Schule des Rades

Arnold Keyserling

Klaviatur des Denkens

2. Natur

Licht und Farben

Licht bedeutet den Austausch von Strahlungsenergie zwischen Körpern, dessen Gesetz sich in den Farben veranschaulicht: jeder Körper reflektiert die Komplementärfarbe jener, die er absorbiert und mit der zusammen weißes Licht entsteht. Die Komplementärfarben lassen sich in folgende Paare gliedern:

rot
orange
goldgelb
gelb
gelbgrün
grün
·
·
·
·
·
·
blaugrün
blau
ultramarin
violett
rotviolett
purpur

Die letzte Farbe Purpur erscheint als solche nicht im Sonnenspektrum; sie ergibt sich als Vereinigung der langen roten und kurzen violetten Strahlen, die durch das Grün — die Färbe der Blätter — konstelliert wird. Somit lassen sich die Farben im Kreis gliedern, wobei allerdings im Unterschied zu dem Tonkreis die Farben nicht durch das bestimmte Intervall der Quinte voneinander getrennt sind, sondern viele Zwischenstufen möglich sind:

F a r b k r e i s

Ursprung des weißen Lichtes ist das Paar grün-purpur, welches das Spektrum zum Kreis schließt. Doch grün läßt sich ebenfalls aus blau und gelb mischen; jede regelmäßige Gliederung des Kreises ergibt in den Lichtfarben weiß. Hieraus erhellt, daß der Abstand zwischen den Farben nicht willkürlich ist, sondern einem Gesetz folgen muß. Dieses Gesetz kann nicht der Divisionstafel, sondern nur der Multiplikationstafel entstammen, da alles Licht der atomaren Struktur entspringt. Im Mikrokosmos wird die Vereinigung der Atome zu Molekülen durch die Achterstruktur der äußeren Schale der Edelgase bestimmt. Die gleiche Zahlenordnung veranschaulicht das Gesetz der Farben, da die Farbtöne nicht alle die gleiche Intervallbreite im Spektrum haben: blau enthält mehr mögliche Abstufungen als Orange.

Nun sind bei den Pigmenten — als jenen Stoffen, welche die Oberfläche eines Körpers in bestimmter Farbe erscheinen lassen — purpur, blau und gelb die Grundfarben, aus denen sich alle anderen mischen lassen, die selbst aber durch keine Mischung zu erzeugen sind, sie gilt es daher im Dreieck anzuordnen. Die Gegenfarben, die einander im Licht zu weiß ergänzen, ergeben bei den Pigmenten silbergrau: das geschaffene Silber des Spiegels reflektiert die Gesamtheit der Farben ohne Absorption. Werden nun die Farbpigmente mechanisch nach genauen Farbteilen gemischt, so ergeben sich aus den drei Grundfarben die Gegenfarben, und zwischen Gegenfarben und Grundfarben die sechs Zwischenfarben, sodaß der zwölffältige Farbkreis im gleichen Sinne durch mechanische Mischung wie durch ergänzende Strahlung zu erstellen ist — das gleiche Verhältnis zwischen Mikrokosmos und der Welt menschlicher Größenordnung wie beim avogradoschen Gesetz.

Dem mechanischen Schlüssel der Mischung entspricht der arithmetische der Farbtöne:

7Farbtöneultramarinvereinen sich mit1 goldgelb
6blau2 orange
6violett2 gelb

zu weiß
5blaugrün3 rot
5rotviolett3 gelbgrün
4grün4 rot und4 violett

Nun ändert rot seinen Ton nicht mehr nach den drei Farbtönen der Gegenfarbe von blaugrün, reicht aber weiter im Spektrum; denn im Farbkreis haben alle Farben bis zur Blaugrenze einen Rotstich, während jene zwischen rot und grün keinen Violettstich benötigen. Dies ermöglicht uns, die meßbaren Wellenlängen mit dem Farbkreis in Übereinstimmung zu bringen, wobei die oben erwähnten Farbstufungen jeweils 50 umfassen. Der Farbkreis ist nach 48 Einheiten umkreist, rot führt noch bis 76 sichtbar darüber hinaus, um mit blau in infrarot überzugehen, während violett bereits nach purpur als ultraviolett aus der Sichtbarkeit verschwindet. Die Gesamtheit der Lichtstrahlen müßte daher unter Einschluß von Ultraviolett und Infrarot zum Zustandekommen des weißen Lichtes zwei Kreise umschließen.

F a r b s p i r a l e

Bei den Lichtfarben bedeutet weiß Lichtquelle, schwarz Abwesenheit sichtbarer Strahlen. Bei den Pigmentfarben bedeutet weiß, daß alle Farben reflektiert werden, schwarz, daß alle absorbiert werden. Der Zusammenhang beider Gesetze läßt sich am Modell der Erde veranschaulichen, wobei die Gliederung der Pigmentfarben den Längen- und Breitengraden folgt, jene der Lichtfarben der Ekliptik und ihren Koordinaten.

Am Äquator zeigen die Farben die gleiche Helligkeit zwischen weiß und schwarz; gelb ist so hell wie violett. Beim Licht hingegen hat ein helles Gelb die gleiche Amplitude wie ein dunkles Violett: der Lichtfarbenkreis muß daher gleich der Ekliptik um ein Achtel gegen den Pigmentfarbenäquator geneigt sein, sodaß gelb als die Hellwende (Wendekreis des Krebses) näher dem Nordpol, violett als die Dunkelwende (Wendekreis des Steinbocks) näher dem Südpol zu liegen kommt.

Bei den Pigmentfarben ist der Nordpol weiß, der Südpol also schwarz. Zwischen beiden Farbkreisen ergeben sich die aus der Astronomie bekannten geringfügigen Abweichungen. — An der Oberfläche der Farbkugel befinden sich die klaren Färben, nach innen zu werden sie trüb (natürlich die Pigmentfarben). Zwischen weiß und schwarz verläuft die Grauachse. Den Mittelpunkt der Kugel bildet das reine Silbergrau, sodaß auch hier Farbwelt und Mikrokosmos in Entsprechung stehen (Silber als Grundton des periodischen Systems).

F a r b r a u m

Im Bereich des sichtbaren Lichtes entfaltet sich das Leben, welches sich farbig im Kreuz veranschaulichen läßt: goldgelb ist die Farbe der Sonne, blau jene des Himmels; grün die der Pflanzen, rot die des Blutes der Tiere. Die gleiche vierfältige Ordnung zeigt das menschliche Auge: über den Purpurkörper nimmt es die Farben nach den Polaritäten weiß und schwarz, rot-grün und blau-gelb auf (wie die vorkommende rot-grün oder blau-gelb-Blindheit erweist).

Nur innerhalb dieses Strahlungsbereichs gibt es Leben; wie beim Schall sind auch beim Licht Schwingungen jenseits der Grenzen dieses Kreises lebensschädigend. Somit bilden die Farben die Brücke zwischen der Energie und dem Leben.

Arnold Keyserling
Klaviatur des Denkens · 1971
2. Natur
© 1998- Schule des Rades
HOMEDas RAD