Schule des Rades

Arnold Keyserling

Das große Werk der göttlichen Hände

Voraussetzung

Die Struktur der Hand

Die Finger sind dreigliedrig. In der linken Hand sind die Sinne aufnehmend, in der rechten tätig und stehen damit mit der gegenüberliegenden Gehirnhälfte in Zusammenhang.

  • Rechte Hand und linke Hemisphäre bedeuten Veränderung der Zeit,
  • linke Hand und rechte Hemisphäre Verwandlung des Raumes.

Die äußeren Glieder zeigen die Welterfassung:

links:
sehen
riechen
schmecken
hören
tasten

kleiner Finger
Ringfinger
Mittelfinger
Zeigefinger
Daumen
rechts:
lesen
sprechen
nähren
schreiben
wirken

Durch die Vereinigung von links und rechts entsteht der Sinn, der im Wort zur Erinnerung und damit zur Kompetenz, zur Stellung im Kosmos wird. Sehen wird über das Lesen zum Sinn, riechen über das Sprechen, im Schmecken ernährt man sich und andere, das Hören wird über die Hand zum Schreiben, das Wort wird materialisiert und kann außerhalb des Gedächtnisses bewahrt werden, und das Tasten, das Erfahren der materiellen Wirklichkeit, befähigt zum Wirken durch Kenntnis der Elemente und Gesetze.

Die inneren Glieder zeigen links die Motive, rechts die Intentionen:

links:
Augenlust
Riechlust
Schmecklust
Hörlust
Tastlust

kleiner Finger
Ringfinger
Mittelfinger
Zeigefinger
Daumen
rechts:
Kunst
Dichtung
Wirtschaft
Wissenschaft
Werk

Der Sinn entfaltet sich nach innen zu zwischen der Sehnsucht der Wesenswünsche oder Motive, die auf die Befriedigung der fünf Lüste gerichtet sind, und der Kultur, die deren Verwirklichung immer mehr erweitert. Aus der Befriedigung der Augenlust entsteht die Ordnung der Welt, die Schönheit, die Kunst. Die Riechlust hat ihren Ausdruck im Wohlgeruch, in Blumen und absichtlichen Geruchsorchestrierungen, in deren Verständnis man noch am Anfang steht; es gibt keine befriedigende elementare Systemik der Gerüche, jeder ist eine Einzelheit, erfaßt eine unterscheidbare Qualität, wie auch der Neocortex sich aus dem Geruchszentrum entwickelt hat. Aber der Ausdruck des Atems ist im Sprechen die Dichtung, die nicht aus assoziativem Wissen herrührt, sondern unmittelbar Eigenschaften musikalisch und rhythmisch miteinander verbindet, die von Natur aus nicht in Beziehung sind. Das Schmecken und Nähren hat seine Sehnsucht im Geschmack, bestimmt aber die Stellung des Menschen im kosmischen Stoffwechsel. Die Kohlenhydrate, Fette und Proteine entstammen immer getöteten Wesen.

Das Ziel, die Intention ist der Wohlstand im weitesten Sinn, die Wirtschaft. Das Hören erreicht die Fähigkeit der Speicherung, des Lernens in wissender Wissenschaft, wobei ich als Wissenschaft das bezeichne, was in eine Strategie verwandelt werden kann, womit man also auf die Welt zeigt und sie beeinflußt; Maschinen sind genauso ein Schreiben wie Bücher über Naturwissenschaft. Die Sehnsucht nach der Tastlust, nach Bewegung und Einheit des Körpers, geht im Daumen in den Handteller über, ist also Teil des Wesens und zeigt die Möglichkeit des Wirkens, das sich verantwortlich als Teilhabe und Stellung im Werk verkörpert.

