Schule des Rades

Arnold Keyserling

Klaviatur des Denkens

2. Natur

Energie

Ursprung aller Energiearten ist die kosmische Energie, die sich nur aus ihrer Wirkung erschließen läßt, selbst aber der Wahrnehmung nicht zugänglich ist; sie entspricht dem Nullpunkt des Zahlenkreuzes, der Urkraft.

Die Urkraft verwirklicht sich über das Wirkungsquant in den verschiedenen Atomen; sie bestimmt deren Zusammenhalt als Kernenergie nach der Formel E = mc². Somit ist ihr Erscheinen an den Wechsel von Sein und Dasein gebunden: im Dasein zeigt sie eine bleibende Qualität, eine Zahlenstruktur und damit ein Element; im Zerfall hingegen kehrt ihr Sein in die kosmische Energie zurück, ihr Dasein verwandelt sich in andere Stoffe oder eine der möglichen Energiearten.

Im Dasein ist jedwedes Atom jedoch nicht mechanischen Gesetzen unterworfen, die es determinieren, sondern in spontaner Bewegung, die gleichsam sein Seinserbe ausmacht. Ferner besteht es im raumzeitlichen, energiegefüllten Kontinuum der Wirklichkeit, deren Quanten es ausgesetzt ist. Diesen gegenüber kann es verschiedene Haltungen einnehmen.

Es kann ein Quant oder Quantenpaket absorbieren, falls dieses wellenmäßig und strukturell mit ihm (im Rahmen einer gewissen Toleranz) in Resonanz ist, es kann aber auch das Quant vorbeiziehen lassen.

Nimmt es das Wirkungsquant auf, so kann es damit vier verschiedene Verhaltensweisen beginnen:

  1. Es kann seinen potentiellen Zustand ändern. Wird das Quant aufgenommen, so verschwindet ein Elektron aus einer Bahn (in der es bisher kreiste) und taucht in einer höheren auf. Das Wasserstoffatom kann dieserart 118 Zustände einnehmen, bei komplexeren Atomen steigt durch die mögliche Kombinatorik der Elektronen in den Schalen die Permutationsanzahl fast ins Unendliche. Die Bahnen und Schalen bleiben erhalten: somit kennzeichnet diese Energieart einerseits die potentielle Energie, andrerseits die Schwerkraft, welche selbst nicht ursprünglich ist, sondern eine Auswirkung der Struktur der Materie, also letztlich der Urkraft und Kernenergie bildet.

Im Grundzustand (wenn alle Elektronen auf ihren niedersten Plätzen sind) verfügt das Atom über keine potentielle Energie, wird aber damit nicht der Trägheit unterworfen: jederzeit kann es ohne äußeren Anlaß diesen Zustand durch Aufnahme von einem oder mehreren Quanten — deren Bombardement es dauernd ausgesetzt ist — verändern und die potentielle Energie in eine der drei kinetischen verwandeln: in Wärmeenergie, in elektromagnetische, oder in Strahlungsenergie.

Die potentielle Energie hat das Atom für sich allein; von außen her ist ihm nichts anzumerken. Über die drei kinetischen steht es mit der Welt in Austausch.

  1. Die Wärmeenergie bedeutet Bewegungs­geschwindigkeiten der Atome und Moleküle, die sich in vier Zustände und fünf Schwellen gliedern:

S c h w e l l e n - A b s t ä n d e

Beim Kältepunkt von — 273° Celsius — der auf der Erde nicht erreicht werden kann — wäre alle Materie in völliger Ruhe. Im festen Zustand schwingt das Atom in seinem Gitter (wie im Kristallgitter), ohne seine Struktur zu verlassen.

Im Schmelzpunkt bricht die Gitterstruktur auf. Die Atome oder Moleküle geraten in eine Bewegung, die statistischen Gesetzen folgt und daher unregelmäßig erscheint, und bilden eine Flüssigkeit. Doch die Gesamtheit dieser Flüssigkeit hat eine Kohäsion: im Rahmen eines Schwerefeldes strebt sie nach gleichmäßiger Oberfläche, im schwerelosen Raum nimmt sie Tropfenform bzw. Kugelform an.

