; jedes Leiden wird zum Weg der Vollendung, welche Vollendung aber nicht ein Ziel sondern ein Werkzeug bedeutet, mittels dessen man zum Mitwirkenden des Magnum Opus wird. Als einziger Planet unseres Sonnensystems sendet Jupiter mehr Energie aus als er von der Sonne aufnimmt. Laut Gurdjieffs Auffassung ist er auf dem Weg, die nächste Sonne zu werden, wenn einmal unsere gestorben sein wird.

Saturn zeigt die Stellung, aus welcher die Kraft der Erde für Zusammenschlüsse von Menschen fruchtbar gemacht werden kann. Doch Saturn bleibt unpersönlich, man dankt ihm nicht, wenn er einen dazu zwingt seine Pflicht ernst zu nehmen und zu erfüllen, und jede Verfehlung wird geahndet. Doch Jupiter hat seine Wurzeln in den Ahnen, in der Geschichte, und daran kann der einzelne als Wesen anknüpfen.

Im Rad steht Jupiter am Ort der Einsamkeit und Regeneration, im Mikrokosmos im Inbild, und im Makrokosmos sind Geist und Seele vereint. Im Buddhismus bedeutet das Ajna-Chakra das Öffnen des inneren Auges, sodaß der Mensch in beide Richtungen sieht. Der Sinn ist das Lesen, die Bedeutung nicht nur zu erkennen, sondern durch Interpretation zu schaffen und in den vollendeten Ausdruck der Kunst zu verwandeln.

Die seelische Linie der linken Hand ist oft gespalten. Eine führt vom Osten zum Westen, die andere zum Südwesten. Über die Sprache einerseits und die unbeirrbare Intention andererseits, alles was einen angeht in Schönheit zu verwandeln, erreicht man den Durchbruch zur Neuen Erde, wo alle jene toten Freunde sind, die ihr persönliches Schicksal im Werk objektiviert haben: die Unsterblichkeit im Jenseits hat ihr Maß in der Erinnerung der Ahnen auf der Erde. So zeigen die Hände das Große Werk, dank dessen Verständnis jeder seinen eigenen Ansatz und seinen Sinn über das Wissen finden kann — aber gehen muß er selbst.

Arnold Keyserling
Das große Werk der göttlichen Hände · 1986
II. Teil:Die rechte Hand der Sonne
© 1998- Schule des Rades
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