Die mittleren Glieder zeigen den Zugang und die Hilfe von Weltbereichen, die Fühlen und Empfinden, Geist und Körper über das Wort in Denken und Seele miteinander verbinden.

links:
Feuer
Mineral
Pflanze
Tier
Mensch

kleiner Finger
Ringfinger
Mittelfinger
Zeigefinger
Daumen
rechts:
Ahnen
Naturgeister
Engel
Musen
Mensch im All

Feuer ist die Energie, die die Zustände der Materie ineinander verwandelt, also nicht an Körper, Seele und Geist verhaftet ist, sondern das Wesen bestimmt. Für den Menschen sind die Ahnen als Quell seiner Energie jene, die positiv gestorben sind, also die Neue Erde erreicht haben, für welche unsere nach Goethes Worten die Pflanzstätte bietet. Das Mineral ist die unsterbliche Welt auf der Erde und wird durch die Naturgeister, die Trolle, Zwerge, Feen und Elfen gelenkt. Gesundheit und Freude hängen von diesen ab; der Vielfalt des Wetters entspricht die Vielfalt der Stimmungen, wie sie die alte Humoralmedizin schilderte. An den Pflanzen hat der Mensch durch sein Wachstum und seine Entfaltung teil, und die Engel offenbaren ihm auf seine Fragen den Weg zur Vollendung. Die Tiere haben ihre Strategien und finden ihren natürlichen Wirkungskreis ohne Schwierigkeiten; der Mensch erfährt über die neun Musen seine Stellung in der Gesellschaft und damit im Werk. Doch dieses als Magnum Opus der Zivilisation vereint Mensch und Menschheit, die über die Erde hinausreicht und deren einziges Subjekt der Mensch im All ist.

In den Fingern zeigen Längslinien Verstärkung der Öffnung in diesem Bereich, Querlinien Hindernisse. Doch die eigentliche Entwicklung und Läuterung des Menschen zeigt sich im Handteller, der in beiden Händen das Rad spiegelt.

Außen in den Bergen sind die Himmelsrichtungen des Raumes, wobei die linke Hand unserem Rad entspricht, die rechte ist seitenverkehrt. Die Bewußtseinskomponenten äußern sich links als Erleben, rechts als Tun. Durch die Struktur des Rades ist es möglich, die Bedeutung der Linien und Zeichen genau zu bestimmen.


0
7
6
5
4
3
2
1
links:
Glaube
Bildung
Hoffnung
durchsetzen
Karma
Empathie
Entwurf
können
Bewußtsein
Gewahrsein
Geist
Seele
Körper
wollen
fühlen
denken
empfinden
rechts:
Aufgabe
bilden
Liebe
Stellung
Dharma
Zuwendung
Strategien
handeln
Richtung
O
SO
S
SW
W
NW
N
NO

Die Bedeutungen sind symbolisch, sie müssen aus dem Zusammenhang sinnvoll abgewandelt werden.

Die acht Berge bestimmen die Raumrichtungen, die Zeitabläufe lassen sich aus den großen Linien bestimmen. In der linken Hand ist die Herzlinie Geist, die Kopflinie Seele, die Lebenslinie Körper und die Schicksalslinie Gewahrsein. Rechts ist die Herzlinie fühlen, die Kopflinie denken, die Lebenslinie empfinden und die Schicksalslinie wollen. Da die Hände im Großen Menschen des Tierkreises zu dem Zeichen Zwillinge gehören, ist das Maß der ganzen Länge aller Linien je 84 Jahre, ein Uranusumlauf. Wird man älter, so beginnt die Aufarbeitung der Probleme von neuem auf höherer Ebene einer Spirale.

Ebenso bedeutsam wie die Linien sind die Zeichen.

links:
Erwartung
begreifen
erkennen
Glück
Assoziation
Trauma
Eingebung
Hingabe

Punkt
Gerade
Dreieck
Viereck
Kurve
Insel
Stern
Kreis
rechts:
Ereignis
Methode
Verhalten
Charisma
verstehen
Umweg
Wahl
führen

