Schule des Rades

Arnold Keyserling

Luzifers Erwachen

1. Die Entdeckung des zehnten Planeten

Motto:

Ich bin
das Nichts
im Etwas

Das Denken bildet den Schwerpunkt der menschlichen Existenz. Tiere werden durch Instinkte und Triebe gesteuert, Pflanzen durch ihre Umwelt im Zusammenhang mit der arteigenen Entelechie, der Mensch schafft sich seine Welt, seine Beziehungen durch das Denken und damit über die Sprache in all ihren Ausdrücken, vom Wort über Mathematik und Wissenschaften bis zur technischen Zivilisation, die eine Anwendung der Sprache auf die anorganische, mineralische Natur mittels Werkzeugen und Maschinen bedeutet.

Die Pflanze ist der Umwelt eingegliedert, das Tier seiner Merkwelt im Rahmen seiner Triebe, das Atom, als letztbestimmende Wesenheit der mineralischen Natur, vereint Spontaneität und Allbezogenheit. Doch der Mensch neigt dazu, sich in der eigenen Welt des Denkens von der Wirklichkeit abzukapseln:

  • sei es, daß er das Denken zur einzigen Erklärung verwenden will und über den erkannten Gesetzen, dem Allgemeinen, die Einzelheiten und damit die Wesen vergißt,
  • sei es, daß er die Probleme des Denkens als Probleme des Lebens, als existentielle Probleme mißversteht, und dieses von einer Brücke zwischen Bewußtsein und Wirklichkeit in ein Gefängnis verwandelt, aus dem es dann kein Entrinnen mehr gibt.

Denn zu allem kann das Denken helfen außer zu seiner Überwindung, Transzendierung; wenn dies auch in seinen paradoxen Übersteigerungen gemeint wird, wie etwa den Koans des Zen-Buddhismus, so verliert es dann seinen Brückenwert: zwischen existentieller Erfahrung im Satori und Gefangenheit im Denken gibt es keinen Übergang, sondern nur die Zerstörung des letzteren.

Das Denken ist das Differentialkennzeichen des Menschen; der homo sapiens erschien als Mutation des homo faber, als sich die Sprache aus der triebgesteuerten Gebärde löste, vor nunmehr elftausend Jahren. Als erstes diente es der befreienden Orientierung, der Lösung aus der Angst, wie wir dies in den astralen und mythischen Kulturen beobachten; niemand zweifelte an seiner Funktion als Brücke zwischen Bewußtsein und Wirklichkeit. Der biblische Mythos vom Turmbau zu Babel, die Entstehung der einzelnen Sprachen im Rahmen der verselbständigten Stadtkulturen bedeutete den Anfang seines Niedergangs. Zwar gab es noch viele Versuche, diesen wieder gutzumachen: Religion in all ihren Aspekten meint gerade jene Rückbindung zur Wirklichkeit, die mit der Verselbständigung der Sprache verloren ging; und solange die Natur gegenüber der menschlichen Technik übermächtig blieb, stellten wenigstens äußere Katastrophen einen Anlaß zur Besinnung dar.

Doch mit dem Siegeszug der Technik ist die Verselbständigung vollendet: der Mensch ist Herr der Natur geworden, und die meisten Probleme, die heute seine Existenz bestimmen, sind ideologischer oder wirtschaftlicher, und damit rationaler Art. Die Wissenschaften haben sich als eine eigene Pseudowirklichkeit konstitutioniert, alle praktischen Versuche der Rückbindung — wie diese während der Neuzeit noch in den okkulten Philosophien weiterbestanden — sind als Aberglaube gebrandmarkt. Einerseits beklagen sich die Menschen darüber, von äußeren Gesetzen oder anderen Menschen manipuliert zu werden. Wenn sich aber die Frage stellt, diesem Problem in seiner Wurzel zu begegnen, also die falsche Selbständigkeit der Wissenschaften zu beseitigen, so sehen sie darin eine Bedrohung ihrer Existenz. Soziale und wissenschaftliche Welt bilden heute im ähnlichen Sinn den Bereich einer Elite, wie früher die Bekehrten im Christentum und Islam, oder die Zweimalgeborenen in Indien. Akademische Grade gelten als Schwelle zu höherer Existenz, zu einem neuen Himmel nur daß dieser sich erheblich weniger wohnlich darstellt als die mythischen Wunschvorstellungen der Vergangenheit.

Denken ist eine Funktion, kein eigener Bereich. Wird es zu diesem erklärt, so zerstört es nicht nur das persönliche Leben, sondern auch die soziale Wirklichkeit. Wenn heute amerikanische Futurologen erklären, daß sich die technische Zivilisation mit statistischer Wahrscheinlichkeit, da sie die Mittel zu ihrer totalen Zerstörung besitzt, in spätestens fünfhundert Jahren vernichten werde, dann ist dies nicht nur eine Rechnung, sondern auch ein Wunsch, die offensichtliche Sinnlosigkeit ihres Daseins zu beenden. Man spricht vom Ende der Neuzeit, Ende der Geschichte: aus dem selbstgeschaffenen Gefängnis führt kein bekannter Weg mehr heraus.

Kein bekannter, aber ein unbekannter. Die Scheidung zwischen Religion und Wissenschaft, zwischen theologischer und naturwissenschaftlicher Wahrheit bringt keine echte Lösung; zu sehr ist der traditionelle Gott anthropomorph, die Theologie Sklave der wissenschaftlichen Terminologie geworden.

In den meisten Fällen entspricht heute diese Unterscheidung der vorsokratischen zwischen Wissen und Meinung: zu letzterer gehören nicht nur persönliche Vorstellungen, sondern auch Glaubensinhalte, die nicht über die Intimsphäre hinaus ernst genommen werden; kaum eine der echten denkerischen Entscheidungen der Neuzeit hatte auf sie Bezug.

