Schule des Rades

Arnold Keyserling

Das magische Rad Zentralasiens

II. Kosmogonie

Selbstorganisation

Die Sonne ist strahlendes Licht, das das Dunkel erhellt. Zwischen Licht und Dunkel entstehen die Farben, die sich am Modell der Erdkugel veranschaulichen lassen. Der Nordpol sei weiß, der Südpol schwarz. Auf der Oberfläche sind die klaren Farben, nach innen zu werden sie trüb. Die Grauachse verbindet den weißen Nordpol mit dem schwarzen Südpol, die Mitte ist silbergrau. Am Äquator liegen die Farben gleicher Helligkeit. Doch die Farben größter Intensität des Regenbogens sind zum Äquator um dreiundzwanzig Grad geneigt, gleich der Ekliptik.

Farben zeigen den Gegensatz von Licht und Materie. Im Farbkreis gegenüberliegende Lichtfarben ergeben Weiß, ebenso jede regelmäßige Gliederung. Alle Pigmentfarben lassen sich durch die Mischung von rot, blau und gelb erzielen. Das Sehen schließlich erfolgt durch die Komponenten des Auges: grün und rot, blau und goldgelb, schwarz und weiß, wie sie das Rad zeigt. Somit ist das Gesetz der Farbe zwei als Opposition, vier als Sehfähigkeit und drei als Gestaltungsfähigkeit. Das Purpur fehlt im Regenbogen, im Purpurkörper des Auges ist es die Grundlage des farbigen Sehens.

F a r b r a u m

Die Lichtzahlen und Tonzahlen sind der Sinn und das Feld der vierten Dimension. Das Gesetz der Sinne ist das Gesetz des Sinnes: dieser bestimmt das Gewahrsein, nicht das Bewußtsein. Für das analytische euklidische Denken bleiben die vorher geschilderten Zusammenhänge ein Kauderwelsch; für den einfachen sinnlichen Menschen sind sie die offensichtliche Wahrheit; die Evidenz, die nicht nur in die Augen springt, sondern auch die Vernunft befriedigt.

Der Regenbogen ist siebenfältig. Senkrecht entspricht er den Schwerpunkten der Chakras, wie wir sie durch die Sprachentfaltung kennenlernten. Jeder Ton des Quintenzirkels hat nun eine Intervallfolge als einen Resonanzrahmen. Hieraus entsteht die Urtonleiter aus Obertönen und Untertönen, die sich im Enneagramm veranschaulichen läßt:

N a t u r t o n l e i t e r

Das Rad ist sinnlich sinnhaft. Die Gesetze des Ohres sind im Tonkreis zu verstehen, die des Auges im Farbkreis. Auf der rationalen Fläche des Rades lassen sich alle Gesetze des Gewahrseins verstehen und begreifen. Dieses Schema bestimmt aber nicht nur das Gewahrsein, sondern läßt uns auch die Kosmogonie, die Entstehung der Welt erkennen.

Gott ist der Schöpfer des Himmels und der Erde. Er ist erlebbar durch die Zehn. Ihre Koordinaten sind Schönheit, Wahrheit, Güte und Gerechtigkeit. Wird deren Zusammenhang vierfältig als Tetragrammaton erreicht, dann erlebt der Mensch die Vision des Paradieses, der Neuen Erde.

Ohne diese Vision gibt es keine Hoffnung. Die ideologischen Erwartungen, die Utopien, können den Menschen nicht wirklich führen, sondern nur die echte Vision. Sehr viele Menschen haben sie erfahren und geschildert. Doch in jedem Kind lebt die Gewißheit, daß es einen Ort der Liebe gibt, woher wir kommen und wohin wir streben.

Sind wir in der Liebe, so sind wir im Paradies. Doch dieses Erleben des Gewahrseins, des Samadhi, ist außerhalb der Zeit und des Raumes. In der liebenden Vereinigung ist der Mensch mit dem All verschmolzen. So hat er auch darin einen Zugang zu jener Befindlichkeit, in der sich die Neue Erde innerhalb der vier Koordinaten entfaltet. Im biblischen Mythos war es zu Anfang ein Garten der Harmonie, aber nach dem Umweg über die Erde eine Stadt aus Juwelen, wo Tiere und Pflanzen und Edelsteine in eine neue Daseinsebene hineinverwoben sind. Das menschliche Bewußtsein hat seinen Grund in der Ewigkeit, der nullten Dimension des Gewahrseins. Daher braucht es die Rückbindung an Ursprung und Ziel, an den Sinn. Das Paradies liegt hinter uns und vor uns. Weltgeschichte ist Heilsgeschichte; wird sie anerkannt, so findet man immer wieder zum Sinn.

Wesentlich an der Heilsgeschichte war bisher — und ist es noch in vielen Traditionen — daß irgendein Mythos, eine gestalthafte Erzählung, die tatsächliche Geschichte vertritt. Wurde ein Angehöriger der Navahos krank, dann fand er seine Heilung, wenn er sein Drama im Mythos orten konnte. Dadurch wurde sein Leben nach Vergangenheit und Zukunft offen, und beide schließen sich zusammen im ewigen Augenblick der Freude.