Im Siedepunkt beginnt die Flüssigkeit zu verdampfen. Das Gas dehnt sich mit einer Geschwindigkeit aus, die jener des Schalles in dem entsprechenden Medium gleichkommt. Diese ist beim niedersten Element Wasserstoff am höchsten, beim gasförmigen Uran am geringsten.

Im gasförmigen Zustand bleiben die Atomstrukturen erhalten. Wird die Wärme weiter gesteigert, so verlieren die Kerne ihre Schalen in der Ionisierung; sie werden zu Ionen und erreichen damit den Plasmazustand, der ebenfalls der Schwerkraft unterworfen sein kann, wie der Van-Allen-Strahlengürtel erweist. Die meiste Materie des Weltenraums befindet sich in diesem vierten Zustand.

Wird die Hitze des Plasmas weiter gesteigert, so entflieht die Materie der Schwerkraft und verwandelt sich: die Kerne zerfallen, und ihr Energiebetrag kehrt in die kosmische Energie zurück. (Laut H. Kahn)

Hieraus können wir die Rolle des Gegenpoles, des absoluten Nullpunkts begreifen. Wird dieser irgendwo im Weltall erreicht, so müßte sich die kosmische Energie verdichten und zwar zum Uran 92 U 144 — da dieses in Entsprechung zum Wirkungsquant steht — welches sofort zerfällt, die Schwelle des Nullpunktes überwindet und ein Materie-Weltsystem erzeugt. Somit ist das Weltall in ewiger Bewegung, welche unzähliger Ausformungen fähig ist.

Über die Wärme ist jedes Atom mit der gesamten Umgebung im Austausch, da sie nach Ausgleich strebt. Schwerpunkt der Wärmeenergie im Bereich des organischen Lebens ist die Sauerstoffgruppe der Elemente, die sowohl den Sauerstoff als auch das Uran enthält. Wärme bedeutet daher nicht nur Bewegungsenergie sondern auch chemische Energie. Den Schwerpunkt der potentiellen Energie bzw. der Schwerkraft bilden dagegen die Edelgase, die keinen chemischen oder elektromagnetischen Änderungen unterworfen sind.

  1. Die elektromagnetische Energie hat zwei Formen: die Verbindung der Atome zu Molekülen im Rahmen des Achterringes, und der elektromagnetische Strom, der vom negativen zum positiven Pol fließt.

Das Gesetz der elektromagnetischen Verbindungen läßt sich aus dem Enneagramm ablesen: Positronen und Negatronen, also Elektronen mit rechtem oder mit linkem Spin ergänzen einander. Jede Elementegruppe hat jene Wertigkeit, die ihrem Platz im Enneagramm entspricht, und die sich mit der einer anderen Gruppe in ihren Außenelektronen zum Achterring gleich einem Edelgas ergänzt:

Elementegruppen
+I−I
+II−II
+III−III
±IVverbindet mit sich selbst (Kohlenstoffringe)
Ab der vierten Periode:
+V−V
+VI−VI
+VII−VII
0Edelgase, keine Verbindung

Die VIII., die Eisengruppe, und die IX. der Seltenen Erden sind wahrscheinlich positiv und negativ zweiwertig.

Wertigkeit bedeutet, daß in der äußersten Schale die entsprechende Anzahl von Elektronen positiv oder negativ verbindungsfähig sind. Von den angegebenen Wertigkeiten kommen aber auch Abweichungen vor.
Verbindungen ergeben sich ferner zwischen Elementen verschiedener Perioden.

Wasser, H₂O = 2 Atome des Wasserstoffs aus der ersten Periode und 1 Atom des Sauerstoffs aus der zweiten, entspricht mit zehn Elektronen der Struktur des Edelgases Neon.

Die Vereinigung gleicher Atome wie bei Gasen ergibt Mole, bei verschiedenen Atomen Moleküle, die bei Entsprechung zur Edelgasgruppe (wie bei Wasser und den Salzen) chemisch neutral sind, oder als Säuren und Laugen eine eigene Wertigkeit aufweisen und deshalb anschlußfähig bleiben.

