Schule des Rades

Arnold Keyserling

Klaviatur des Denkens

3. Sprache

Sprechen und Hören

Das Bewußtsein hat seinen Schwerpunkt in der Sprache: in der Welt des Schalles, welcher die Wirklichkeit über Laute zur Information werden läßt. Hierbei ist nicht der Ton der Träger der Bedeutung, sondern die Klangfarbe, die verschiedenen Laute unterscheiden sich stimmhaft durch die Obertöne, die bei der Artikulation mitschwingen, und stimmlos durch die Art und Weise, wie sie von den Stimmwerkzeugen hervorgebracht werden.

Die stimmhaften Vokale gliedern sich nach sechs Hauptlauten, die sich im Kreis anordnen lassen:



i

e
y





a


u

o

a ist der Laut, bei dem alle Obertöne mitklingen, y jener, der keine oder fast keine aufweist; e und i erklingen hell, o und u dunkel. Ferner ergeben sich Zwischenlaute: ö zwischen a und o, ä zwischen a und e, ü zwischen u und i usw.

Die Konsonanten gliedern sich in aspirierte und unaspirierte, wobei dem reinen Aspirationslaut h eine Sonderrolle zukommt, ferner in harte und weiche, in stimmhafte und stimmlose. Nach der Stellung im Sprechwerkzeug unterscheidet man Gurgellaute, Gaumensegellaute, Gaumenlaute, Zungenlaute, nasale Laute, Zahnlaute und Lippenlaute; bei Berücksichtigung aller Sprachen sind es etwa 40 Laute, die eine fast unendliche Kombinatorik erlauben. Hierbei haben manche Laute eine affektive Bedeutung, welche der Tiersprache ähnelt, wozu auch der Ausdruck von lachen und weinen gehört. Sonst aber sind Sprachen voneinander Verschieden: jede hat eine eigene lautliche Strukturformel, welche auch jene Worte bestimmt, die man neu zu prägen versucht — die manche Lautfolgen erlaubt, andere ausschließt; z. B. wäre Strumpf auf französisch, Krk auf deutsch unmöglich. Manche Laute werden ausgelassen wie ö und ü auf englisch, h auf französisch oder russisch, das englische th auf deutsch; r und l werden auf chinesisch verwechselt, dafür werden dort tonale Höhen Bedeutungsträger.

Das menschliche Ohr ist imstande, all diese Schattierungen des Lautes zu unterscheiden, auszuwählen, die Aufmerksamkeit auf bedeutungstragende Laute im Unterschied von bedeutungslosen zu richten. Es besteht aus drei Teilen: dem äußeren, mittleren und inneren Ohr. Das mittlere begrenzt die Wahl der Laute, welche Begrenzung beim Erlernen einer Sprache sich auf eine bestimmte Schwingungsbreite erstreckt. So hat Französisch eine Bandbreite zwischen 500 und 2 000 Hertz, Russisch reicht bis 12 000 Hertz. Hieraus erhellt, warum Russen lautlich leichter andere Sprachen erlernen als Franzosen, welche Schwierigkeit aber sofort überwunden wird, wenn das Ohr bewußt (etwa durch audo-visuelle Methoden) auf die neuen Schwingungen eingestellt wird.

In engem Zusammenhang mit dem Ohr steht einerseits das Stimmband, andrerseits das Sprachzentrum im Großhirn. Der Gehörsinn ist den anderen Sinneszweigen übergeordnet; er bedeutet sowohl selektiv als auch kommunikativ das Tor zwischen Großhirn und Wirklichkeit. Werden durch körperliche Krankheiten oder psychische Störungen Frequenzbereiche ausgeschaltet, so kann sich der Mangel auf andere Sinneszweige schlagen; die Fähigkeit der Artikulation, des Singens, aber auch des Lesens und Unterscheidens kann zurückgehen, und durch Aktivierung des Ohrs wiederhergestellt werden.

Die Welt der Tonzahlen des Schalles ist als einzige der raumzeitlichen Wirklichkeit angepaßt, dem Werden und Vergehen. So kann das Ohr nicht nur Information aufnehmen — im Sprechen gibt der Mensch diese nicht bloß dem anderen, sondern auch sich selbst. Durch Artikulieren und Formulieren, den Akt des Sprechens wächst das Bewußtsein an Inhalt, an Wesen, was seinen physischen Niederschlag im Gedächtnis findet. Information ist das Seinsprinzip jedweder Wirklichkeit: beim Atom liegt sie in der beharrenden Zahlenstruktur, bei den Zellen im Zellkern, bei Pflanze und Tier im Genom, und beim Menschen in seiner Fähigkeit der Vergegenständlichung der Wirklichkeit im Laut.

Aller Laut entspringt der Möglichkeit des Lautes, dem Urlaut, den die Inder als OM zu erreichen suchen: die Urkraft wird dem Ohr jenseits allen Schalles dann erlebbar, wenn die Wortebene bis ins letzte geklärt und bewußt geworden ist.

