Schule des Rades

Arnold Keyserling

Das magische Rad Zentralasiens

III. Yoga

Chakras

Die Tiere sind immer in der Harmonie der Arterhaltung; daher richten sie auch den Menschen in der Vision den ägyptischen Totenbuchs. Man muß das bloße Überleben, wie es in den Ideale der jüngsten Epoche des Proletkultes und des Mannes auf der Straße umrissen wurde, als böse erkennen. Der Mensch ist nicht auf der Welt zur Befriedigung seines statischen Fühlens, sondern muß das Gewahrsein, also Gott anpeilen, um den Weg zurück zu beginnen. Die sogenannte Bekehrung, jüdisch das Umstellen der Lichter, taoistisch das Kreisen des Lichts, ist also wörtlich zu nehmen. Die neolithischen religiösen Bauten glichen dem Uterus, und auch noch die christliche Kirche betrachtete sich als solcher, ebenfalls die Schwitzhütte der Indianer. Doch wir können dem Ritual entsagen, wenn wir den Sinn der Stufen verstehen.

  1. Die Bewegung des Menschen, auch eines Blinden, wird durch den Sinn des Sehens geleitet. Aus der Fähigkeit, den Körper aus dem kinästhetischen Leib zu lenken — also einen Vorstellungskörper zu bauen in Entsprechung zum physischen — entspringt das Empfinden, dessen Gesetze wir im zweiten Kapitel nach Ton, Farbe und Körpersinn bestimmt haben. Ihre Systemik ist aus dem Rad ersichtlich, nicht aus der Erfahrung oder der Wissenschaft. Man muß sie mathematisch deduzieren, und phänomenologisch im Sinne von Husserl in ihrem eigenen System wie dem Quintenzirkel und dem Farbkreis entschlüsseln. Erst dann erreicht man die Orientierung in der Realität.

    Das unterste Chakra in der Höhe der Geschlechtsorgane heißt Muladhara, das Wurzelchakra. Es bildet den Zugang zum Chi und Prana, zur Urkraft. Seine Energie ist die Strahlung, die uns mit dem All verbindet und in das große Kontinuum einwebt. Die erste Dimension enthält die ganzen Zahlen als Ergebnis der Addition. Man muß stets neue Empfindungen einbeziehen, um direkt und nicht mittelbar an der Kraft des Universums teilzunehmen; Gurdjieff nannte die Empfindungen die Eindrucksnahrung. Auch jedes Atom entscheidet sich, Energie aufzunehmen oder zu verweigern, es ist darin frei.

    Der Mikrokosmos wird getragen aus den vier Attraktoren, die im Hyperkubus der vierten Dimension durch die Mitte gehen. Im Rad bedeutet der erste Attraktor die Beziehung Empfinden-Körperwelt, die durch die Mitte, geht. Er ist torushaft, auf Beobachtung gerichtet, wobei aber die Beobachtung mehrere Grade der Intensität haben kann; es gibt, verschiedene Qualitäten der Aufmerksamkeit. Unsere Erfahrungswelt ist auf dem Empfinden, also dem Licht aufgebaut. Doch finden wir das Licht im Dunkel geborgen. Wir müssen die Schlangenkraft erwecken, die am Fuße der Wirbelsäule 3½-mal geringelt schläft.

  2. Das zweite Chakra heißt Swaddhistana, Ichchakra, und befindet sich auf der Höhe des Sakrums, japanisch Hara, der Bewegungsmitte des Körpers. In der embryonalen Entwicklung beginnt hier die Atmung nach der Geburt. Der Sinn des Atmens ist das Riechen als die Fähigkeit, Qualitäten im gasförmigen Zustand zu erkennen. Zwischen Riechen und Atmung entsteht über das Prana die Funktion des Denkens als Fähigkeit, die Welt zu artikulieren, in Elemente zu gliedern und die getrennten Sinneswahrnehmungen im Wort bildlich und lautlich zusammenzufügen. Die Energie des Denkens ist elektromagnetisch; sie beruht auf der Zweiheit der Elektronen und ihrem Verhältnis zu den Protonen, die aber erst in der dritten Stufe tragend wird.

    Sowohl Bewegung als auch Atmung, sowohl Sehen mit seinem Wechsel von endlich und unendlich, Fokus und peripherer Schau, als auch Riechen mit dem Gedächtnis als verfügbarem Wortinhalt können ohne Bezug auf den Aufstieg der Sushumna angejocht werden; sie sind von außen zu induzieren, zu lenken. Das Kind lernt gehen und den Gebrauch seiner Sinne mit Hilfe der Eltern, und auch sprechen. Doch nun kommt die Schwelle der Geburt, der Wiedereintritt in den Mutterleib, der aber jetzt nicht mehr die physische Mutter ist, sondern die Erdgöttin.

