Schule des Rades

Arnold Keyserling

Klaviatur des Denkens

Vorwort

Philosophie als Kunst

In den letzten Jahrhunderten hat sich die Philosophie immer weiter von ihrem ursprünglichen Anliegen, dem Streben nach Weisheit, entfernt und ist einerseits zu einer akademischen Wissenschaft unter anderen, andrerseits zu persönlicher Meinungsbildung entartet. In beiden Fällen kann sie die Hoffnung, die sowohl die alten Philosophen als auch die Laien in sie setzten, nicht mehr erfüllen: die akademische Philosophie ist nur Fachleuten zugänglich, und eine persönliche Meinung erlangt nur dann Allgemeingültigkeit, wenn sie sich als Ideologie durchsetzen kann, also auf die geistige Autonomie des Einzelnen keine Rücksicht nimmt.

Daher zweifeln viele Menschen, ob es überhaupt einen konkreten Gegenstand gibt, den man als Philosophie bezeichnen könnte. Eine allumfassende Wissenschaft im Sinne der Summen der Scholastik wäre heute bei der unermeßlichen Ausdehnung des Wissens unmöglich. Aber es gibt ein Problem, dem die Einzelwissenschaften nicht gerecht werden können: die Frage, wie Wissen überhaupt zustande kommt. Ihre Beantwortung erfordert eine Kritik der Prämissen des Bewußtseins, die den Einzelnen befähigen sollte, hinter diese zu treten, sie zu transzendieren, sie also im gleichen Sinne zu seiner persönlichen Lebensgestaltung zu gebrauchen, wie der Maler die Farben und Formen, der Musiker die Töne, Intervalle und die Gesetze von Rhythmus, Harmonie und Melodie zur Ausübung seiner Kunst.

Dies bedeutet nicht Philosophie als Wissenschaft oder Meinungsbildung, sondern als Kunst, welche zwar einen strengen architektonischen Gliederbau der Begriffe verlangt — wobei Analyse und Synthese im Gleichgewicht stehen — aber sich nicht mit dem Lehren und Lernen erschöpft, sondern in die Verwirklichung führt.

Philosophie als Kunst ist seit jeher mein Anliegen, und die vorliegende Abhandlung hat bereits mehrere Stadien der Fassung erlebt — 1950 als Urstimmung des Gemüts, 1956 als Das Rosenkreuz, und 1958 als Combinatorics, the Science of Reality. Die historische Entfaltung dieser Gedanken habe ich in meiner Geschichte der Denkstile 1968 dargelegt, worin der Leser auch alle Quellenangaben findet.

Den Schlüssel dieses Buches bildet der mathematische Teil, der viele ungewohnte Gedanken bringt, die wenigen bei der ersten Lektüre verständlich werden. Es empfiehlt sich daher, ihn sich anfangs im generellen Aufbau zu veranschaulichen, um dann jeweils bei der Besprechung einzelner Zusammenhänge darauf zurückzukommen.

Die Abhandlung verlangt zu ihrem Verständnis keine das übliche Maß überschreitende Bildung. Dennoch ist sie nicht leicht zu assimilieren, da sie eine Veränderung der Bewußtseinsstruktur erreichen soll. In dieser Form wird sie als Lehrbuch sowohl in meinen Seminaren bei der Hochschule für Angewandte Kunst in Wien als auch im Studienkreis Kriterion kommentiert. Doch Kommentare würden den Stoff zu sehr erweitern, sodaß ich sie späteren Publikationen vorbehalten möchte.

Wien, im Herbst 1970
Arnold Keyserling
Arnold Keyserling
Klaviatur des Denkens · 1971
Vorwort
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