Dank des Rades, das lückenlos aus den Zahlen abzuleiten ist, können wir die Kosmogonie aus der mythischen Beziehung in die Wahrheit des Gewahrseins überführen. Der Weg hierzu sind die Dimensionen im Mikrokosmos, Makrokosmos und Mesokosmos zwischen Emanation und Evolution, wobei die Zahlenarten den formalen Erkenntnisgrund bilden. Wir beschreiben den Ablauf zuerst naturwissenschaftlich-mathematisch, und dann biologisch-physiologisch, und schließlich von der Entfaltung des Bewußtseins durch die Naturreiche bis zum Gewahrsein Gottes, also der Rückkehr zum Paradies.

Gott in der Schau des Gewahrseins ist der Mensch im All, der Tierkreis, wie wir ihn in den zwölf Abschnitten artikuliert haben. Gott ist die Vereinigung von Mann und Frau. Er hat die zeugerische Kraft in sich; daher wurde in vielen Mythologien der Stier, der ohne Bewegung zeugt, als Symbol der göttlichen Schöpfungskraft gewählt.

Physikalisch wird die Schöpfung als Urknall bezeichnet. Die ursprüngliche Einheit tritt von der Potentialität in die Aktualität, von der Möglichkeit in die Wirklichkeit. Es entstehen zwei gegensätzliche Welten, der Mikrokosmos und der Makrokosmos. Beide entwickeln sich in der Emanation.

Außerhalb von Raum und Zeit erfassen wir die pulsierende Expansion und Kontraktion des Makrokosmos, aus welcher die Zeit geboren wird, sowie die Emanation des Mikrokosmos. Ihr Ursprung ist das Wirkungsquant, welche Konstante physikalisch von Planck 1900 als Grundzahl des Universums entdeckt wurde. Das Wirkungsquant ist kein Energiepaket sondern eine Subjekthaftigkeit. In der Sprache der Mystik von Meister Eckhart ist es das Wesensfünklein, das zuerst in die Materie der Erde absteigen muß, bis es zur Umkehr fähig wird. So scheint die Emanation ein Fall: die Vision des Paradieses ist in weite Ferne gerückt, außerhalb von Raum und Zeit und daher für das Bewußtsein unzugänglich.

Mathematisch läßt sich erweisen, daß der Urknall überall und nirgends gewesen sein muß, denn es gab ja keinen Raum und keine Zeit. Minimum und Maximum, in der Sprache von Cusanus, waren identisch; in einer unendlichen Welt ist die Mitte überall.

Beide Emanationen verlaufen von der Freiheit Gottes zur Bedingtheit des Minerals und der Materie. Im Mikrokosmos verringert sich die elektromagnetische Energie, im Makrokosmos vermehrt sich die gravitationelle Abhängigkeit.

Das All zwischen Urknall und Ausdehnung ist wahrscheinlich einem Rhythmus unterworfen. Zweiundvierzig Milliarden Jahre dehnt es sich aus, die folgenden zweiundvierzig zieht es sich zusammen — indisch der Atem Brahmas.

Im Gewahrsein sind Minimum und Maximum, Wirkungsquant und Ausdehnung identisch. In der nullten Dimension gibt es Raum und Zeit noch nicht. Doch wenn sie entstehen, dann erschafft das Unerschöpfliche auch den Weg zurück als Bereicherung des Göttlichen; es wird von weniger zu mehr. Jeder Teil Gottes, jedes Wesensfünklein als Quanta wird schließlich im Lauf der Zeit Teil der großen Potentialität jenseits von Leben und Tod in der Intensität der Freude.

Hierbei ist der Zahlengrund immer gegenwärtig; er läßt im Osten die Orientierung nie verlieren. So hebt die ganze Schöpfung aus dem Osten an; einem Osten, der nicht auf der Erde ist, sondern der unerschöpfliche Urgrund und Ursprung des Einenden Einen.

Zum besseren Verständnis der Kosmogonie setzen wir im Unterschied zur Radstruktur den Osten nach oben, den Westen nach unten, den Süden nach rechts und den Norden nach links. Osten und Westen sind in der Dämmerung, Süden ist Tag und Norden ist Nacht.

  • Im Osten empfange ich die Offenbarung.
  • Im Westen beginne ich den Weg durch Wahl und Entscheidung.
  • Im Süden erschaffe ich aus der Zeit die Wirklichkeit und
  • im Norden erfahre ich die Möglichkeit (siehe Schema).

Das Quant hat unendliche Energie und keine Masse. Es ist überall in der nullten Dimension und hat den Zusammenhang mit dem Göttlichen nie verloren.

K o s m o s

  • Die nullte Dimension als Minimum und Maximum ist die Sphäre des Göttlichen. Sie ist gleichzeitig transzendent und immanent. Auf dem Weg der Weisheit ist sie nicht unerkennbar, sondern als Ort des Gewahrseins zugänglich.
  • Das Photon unterliegt der Lichtgeschwindigkeit. Es hat keine Masse und schafft den Raum unserer Erfahrung im Rahmen der Lichtgeschwindigkeit.
  • Elektronen entstehen paarweise, als Materie und Antimaterie mit gegensätzlicher Ladung.
  • Das Atom ist dreidimensional. Es hat vier Aspekte der Energie: Strahlung, Wärme, chemische Verbindungsfähigkeit und potentielle Energie.
  • Das Molekül des Minerals hat drei Zustände: Salz, Metall und Kristall.

