Schule des Rades

Arnold Keyserling

Klaviatur des Denkens

1. Zahl

Sein

Bewußtsein bedeutet die Fähigkeit, in der Welt als Subjekt zu wirken. Es ist daher nicht ein Gesetz oder eine Vorstellung, sondern diese sind mögliche Inhalte.

Damit Inhalte bewußt werden können, muß das Bewußtsein leer sein, ein Nichts: nur wo nichts war, kann etwas entstehen.

NICHTS ETWAS

Dieser Schritt vom Nichts zum Etwas bildet die Voraussetzung, Inhalte zu integrieren, von weniger zu mehr zu werden, an Wesen, inhaltlichem Sein, zu gewinnen.

Der Begriff Sein kennzeichnet nicht ein Dasein, sondern ein intensives Verbinden. Grammatikalisch zeigt dies die Kopula: im Satz Der Mensch ist ein Lebewesen fügt die Kopula ist inhaltlich nichts hinzu, schafft aber die intensive Vereinigung beider Begriffe; vom Dasein, Inhalt her bedeutet also das Sein ein Nichts.

Die volkstümliche Vorstellung erlebt das Sein als statisch im Gegensatz zum Werden — eine Verwechslung von Sein und Dasein, wobei in letzterem der statische Charakter im Da ausgedrückt wird, während das Sein den intensiven Zusammenhang, die Verbindung als Akt umgreift. Der blaue Himmel bedeutet einen Tatbestand.

Der Himmel ist blau ein Urteil: der Zusammenhang wird bewußt assimiliert, indem er in Ur-Teile, in Elemente zerlegt, und im Sein zusammengefügt wird.

Was verbunden wird, ist alles, was bewußt wurde. Der Rahmen, in dem sich Bewußtsein vollzieht, ist daher durch den Gegensatz von Etwas und Nichts bestimmt: ihr Wechselspiel ergibt das Gewahrwerden.

1. Sein
2. Gegensatz
3. Gewahrwerden
4 (1) Bewußtsein
Arnold Keyserling
Klaviatur des Denkens · 1971
1. Zahl
© 1998- Schule des Rades
HOMEDas RAD