Das Tier lebt im Rahmen seiner endogenen Engramme und unbedingten Reflexe, denen sowohl die bedingten Reflexe als auch die Laute untergeordnet sind, wobei das Gehör meistens mit dem Sicherungstrieb in engem Zusammenhang steht. Beim Menschen erhält es eine andere Rolle: das Vermögen, in dem Schall Werden und Vergehen zu vernehmen, wird zur Fähigkeit, das Bewußtsein von der punkthaften Gegenwart in Vergangenheit und Zukunft auszuweiten; die Erinnerung mit sich zu tragen, und aus ihr heraus Gegenwart und Zukunft zu gestalten, aber auch in diese hinein spontan zu handeln. Die Voraussetzung hierzu ist die Teilung der Gehörsphäre und damit des ganzen Bewußtseins in rechts und links: bei Rechtshändern lokalisiert sich das formale Sprachzentrum in der linken Hemisphäre des Großhirns, das rechte Ohr wird zum Organ der Selektion und Artikulation, steuert das Stimmband und damit die Kommunikation, während das linke Ohr, die linke Hand und die rechte Hemisphäre zum Ort der Integration und des inhaltlichen Gedächtnisses wird. Die rechte Körperhälfte ist der Zukunft, die linke gleichsam der Vergangenheit zugewandt.

links
rechte Hemisphäre
linkes Ohr und Hand
Gedächtnis
Vergangenheit
rechts
linke Hemisphäre
rechtes Ohr und Hand
Planung
Zukunft

Die Kommunikation in der Gegenwart erfordert die Vereinigung von rechts und links, wobei der Akzent aber auf der rechten Seite liegt: nur die Zukunft ist wandelbar. Wenn einem Menschen die Lateralisation, die Teilung in rechts und links nicht gelingt, oder er sie verliert, so lebt er außerhalb der Wirklichkeit; er fällt vielfach in einen unterbewußten Bereich zurück und verwendet die Sprache zur Rationalisierung seiner Beschwerden und Klagen. (Nach Alfred Tomatis)

Die Sprache steht nicht für die Wirklichkeit — sie ist der bewußte Aspekt der Wirklichkeit. Im Zahlenschlüssel vom Mineral, im Genom von Pflanze, Tier und Mensch ist das Wort gleichsam fixiert, bedeutet das Sein des betreffenden Individuums. Doch das Bewußtsein in seiner Lautmächtigkeit hat die Fähigkeit, hinter die Wirklichkeit, aus dem Dasein in das Sein selbst zu treten, den Urlaut zu erreichen, aus ihm heraus Organismus und Welt zum Gestaltungsfeld zu erheben. In allen Mythen war der Ton vor dem Licht; auch der jüdische Gott sprach Es werde Licht, bevor das Weltall in Erscheinung trat.

Die nullte Dimension als Träger aller Prinzipien des Seins enthält die neun Ziffern und die Null, welche die Qualitäten der Wirklichkeit in allen Bereichen des Werdens gliedern. Für die Sprache werden die Ziffern zu Kategorien der Wortarten, mittels welcher alles Verstehen überhaupt zustande kommt. Hierbei gilt es die Wortarten von zwei Richtungen aus zu betrachten: ihrer Bedeutung in Bezug auf die Wirklichkeit, und ihrem Sinn als Zusammenhang des Satzes in Bezug auf seine Möglichkeit.

Die Notwendigkeit der Wortarten und Satzbausteine, der Grammatik und Syntax, ist allen philosophischen Schulen seit jeher klar gewesen. Doch versuchte man die Formenlehre historisch oder vergleichend zu ermitteln, indem Grammatik und Syntax als Teil einer Sprache behandelt wurden, also Wortbildung und die Schemata der Deklination, Konjugation, von jeweiliger Strukturformel der Buchstabenfolge und Wurzelverwandtschaft zusammen mit logischen Gesetzen behandelt wurden. Doch die Strukturformeln zusammen mit den Wurzelverwandtschaften bestimmen gleichsam einen Sprachgeist: die französische Wurzelverwandtschaft zwischen verité und verifier oder die deutsche zwischen Wahrheit und wahrnehmen, die Verwendung der persönlichen Fürworte bei der Konjugation (ich gehe) auf englisch, französisch und deutsch im Unterschied zur reinen Formenkonjugation der meisten anderen Sprachen (vado, megyek) ergibt wohl Aufschlüsse über nationale Geschichte und Psychologie, keinesfalls aber Kriterien für die Erkenntnis der Sprachstruktur. Zwar ist in der Gegenwart die Annäherung der grammatikalischen Kategorien durch die Notwendigkeit des dauernden Übersetzens, und die Beendigung des imperialistischen Alleingültigkeitsanspruchs von Kulturen verstärkt worden; immer noch werden aber die Sprachen als letzte Gegebenheit betrachtet, womit die jeweiligen Gesellschaften als Ausdruck eines Sprachgeistes über die nationale Bedingtheit nicht hinauskommen.

Die verschiedenen Sprachen haben ihren Wert als dichterische und kulturelle Schöpfungen, sie bilden gleichsam die geistige Fauna und Flora des Planeten. Alle stellen sie bestimmte Synthesen durch die Entscheidung für bestimmte Strukturformeln und Wurzelverwandtschaften dar. Doch jenseits dieser Sprachen gilt es die objektiven Kriterien des Verstehens zu klären und als Elemente zu bestimmen, damit sich der Mensch aus der gefährlichsten aller Identifikationen — der nationalgeistigen — zu lösen vermöge. Auch die schönste Sprache ist und bleibt Ausdruckswerkzeug, ist als Form an einer Stelle der linken Hemisphäre lokalisierbar; 1) und das Werkzeug wird nur jener gefahrlos verwenden können, der sich nicht in ihm verliert.

1) So verlor jüngst bei einem Gehirntumor ein Wissenschaftler erst die Kenntnis von Hindi, dann Französisch, Englisch und schließlich Deutsch. Nach der Operation kamen Deutsch, Englisch und Französisch zurück, nur Hindi blieb vergessen.

Arnold Keyserling
Klaviatur des Denkens · 1971
3. Sprache
© 1998- Schule des Rades
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