Ein Punkt auf einer der Linien ist links eine Erwartung und rechts ein Ereignis. Hieraus läßt sich in gewissem Maße eine Zukunft vorhersagen, wobei man aber vorsichtig sein muß, einem Menschen nicht Zusammenhänge nahezulegen, die aus der eigenen Vorstellung kommen und somit für ihn schicksalsträchtig werden können, zumal heute die Mehrzahl der Menschen der instinktiven Einsicht ermangelt. Eine Gerade hat ihre Bedeutung durch die Orte, Berge oder Linien, die sie verbindet — links zeigt sie begreifen, rechts eine mögliche Methode. Ein Dreieck ist links eine Erkenntnis die aufleuchtet, gleichsam in einem großen Stück, wie z. B. Mozart seine Inspirationen beschrieben hat. Rechts führt die Figur zu einer denkbegründeten Handlung. Ein Viereck — die Bedeutung der Figuren kommt aus der mathematischen Entsprechung der Rechnungsarten und geometrischen Dimensionen, die in anderen Büchern geschildert ist — ist links ein Glück, ein unverhoffter Zufall und rechts ein charismatisches Handeln, eine Fortuna. Eine Kurve zeigt die Möglichkeit einer Assoziation zweier sonst unzusammenhängender Gebiete, was man als Intelligenz bezeichnet. Rechts bedeutet sie erklärendes Verstehen. Eine Insel ist eine üble Erwartung, ein Trauma in der linken Hand, rechts ist sie ein Umweg, der einen verengt oder aus der Bahn wirft. Ein Stern ist links eine Eingebung, wobei die Zahl der Strahlen aus dem Mittelpunkt wesentlich ist: 1 · heilen, 2 · gestalten, 3 · forschen, 4 · sorgen, 5 · urteilen, 6 · schlichten, 7 · kämpfen, 8 · walten und 9 · lehren. Rechts bedeutet der Stern eine entsprechende Entscheidung oder Wahl. Ein Kreis, eine seltene Figur, zeigt links die Fähigkeit der totalen Hingabe an das Gebiet oder den Mitmenschen, rechts die Gabe des Führens und Weisens, auf daß andere ihre eigenen Schritte machen können.

Die Kopflinie und die Lebenslinie beginnen im Osten, setzen also vom Glauben und der Aufgabe an. Die Herzlinie beginnt im Südwesten, Geist und fühlen haben ihren Ausgangspunkt in der Nahtstelle von Tod und Leben. Die Schicksalslinie des Gewahrseins und Wollens beginnt aus dem Fühlen der Handwurzel im Nordwesten; die Raszetten der Handwurzel deuten auf Hilfe aus dem Jenseits und eigenen früheren Inkarnationen, verleihen somit Vitalität.

Um die Mitte der Handfläche ist der Kreis des persönlichen Horoskops: links im Widder im Osten anhebend, rechts im I. Haus, dem Ostpunkt des Aszendenten. Die Teilung der Hand vom Osten nach Westen trennt Tagwelt und Nachtwelt, wodurch die Lebenslinie ganz der Nacht zugehört, die Herzlinie ganz dem Tag und die Kopflinie — denken und Seele — beide Bereiche über die Sprache verbindet. In der Teilung Süden-Norden ist die Fingerhälfte der Selbstaktualisierung zugewandt, die andere Hälfte der Mitmenschlichkeit.

Die Mitte der Hand zeigt den Zugang zum Wesenskern, zur Erdgöttin, wie ja auch das Horoskop immer auf die Erdmitte bezogen ist. Doch die Erde kreist um die Sonne und der Tierkreis ist das Bild der Vollendung des Menschen im All. Von der Sonne her stehen die Planeten in einer bestimmten Ordnung, deren Bedeutung von den Indianern als Conjurers Count überliefert wurde.

10P L U T O9N E P T U N8U R A N U S7S A T U R N6J U P I T E R5L U Z I F E R4M A R S3E R D E · M O N D2V E N U S1M E R K U R0S O N N E

Die Sonne ist das Bewußtsein und Wesen. Sie ist der Ursprung, woraus die Planeten den Sinneskörper zusammenfügen im Großen Werk der Sonne, dem alchemistischen Magnum Opus. Jeder der Planeten entspricht nun einem der Finger, sodaß man die Befreiung oder Erfüllung — den Weg zur Vollständigkeit anstelle jenes zur Vollkommenheit, wie Jung betont — als Ergreifen der göttlichen Hände betrachten kann.

Arnold Keyserling
Das große Werk der göttlichen Hände · 1986
Voraussetzung
© 1998- Schule des Rades
HOMEDas RAD