Glauben im modernen Sinne des Fürwahrhaltens — ein Gegensatz der alten Pistis oder Emuna — ist höchstens eine Unterstufe des rationalen wissenschaftlichen Weltbildes, wie sich ja auch die moderne Theologie durchaus als Wissenschaft begreift.

Das rationale Denken verdoppelt die Welt: zusätzlich zur äußeren und inneren Wirklichkeit erzeugt es eine zweite in Grundbegriffen wie Politik, Kunst, Soziologie — oder Demokratie, Kommunismus, und Pluralismus. Der Islam hat recht, wenn er in dieser Substantivierung eine Wiedergeburt des antiken Polytheismus vermutet, da sich die Repräsentanten dieser Ideologien gleich Dämonengläubigen verhalten, indem sie in deren Rahmen zu Handlungen und Entscheidungen bereit sind, die sie für ihre persönliche Sphäre durchaus ablehnen würden.

Das will nicht heißen, daß die Wissenschaftler selbst der gleichen Illusion gehuldigt haben, nämlich jene, die den Namen wirklich verdienen, da sie echtes Wissen brachten: ganz im Gegenteil. Eine Vertiefung der Einsichten der Erkenntnisse der modernen Naturwissenschaft führt zu der unausweichlichen Forderung, das Denken in seine Brückenfunktion zurückzuverwandeln. Jedes Atom ist in notwendiger Wechselbeziehung zum gesamten Universum, ohne deswegen seine monadische Entscheidungsfreiheit zu verlieren — wenn diese sich auch darauf beschränkt, Energiezustände und Verhalten zu variieren. Desgleichen ist jedes Mineral, jede Pflanze, jedes Tier und jeder Mensch nur in Bezug auf die gesamte Umwelt zu verstehen. Der alchemistische Spruch der Entsprechung von Makrokosmos und Mikrokosmos ist ein Gemeinplatz, es gibt keinen Unterschied zwischen den Elementen äußerer und innerer Wirklichkeit.

Die okkulten Philosophien hatten es mit den gleichen Stoffen zu tun wie die moderne Chemie, nur bezogen sie Parameter ein, die methodisch von der Chemie seit Robert Boyle ausgeschlossen waren: die Heilkraft von Pflanzen, wie Paracelsus sie verstand, verlangt einen anderen Gesichtspunkt zu ihrer Erkenntnis als die bloß anatomisch-physiologische Untersuchung. Sie erfordert eine Einstellung, die man früher zum Gebiet des Glaubens rechnete: eine objektive Betrachtung der Wirklichkeit ohne Einbeziehung des Subjekts führt nur bis zum Vorhof der Wahrheit.

Das Denken, als Brücke zur Wirklichkeit: hier kann es nur eine einzige Wirklichkeit geben, von der, im Sinne der alten Unterscheidung von Wissen und Meinung, der eine Teil exakt, der andere annähernd erkannt wird. So ist das eine Ufer bestimmt: wie steht es nun mit dem anderen? Die Naturwissenschaft sagt: Brücke zwischen Erfahrung und Theorie, und unterstellt damit, die Theorie sei der subjektive Ansatz. Hier halten wir einen der Gründe der falschen Verwendung des Denkens: die Theorie ist ebenfalls Teil der Wirklichkeit, sie bedeutet einen Aspekt derselben.

  • Ob ich die Welt aus der Sicht des Empfindens betrachte, im Sinne der Sensualisten als Summe von Sinnesdaten, die ich im Geiste verknüpfe;
  • als triebhafte Entelechiesumme im Sinne der Vitalisten,
  • oder als Ort des Entscheidens der Existentialisten:

das, was wahrgenommen, erfühlt und entschieden wird, ist Teil der gleichen Wirklichkeit. Auch die sprachliche Welt gehört zu dieser, sonst könnte es überhaupt keine gültigen Aussagen geben. Der Gegenpol der Wirklichkeit ist keine diese spiegelnde oder verdoppelnde Theorie, sondern das Subjekt selbst. Und da aller Inhalt der Wirklichkeit zukommt, kann sich dieses nur im Bereich der Möglichkeit befinden: des Nichts.

Gegenpol des Etwas ist das Nichts: irgendwo muß dieses Nichts ein Sein aufweisen, sonst könnte niemals aus ihm das Etwas entstehen. Das Erleben des substantiellen Nichts hat die Grundlage vieler esoterischer Philosophien gebildet:

  • das donnernde Schweigen des Bodhidharma als Grunderfahrung des Zen;
  • der dunkle Urwille des Scottus Eriugena, Grundlage der negativen Theologie.
  • Das Nirvana der südlichen Buddhisten,
  • oder die große Leere, Sunya Vada, der nördlichen:

immer handelt es sich um ein Durchstoßen zu dieser letzten Wirklichkeit, der Daßheit.

Logisch, etwa im dialektischen Prozeß bei Hegel, ist das Verhältnis von Nichts zu Etwas, die Identität von Sein und Nichts leicht einzusehen: die Copula Sein ist inhaltsleer, und wenn ein Satz mittels ihrer zusammengefügt wird — wie der Mensch ist das Subjekt seines Denkens» — bedeutet das Sein inhaltsleere, intensive Verbindung. Aber existentiell sieht die Lage ganz anders aus: hier ist das Erreichen des Nichts das Ergebnis einer langen Bemühung, erscheint als abruptes Erwachen, wie dies die Erzählungen des Zen anschaulich schildern.

Arnold Keyserling
Luzifers Erwachen · 1972
1. Die Entdeckung des zehnten Planeten
© 1998- Schule des Rades
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