Schule des Rades

Arnold Keyserling

Luzifers Erwachen

6. Gotteserkenntnis

Als Offenbarung erleben viele Menschen das Rad als Schema der Individuation, wie Jung berichtete, als Grundstruktur mythischer Prägung findet es sich am Ausgangspunkt sämtlicher Kulturen, wie ich es in meiner Geschichte der Denkstile dargestellt habe. Als Name Gottes, als Struktur des Unerschöpflichen in seinem Verhältnis zur vierdimensionalen Wirklichkeit wird es erst für die Gegenwart zum Ausgangspunkt: die physikalische Entdeckung der vierten Dimension verlangt deren Verwurzelung in der fünften-nullten, auf daß das Bewußtsein wirklich wese und der Mensch tatsächlich mensche.

Häresie bedeutete in der Vergangenheit die Herausnahme einer Teilwahrheit aus dem katholischen Ganzen: das gleiche betrifft heute die Ideologien unter Einschluß der Bekenntnisse. Ihnen allen ging der Zugang zur Quintessenz verloren; diese wird nur noch in prälogischer Form in den okkulten Philosophien vermittelt. Diese Einseitigkeit ist das Haupthindernis zur wahren Gotteserkenntnis. Alle herrschenden Ideologien vergessen eine der Dimensionen.

  • So betont die marxistische Dialektik-Empfinden 1 und Denken 2, übersieht die Integration-Fühlen 3 und die tatsächliche Geschichte-Wollen 4, die sie durch Planen nach vorgegebenem Schema ersetzen will.
  • Die Bekenntnisse heben Heilung und Erlösung hervor — Fühlen 3 — entwerten das Denken 2 und betrachten das Empfinden — Arbeit 1 — als notwendige, selbstverschuldete Fron.
  • Die westliche Demokratie betont das Empfinden — Gestaltung, Arbeit 1 — erkennt das Wollen an — Selbstbestimmung 4 — aber sie nimmt Fühlen — Adaptation durch Psychologie oder Religion 3 — und Denken — Wissenschaft 2 als Methodik des Alltags — als Hilfsfunktionen.
  • Die verschiedenen Nationalismen schließlich setzen geradewegs einen eigenen Dämon, erheben ihre Volkheit im Sinne des Faschismus zur Gottheit 4-0, und konstellieren damit nicht einen Teil des Wesens, sondern die Triebhaftigkeit selbst, was zur schrankenlosen Grausamkeit ausarten muß: das Nichts der Null wird zum Willen zur Vernichtung.

Die negativen Wirkungen der ausschließlichen Ideologien treten erst heute zutage, da durch die virtuelle Vereinigung des Planeten jegliche Gruppenloyalität zum Verbrechen an der Menschheit werden muß. Doch die Wandlung geht noch tiefer: allen Religionen der Vergangenheit gemeinsam war die Anjochung des Willens, im astralen Mythos seine Identifikation mit der Sonne im Löwen, im Herzen. Selbsterlösung galt als gottlos, führte in die Verdammnis.

Nun stehen wir am Beginn einer neuen Epoche, der Wassermannzeit, in der sich, dem Mythos gemäß, die Götter von der Welt zurückziehen. In jeder der astralen Epochen wurde ein negativer Aspekt der vorvergangenen Zeit rehabilitiert: Zeus besiegte zu Beginn der Widderzeit die Titanen mit Hilfe der Kyklopen, die seinerzeit Kronos nach dem Ende der Zwillingszeit in den Abgrund verbannt hatte. Gleichzeitig wechselt der Pol der Gottesschau: einmal wirkt er aus dem Licht, verlangt gläubige Gefolgschaft in offenbartem Plan, wie in Krebs-, Stier- und Fischezeit. Dann wieder spricht er aus dem Dunkel, im Sinne der Orakel, deren Erfüllung des Menschen Mitwirkung verlangt, wie in der Zwillingszeit und Widderzeit mit den großen Wanderungen, und ebenfalls in der anbrechenden Wassermannzeit, in der bei immer weitergehender Vereinheitlichung des Planeten die Gattung selbst zum zivilisatorischen Rahmen wird und jeder Mensch sich den Ort auf dem Planeten aussuchen muß, wo er seine Anlage am leichtesten in einer bestimmten Lebensepoche verwirklichen kann.

Als negativer Aspekt galt in der vergangenen Fischezeit die Verführung des Geschlechts, des Eigenwillens. Ist die Sonne, das Licht des Bewußtseins, mit dem Wesenswillen identisch, so muß der persönliche Wille verführend sein. Wird aber der Wille vom Wesen getrennt und zu einer Funktion unter anderen im Kreise — zu jener der Selbstbejahung — dann offenbart sich Gott als Anruf zur Erfüllung jedes einzelnen Wesens, wie dies nicht in fremder, sondern in persönlicher Offenbarung dem zuteil wird, der danach sucht.