Mit dem Molekül ist die Emanation des Mikrokosmos abgeschlossen.

Im Makrokosmos dehnt sich das All in schwarze Raumkugeln aus, solange die Expansionskraft stärker ist als die Gravitation. Sie ist die schwächste Kraft, doch ist ihre Steigerung geometrisch.

Falls die Masse des Universums einen bestimmten Wert übersteigt, so wird es zu einer Kontraktion kommen.

  1. Wo die Raumkugeln aufeinandertreffen, bilden sich galaktische Inseln. Sie unterliegen nicht der Ausdehnung, sondern bleiben konstant und kreisen um ein schwarzes Loch.
  2. In einem Arm der Milchstraße entsteht unsere Sonne mit ihren Planeten. Diese kreisen im Unterschied zu den Elektronen des Atoms flächig um die Sonne im Tierkreis.
  3. Die Erde dreht sich sowohl um ihre Achse als auch um die Sonne.
  4. Der Mond schließlich dreht sich um die Erde. Doch wechselt sein Licht zwischen Vollmond und Neumond und seine Schwerkraftswirkung ist für die Entfaltung des Lebens zwischen den vier Elementen Feuer, Erde, Wasser, Luft verantwortlich. Der Mond hat keine Eigendrehung; er kehrt der Erde immer das gleiche Gesicht zu. So ist das letzte System oder die vierte Dimension die Wirklichkeit des Lebens, das sich aus dem Zusammenhang von Mond, Erde und Sonne in einer Breite von zwölf Kilometern entfaltet, sechs oberhalb und sechs unterhalb des Meeresspiegels. Nur bei der mittleren Temperatur von 18° gibt es die drei Aggregatzustände fest, flüssig und gasförmig, die über das Feuer ineinander übergehen. Die meisten Himmelskörper haben keine feste Materie, sie sind im Plasmazustand.

Das Planetensystem der Sonne ist nicht in Resonanz, wie Kepler fälschlich glaubte. Die Zahlen der Abstände sind irrational, reelle Vektoren, sonst könnten sie ihren Ort im System nicht wahren. Die kosmogonischen Schichten werden durch die vier Attraktoren des Chaos erzeugt und aufrechterhalten; sie entstammen der Kraft der Selbstorganisation, dem Chi. Für das Erleben und das Verständnis der Evolution bezeichnen wir den Mikrokosmos als Urkraft, weil nur sein Kraftaspekt bewußt ist, und den Makrokosmos als Urlicht, weil man nur die Sterne als Lichtpunkte wahrnimmt. Die Attraktoren des Chaos entstammen notwendig der nullten Dimension; so sind nullte und vierte Dimension in Symmetrie zueinander. In der nullten, dem Ursprung des Urlichts, finden wir die Null und die neun Ziffern als natürliche Zahlen. In der vierten entsteht durch den Hyperkubus wiederum die Neun der vier Vektoren, die das Chaos in Kosmos über die Information verwandeln.

Mikrokosmos schafft den Raum, Makrokosmos die Zeit. Zwischen beiden ist die Zahl. Sie findet ihre Verwirklichung im Mesokosmos der Evolution, dessen Richtung von unten nach oben, von der vierten zur nullten Dimension verläuft. Information ist weder Kraft noch Masse. Nur in ihrem Bereich, dem Mesokosmos, findet die Kosmisierung unserer Welt statt. Doch die Evolution gründet auf dem bereits gewordenen Kosmos.

Was ist Information im Verhältnis zu Masse und Energie? Der französische Biologe Laborit erklärte bei einem Seminar in Athen den Zusammenhang folgendermaßen: Sende ich ein Telegramm aus Athen mit den Worten, Ankomme morgen Orly 17:30 Uhr, dann werde ich abgeholt. Sende ich aber die Buchstaben in zufälliger Anordnung, dann ist die Masse die gleiche, die Energie die gleiche, aber ich werde nicht abgeholt. Für mein Handeln besteht also ein totaler Unterschied, der sich physikalisch nicht messen läßt. Information ist also weder Masse noch Energie, sondern beruht auf der Zahl.

Die Zahlen werden in der vierten Dimension zu raumzeitlichen Sinnesdaten. Jedes Datum ist eine Zahl, auch jede physikalische Konstante. Für unsere Erde hat die planck’sche Konstante einen komplexen Wert, 6.624 × 10−27 Für das Universum ist es die Zahl 1, und 0 bedeutet den Augenblick der Verzeitlichung des Raumes, wo die Sinneserfahrung zum Sinn in Raum und Zeit werden kann. Wie verhalten sich nun die Zahlen zur Wirklichkeit?

Arnold Keyserling
Das magische Rad Zentralasiens · 1993
Schlüssel der Urreligion
© 1998- Schule des Rades
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