Schule des Rades

Arnold Keyserling

Luzifers Erwachen

8. Weg des Wissens

Person ist Maske, Inspiration ist Weg, Verantwortung für die eigene Anlage ist das Feld der Arbeit, in der alle gemeinsam existieren. So löst sich das Problem der revolutionären Schlagworte — uranisch Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, neptunisch Vernichtung der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen und plutonisch die klassenlose technische Zivilisation — in neuer Weise: indem der Impuls des Eigenwollens, versinnbildlicht in Luzifer und lokalisiert im zehnten Planeten, je nach dessen Stellung im Geburtsthema zum Ansatz der Bewußtseinsentfaltung wird.

Zweiundvierzig Jahre nach der Entdeckung Plutos — also in genauer Opposition vom menschlichen bzw. uranischen Lebenskreis aus berechnet — wurde der bewußte Kontakt mit dem letzten Impuls hergestellt, die Sonne wurde aus dem Stein befreit, und damit kann die eigentliche Arbeit beginnen.

Seit jeher gehörte die Zahl 11 zur Sonne, ob sich dies nun in den elf Farben des Spektrums (Purpur vereint rot und violett), dem elfjährigen Zyklus der Sonnenflecken, oder einfach im Symbol des heiligen Narren offenbarte wie in der entsprechenden Karte des Tarot, oder der Controlled Folly des Don Juan. Die Arbeit an Pflanze und Tier ist letztlich noch mittelbar: die Arbeit am Stein, an Energie und Technik, wird unmittelbares Ziel, weil sie sich nur dann positiv historisch verwirklicht, wenn sie der Bewußtwerdung jedes einzelnen untergeordnet wird. Im Rad sind Denken und Wollen in absoluter Opposition, während die Impulse des Empfindens und Fühlens einander im Enneagramm abwechseln.

F i x e s - K r e u z

In jedem Zeitalter steht ein anderer Bereich im Vordergrund: in der Wassermannzeit ist es der Körper, und damit gleichzeitig die natürliche Symbolik, wie sie bereits in Babylon dargestellt wurde; Mensch, Stier, Adler und Löwe bilden das Gefährt des Bewußtseins. Der luziferische Löwe bejaht die eigene Anlage. Durch das Vertiefen in den Stein, die eigene Struktur, hat er die Kraft der Rückbindung an die Materie gefunden: er wird zum Durchgangstor der Evolution. Als venusischer Stier und marsischer Adler-Skorpion erlebt sich der einzelne in der Polarität zwischen Wachstum und Erneuerung, Frau und Mann. Die Dialektik wird zur freudigen Mitarbeit an der Evolution, wobei manchmal das Erneuern, manchmal das Bewahren den Schwerpunkt bildet. In der Liebe erfahren beide Aspekte die Vereinigung, die einerseits zu neuer Keimung, neuer Kindschaft führt im Sinne des Löwen, andrerseits zur Entwicklung des Bewußtseins im Sinne des Wassermann. Die Sonne bildet die Mitte, die Einheit der Integration. Verwurzelt im Dunkel des Unerschöpflichen, wird ihr jedes Erleben Anlaß zur Bewährung und zum Wachstum des Bewußtseins.

Für das Bewußtsein ist der ganze Kosmos Umwelt. Ist einmal die fünffältige Struktur des Wesens verwirklicht, und der Mensch seinem selbstgeschaffenen, rationalen Gefängnis entronnen, dann offenbart sich der eigene Wesenskern als wachstumsfähiger Stern, als Sonnenkeim. So erscheint die Erde wie in den alten Mythen als Ort, wo Sonnenkinder zur Reife erwachsen, der Tierkreis ist die Matrix, und die Körperlichkeit die Potentialität, die es zu entfalten und als Energie zu integrieren gilt.

Damit wird die Entdeckung des neuen Planeten zum echten Erwachen Luzifers: er befreit die Sonne aus dem Stein.

Die Entscheidung des Wollens folgt nicht mehr der Zweiheit von Gut und Böse des Unmündigen, sie hat als Grund die eigene Wesensstruktur, deren Verantwortung niemand entgehen kann. Heute ist nur noch derjenige böse, der ihr entfliehen will und im Namen dämonischer Wesenheiten, der Ideologien eine Gruppe an die Stelle der Gattung setzt.

Die Verurteilung Luzifers war eine gnostische, keine echt religiöse Tradition; der Satan der Bibel war der Widersacher Israels, eine Aufgabe, die ihre Erfüllung bereits fand. Die Wassermannzeit verlangt die Verwirklichung der Menschheit als Gattung durch Vereinigung von Evolution und Läuterung.

Für die Evolution steht Luzifer mit den Planeten; für die Läuterung die Sonne, Spenderin des wahren Bewußtseins. Solange Luzifer verbannt blieb, konnte auch die Sonne nur im Verein mit anderen wirken, als ein Impuls; Bewußtsein blieb jene Begleiterscheinung des Handelns, als die es die traditionelle Psychologie betrachtete. Aber die Mutation, die mit dem Beginn der abstrakten Sprachfähigkeit vor 11.000 Jahren einsetzte, offenbart heute ihren negativen Aspekt, der sich im Verlauf der Erdgeschichte bei allen Gattungen gezeigt hat; nur jene Individuen, konnten überleben, die sich dem Neuen anpaßten, sich in diesem verankerten.

Neu ist das kosmische Bewußtsein, das die irdisch-soziale Wirklichkeit als eines der vier Naturreiche umfaßt. Es entsteht aus der Dialektik zwischen Null und Eins, dem Dunkel des Unerschöpflichen und dem Licht der Sonne.

In dieser Dialektik gegründet, kann der einzelne in Zukunft die beiden Pole von Sinn und Leben im Sinne Altchinas vereinen: indem er nicht nur für den Menschen, sondern für die ganze Natur die Sonne, das Bewußtsein aus dem Stein befreit.

Dies ist die wahre Bedeutung des technischen Zeitalters. Die bloß physikalische Befreiung der Energie aus der Masse führt zur Zerstörung der Welt, die Wasserstoffbombe ist eine Nachahmung der materiellen Sonnentätigkeit. Die subjektive Befreiung des Lichtes aus dem Stein ist die neue frohe Botschaft, sie bedeutet keine Absage an die Tradition, sondern deren Erfüllung im Sinne des Magnum Opus der Alchemisten, oder der Schechina Israels. Doch nur für jene, die den Weg des Wissens gehen im Sinne Don Juans oder des Wahlspruchs von Ulrich von Hutten:

Ich hab mein Sach auf Nichts gestellt.

Wie der einzelne auf dem Weg der inneren Erfahrung Kampf auf Kampf, und Leid auf Leid durchstehen muß, so wird dies auch kaum den Gemeinschaften erspart bleiben. Das Reich des Friedens, als welches die anbrechende Epoche verheißen wurde, mag in seinen Geburtswehen noch schrecklicheres bringen als manche vergangene Zeit. Doch wenn man früher nach dem Retter Ausschau hielt, dem Führer oder Guru, so liegt jetzt die Antwort in jedem selbst: wird das Nichts zum tragenden Grund des Seins, dann erfährt das Etwas die Rückbindung zur gesamten Wirklichkeit bis hinunter zum Unerschöpflichen, von Tag zu Tag bis in die Ewigkeit in der freudigen Gemeinschaft mit Menschen in Freiheit.

Arnold Keyserling
Luzifers Erwachen · 1972
8. Weg des Wissens
© 1998- Schule des Rades
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