Doch die Struktur des Bewußtseins läßt sich nicht manipulieren: nur wenn die tatsächlichen Parameter wechseln, kann eine Wandlung geschehen. Dies ist nun in der Gegenwart vollzogen worden: im Mai 1972 bestimmten Physiker der Universität Berkeley auf Grund von Berechnungen den zehnten Planeten des Sonnensystems, aus der Abweichung des halleyschen Kometen aus der erwarteten Bahn. Er hat eine Umlaufszeit von 464 Jahren, dreimal die Masse Saturns, und ist um die Hälfte weiter entfernt als der neunte Planet Pluto. Seine Bahn ist um 60° gegen die Ekliptik geneigt.

Vor allem ist er rückläufig, und gehört damit gleich Rahu und Ketu, den beiden Mondknoten, zur Funktion des Wollens: sein Schwerpunkt liegt im Zeichen Löwe, womit die Sonne, gleichsam mit 500-jähriger Verspätung, tatsächlich den Platz der Mitte des Tierkreises und des Rades erreicht.

Dadurch werden Wollen und Wesen voneinander getrennt: Wesen ist das Ergebnis nicht nur des Wollens, sondern des Zusammenspiels aller Funktionen. Letztlich verbindet das Wollen den Menschen mit der Fähigkeit des Minerals, des Atoms, Kraft aufzunehmen und die potentielle Energie zu erhöhen, indem die Elektronen in höheren Bahnen als vorher kreisen. Ferner bezieht es sich auf den Zusammenhang des einzelnen mit der Geschichte der Menschheit. Das Wollen hat Zugang zum Ursprung der Evolution jenseits von Leben und Tod, Pflanze und Tier; aber es hat nur dann Aussicht auf persönliche Verwirklichung, wenn die eigene Struktur bejaht und entfaltet wird: wenn also der Mensch als historische Aufgabe nicht mehr die Loyalität zu Gruppen, sondern zu sich selbst und jedem anderen einzelnen findet.

Dies ist vom religiösen Standpunkt die entscheidende Wandlung. Zwar hatten manche esoterische Bewegungen, wie etwa die Abtei Thelema, den augustinischen Wahlspruch Tu was Du willst, soll sein das einzige Gesetz. Aber auch diese fühlten sich als Gruppe, verstanden sich als ein Bekenntnis unter anderen. Die Lösung des Willens vom Wesen hingegen bedeutet etwas Neues: einerseits das Begreifen der mineralisch-anorganischen Welt als wahres Medium der menschlichen Verwirklichung — der Löwe Gegenpol des Wassermanns — andrerseits aber die Notwendigkeit für jeden einzelnen, sein Leben als Aufgabe zu erfüllen, alle Anlagen der Erde zurückzugeben: Wollen als bewußtes Sterben, als Erlösung des Steins im Herzen.

Die mineralische Welt hat zwei Kennzeichen: Masse und Energie. Beide sind in Beziehung zur gesamten Wirklichkeit des Weltalls, wie die einsteinsche Formel gezeigt hat, während Pflanzen und Tiere in Bezug auf den Wechsel von Leben und Tod existieren; Pflanzen haben ihren Schwerpunkt im Wachsen und Schaffen von Nahrung, Tiere im Verzehren und Verwandeln derselben. Der Mensch hat potentiell als Rahmen die gesamte Wirklichkeit. Doch versteht er sich als Pflanze als Erzeuger, oder als Tier, als Verbraucher, so verhaftet er sein Bewußtsein an die waagrechte Achse der Wirklichkeit und geht sich damit verloren. Nur die senkrechte Achse zwischen Denken und Wollen kann sein Bewußtsein konstituieren. Aber das losgelöste wissenschaftliche Denken führt nicht zum Wesen: es muß dem Mineral dienen. Pflanzen wachsen aus dem Gestein, und die Steine haben die Fähigkeit des Kristallisierens, der geometrischen Kontinuität, deren Dauer allein der Mehrung des Wesens im Denken entspricht.

Aber Dauer und Individualität sind verschiedene Dinge. Die Individualität ist punkthaft, in seinsmäßiger Beziehung mit allem anderen, die Dauer ist raumzeitlich, ausgedehnt. Dauer bezieht sich auf etwas, auf die Beharrung in der Welt, und nicht auf jenen, der das Etwas wahrnimmt oder gestaltet: die Individualität bedient sich der Kraft, falls sie imstande ist, reines Licht zu sein — reine Sonne, reine Ausstrahlung, die Kommunion schafft.

Wollen bezieht sich auf das Ich. Nur wenn dieses Ich ganz zur Funktion der Geschichte wird — Inspirationen (Ketu) in Führung (Rahu) ummünzt — ist die Befreiung des Bewußtseins möglich. Sonst wird das Wollen zum Gefängnis, die Energie wird Selbstzweck, und der Mensch verliert sich im Machthunger; die Sonne wird in den Stein gesperrt, ja selbst das Herz versteinert, anstatt sich zum Diamantleib, zum Träger und Potenzierer des Lichtes zu läutern, wie es das Geheimnis der goldenen Blüte lehrt.

Arnold Keyserling
Luzifers Erwachen · 1972
6. Gotteserkenntnis
© 1998- Schule des Rades
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