Elektrischer Strom bedeutet freien Fluß von Ionen oder Elektronen. Er entsteht einerseits durch den Magnetismus der Eisengruppe, welcher gegensätzliche Kraftfelder mit Nord- und Südpol schafft und den Strom etwa durch Bewegung wie bei Dynamos erzeugt, andrerseits durch Ionisierung:

ein Atom oder Molekül kann die gleiche Menge von Protonen und Elektronen haben (wie wir es bisher immer angenommen haben); dann ist es elektrisch ausgeglichen, neutral, im Gleichgewicht.

Es kann weniger Elektronen aufweisen und strebt nach Auffüllung — es ist ionisiert — es kann nur noch den Kern übrighalten, dann wird es zum Ion, zum Wanderer, z. B. in einer Flüssigkeit, und strebt zu einem Kation gegensätzlicher Wertigkeit. Es kann aber auch kurzfristig mehr Elektronen aufnehmen, sich überladen; in beiden Fällen strebt es nach Gleichgewicht, wobei der Strom vom negativen zum positiven Pol fließt.

Schwerpunkt der elektromagnetischen Energie ist die Kohlenstoffreihe: nur organische Verbindungen können sie spontan erzeugen und verwenden.

Die erste Energieart, die Schwerkraft, hat außer der kinetischen Entscheidung des Ja und Nein, des Aufnehmens oder Nicht-Aufnehmens, im ersteren Fall die Möglichkeit, Energie entweder potentiell zu speichern oder kinetisch in eine der drei anderen Arten abzugeben. Die zweite, die Wärmeenergie, ist kinetisch als Bewegung, potentiell gegenüber geringeren Wärmegraden, mit denen sie in Berührung kommt. Beim Elektromagnetismus ist potentiell die statische Elektrizität wie bei der Leydener Flasche und kinetisch der Fluß des Stromes, der aus der Spannung zwischen den Polen resultiert. Die vierte Energieart ist rein kinetisch: Strahlen werden entweder ausgesandt oder absorbiert.

  1. Die Strahlung entstammt dem Atom und gliedert sich gemäß den Schalen in sieben Bereiche (etwa 80 Oktaven).
7
6
5
4

3
2
1
0
KlammerKlammer
als Radiowellen verwendet (wellenmäßig)

Licht — zwischen Ultraviolett und Infrarot(wellenmäßig und korpuskelhaft — eine Oktave)Röntgen etc.

Alpha, Beta, Gamma etc. (korpuskular)
Kernstrahlen, kosmische Energie (quantenhaft)

Im Unterschied zu den Schallwellen verhält sich die Strahlung transversal: die Wellen schwingen quer zu ihrer Aussendungsquelle. Ferner sind Schallwellen dadurch gekennzeichnet, daß sie klingen und verklingen; Strahlungsenergie hingegen bedeutet dauernden Austausch, der seinen Ursprung in den Atomen hat. Den ersten drei Schalen entstammen die Alpha-, Beta-, Gamma- und Röntgenstrahlen; der mittleren, vierten Schale entstammen die wahrnehmbaren Lichtstrahlen, die genau eine Oktave einnehmen, ferner ultraviolette und ultrarote Strahlen. Zu den ultraroten und zum Teil zum Licht gehören die Wärmestrahlen; d. h. Strahlen dieses Bereichs rufen im Körper Wärmereaktionen hervor, verwandeln sich in Wärmeenergie.

Den drei oberen Schalen entstammen die langweiligen Strahlen, die als Radiowellen Verwendung finden, deren Bedeutung in der Natur noch wenig erforscht ist. (Nach H. Kahn)
Nach anderer Auffassung entstamm das Licht der Außenhülle.

Der Beobachtung erscheint die Strahlung oberhalb des Lichtes wellenhaft, unterhalb korpuskelhaft. Im Lichtbereich halten sich Welle und Korpuskel (Photon) die Waage.

Nur der Bereich zwischen 3800 und 7600Å ist dem Menschen als Licht wahrnehmbar; die übrigen Bereiche des elektromagnetischen Spektrums lassen sich über Experimente verifizieren. Aber das Licht ist nicht mit der sich ausbreitenden Strahlungsenergie identisch: es bedeutet vielmehr das Verhältnis der Körper zueinander in Absorption und Reflexion, das sich im Gesetz der Farben veranschaulichen läßt.

Arnold Keyserling
Klaviatur des Denkens · 1971
2. Natur
© 1998- Schule des Rades
HOMEDas RAD