Schule des Rades

Arnold Keyserling

Klaviatur des Denkens

3. Sprache

3. Zeitwort

U r a n u sDas Benennen der ersten Wortart und die Unterordnung der zweiten bestimmen Raumworte, das Bleibende im Wandel. Die dritte Wortart erfaßt den Wandel selbst in den drei Urzeitworten, grammatikalisch Hilfszeitworte genannt: das Sein erfaßt das Wort als Einheit, als Zusammenhang; das Haben erfaßt das Verhältnis zum Objekt, setzt also ein Subjekt voraus, und das Werden zeigt eine Wandlung des Objektes an. Im Satzbau sind Worte, die ein Sein ausdrücken, intransitiv, nicht zielend; Worte des Habens sind transitiv, zielend und solche des Werdens modal: sie drücken die Möglichkeit einer Veränderung aus.

In der Natur entspricht die Zahl 3 der Bewegung: die Quinte führt zu einem neuen Tonwert. Ein Satz kann freilich als Prädikat nur eine der drei Formen enthalten, die anderen verlangen neue Sätze, die durch eine Konjunktion, durch ein Bindewort mit dem ersten verbunden werden:
Theodor ist ein Schüler, (und) hat viele Kenntnisse und wird Lehrer.

Beispiele der drei syntaktischen Formen:intransitiv
gehen leben
lachen…
transitiv
essen halten
sehen…
(etwas, ein Ding)
modal
sollen müssen
dürfen…
(mit einem Zeitwort)

Die Raumwortarten sind im Enneagramm durch die mannigfaltige Figur vom Dreieck der Zeitwortarten geschieden, welch letztere immer zusammen auftreten; das Prädikat ist erst vollständig mit der 6. und 9. Wortart, der Person und der Form, während die Raumworte für sich selbst stehen können.

Aber die Sprache besteht nicht aus einem Satz. Die drei Impulse des Urzeitwortes zeigen vereint den Vorgang der Dialektik. Ein Zustand wird durch Vereinigung mit seinem Gegensatz gewandelt und gebiert einen neuen Zustand:
ein Mädchen (sein) bekommt durch einen Mann ein Kind (haben) und wird dadurch vom Mädchen zur Mutter (werden).

Genau wie es echte und falsche Begriffsregresse und Syllogismen gibt, gibt es echte und Scheindialektik. Auch hier gilt es immer den Bezug auf die Wirklichkeit zu wahren. Wahr und falsch z. B. ist kein dialektischer Gegensatz, weil er nicht in die Bewegung führt. Wahr = sinnvoll, falsch = sinnlos und fällt damit aus dem Sprachraum; diese Unterscheidung gehört also zur zweiten Wortart, sie wird durch den Syllogismus mit seinen drei Kriterien verifiziert: dem Satz der Identität, des Widerspruchs und des ausgeschlossenen Dritten; wenn etwas wahr ist — und sein Gegenteil falsch — dann gibt es im Rahmen dieses Zusammenhangs keine dritte Möglichkeit (kein Werden).

Arnold Keyserling
Klaviatur des Denkens · 1971
3. Sprache
© 1998- Schule des Rades
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