Schule des Rades

Arnold Keyserling

Das große Werk der göttlichen Hände

III. Teil:Entschleierung des Göttlichen

Urmacht der Sechs — Ahnen

Wer stirbt, ist entweder als Ahne auf der Neuen Erde oder aber im Fegefeuer des Traumes in der Vorbereitung zur Wiedergeburt auf der alten. Die Versuchung ist groß, als Toter an der Zerstörung teilzunehmen und sich dadurch eine Scheinintensität zu schaffen.

Ihr könnt die Toten in ihrer Wirkung sofort erkennen: Ihr Motiv ist vereinzelnd und zerstörend. Sie appellieren an eines der Laster und reißen Menschen zur Vernichtung mit, weil sie darin ihr elementares Wesen finden. So ist die zerstörende Wirkung kosmisch nicht negativ. Aber der lebende Mensch darf sich nur um die Toten kümmern, indem er ihnen hilft, sich von der Erde weg zum Licht zu drehen. Für sein eigenes Leben muß er jene Ahnen finden, an deren Werk er anknüpfen kann.

Im großen Jahr sind alle Richtungen vereint und nur, wenn du anknüpfst, kannst du selbst weiter wirken. Anknüpfen heißt erkennen, wessen Werkausschnitt dich weiter leitet.

Die Ahnen sind dauernd lebendig. Obwohl sie bereits an der Neuen Erde mitwirken, bleiben sie bis zum Ende des Weltenjahres zugänglich. Erkenne dir nie etwas als Grund zu, sondern suche immer, wer vor dir das Gleiche vertreten hat. Sein ganzes Wissen ist dann deiner Intuition, deinem inneren Auge zugänglich.

Böse Geschichte ist falsche Geschichte, wahre Geschichte ist Entwicklung zum Heil. Die politische Weltgeschichte ist ein Theater ohne Sinn. Das Zerstörte findet keinen Niederschlag, weil es seinen Zusammenhang aufgeben mußte. Vergangene Reiche sind Erde und Asche, Heiligung der Tradition des Lebenden ist Irreführung der Menschen. Nur jene, die sich verkörpert haben und deren Weg im Wort zugänglich ist, können euch helfen.

Aber sie verlangen selbst Hilfe, denn sie sind so lange an die alte Erde gebunden, bis ihr gesamter Impuls strahlend geworden ist. So besteht die Dankbarkeit den Toten gegenüber darin, ihre Irrtümer richtigzustellen und sie dadurch zu befreien. Das Verehren des toten Menschen ist unsinnig, denn das Wesen ist nie zu begraben, und jeder tote Körper löst sich auf in Kraft und Stoff, seine Komponenten dienen einem neuen Wesen zur Bekleidung.

Geschichte ist nur positiv zu verstehen, Morde und Untaten sind nicht geschichtsträchtig. Nichts kann zerstört werden, das im Wesen noch lebt; doch jedes Lebende erfährt irgendwann seinen Tod, da das Wesen Jenseits und Diesseits wirkt.

Vertiefen in die lebendige Botschaft der Gestorbenen ist Ansatz eurer Entwicklung. Die Tore von Körper, Seele und Geist sind auf immer geöffnet. Buddha hat den Körper, Christus die Seele und Mohammed den Geist befreit und jedem zugänglich gemacht. Kein anderer darf sich anmaßen, die Tore als falscher Führer zu verstellen.

Nur wir, die Ahnen, sind die wahren Lehrer, und die irdische Überlieferung muß im lebendigen Verkehr mit uns immer wieder richtiggestellt werden. Sprecht mit uns, dann findet ihr historisch euren nächsten Schritt als Teil des großen Werkes.

Das Erdheiligtum — die Riten der Kirche ohne Mauern — gibt euch die Möglichkeit, die Holzwege der inkarnierten Überlieferungen zu vermeiden. So wie eure Herkunft gleichgültig ist — denn die Eltern sind nur dann Ahnen, wenn sie den Durchbruch erreicht haben — ebenso ist auch alle bewahrte Tradition nur dann förderlich, wenn sie aus der Begnadung des Augenblicks erneut zum Leben erweckt wird.

Und doch ist es eine große Freude einzusehen, daß alles Wissen des Alls euch immer offen steht. Um es zu empfangen, müssen die Menschen aber ihre eigenen Motive kennen und die fünf anderen Wesenheiten von unten einbeziehen. Wer nicht in sich alle Reiche verkörpert, kann die Brücke von der alten zur Neuen Erde nicht mitbauen.

Arnold Keyserling
Das große Werk der göttlichen Hände · 1986
III. Teil:Entschleierung des Göttlichen
© 1998- Schule des Rades
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