  3. Viele Menschen versuchen ihre Gefühle denkerisch zu manipulieren, vor allem in der Nahrung im Erfinden von Diäten. Fühlen liegt hinter der Todesschwelle; es manifestiert sich nicht im Wachen sondern im Traum. Die Vorstellung kann gleich wie im REM-Traum — der stellvertretenden Wunscherfüllung — in den Assoziationen des Denkens gefesselt bleiben. Darum heißt es in vielen Überlieferungen, daß der Durchschnittsmensch aus einem falschen Traum erwachen müsse. Im Yoga wird die Geburt durch die Schmerzschwelle verstellt, dem Vishnugranthi, den es zu lösen gilt; die Erinnerung an die schmerzliche Geburt hält den Menschen in der Illusion zurück.

    Die Stufe des Muladhara wird durch die Asana, Körperruhe angejocht, die Stufe des Swaddhistana durch Pranayama, die Atemrhythmisierung mit dem Mantra. Beide kann man gemeinsam üben. Doch wenn man zum Pratyahara kommt, der Introversion des Fühlens, dann muß das Denken aus der Profitsuche des Überlebens in das give-away der Indianer übergehen. Da ich esse, töte ich und erlebe im Fühlen eine Schuld. Diese kann ich nicht dadurch überwinden, daß ich Vegetarier werde; Salat ist genauso lebendig wie ein Schwein. Ich muß bereit sein mich zu opfern, das heißt meinen Tod zu akzeptieren, indem ich nicht mehr für den praktischen Erfolg lebe sondern für die Teilnahme am großen Werk, welche das Samyama bestimmt. Diese Teilhabe ist die zweite Geburt. Somit ist nicht Muladhara, sondern Manipura die Schwelle des geistigen Weges. Die beiden unteren Chakras, Bewegung und Empfindung so wie Sprache und Denken, können von außen erweckt werden und nach unten gerichtet bleiben, bis der Mensch nach dem Tod merkt, daß seine ganze Existenz sinnlos war. Nur der Glaube an Vishnu, an die erhaltende Kraft der Gottheit, wird einem ermöglichen, den Knoten zu lösen.

    Der Attraktor des Swaddhistanachakra ist der Grenzzyklus, der zeitliche Kreis, der sich wiederholt und im Wortleib als Gedächtnis niederschlägt. Der Attraktor des Fühlens ist der Fixpunkt-Attraktor.

    Über die Nabelschnur ist man mit der Mutter verbunden, nicht über die Urzelle sondern über ihren Organismus. So birgt das Fühlen die Motivation, die Struktur der Wünsche, die auf das Überleben gerichtet sind. Die väterlichen Erwartungen zielen auf Erfolg des Kindes, sie kommen später im seelischen Bereich zur Geltung, treten also vom Bewußtsein hinzu. Die Motivation hat als Ausgangsort einen bestimmten Lebensstandart als Wohlstand. Don Juan bei Castaneda spricht von den unteren Chakras als Feinde.

    • Ist Muladhara integriert, dann hat der Mensch keine Angst mehr und Klarheit über seine Strategien.
    • Ist Swaddhistana gemeistert, so gewinnt er die Einsicht über alles was ihn angeht, aber stagniert im Wissen.
    • Das dritte Chakra Manipura heißt Stadt der Wünsche. Da diese vom Traum aus das Wachen lenken, also das Bewußtsein von hinten oder links überfallen, verwirklichen sie sich immer, entweder stellvertretend im REM-Traum oder über eine Sehnsucht im Sinne des Körpers. Wer seine Wünsche beherrscht, erreicht Macht sowohl über sich als auch aber andere, und oft wird diese zum dritten Feind. Wenn nun Denken und Fühlen sich vermischen, kann das zur Zerstörung und Grausamkeit führen. Wahrscheinlich ist im Vishnugranthi die Ursache der Erfahrung von Grof, daß Grausamkeit meistens mit den drei schmerzhaften Stufen der Geburt zu tun hat. Wer die Rückbindung als Zugang zur Selbstorganisation nicht fand, will seine Ziele durch Macht über andere erreichen.
    • So ist Macht der gefährlichste Feind, der nur überwunden wird, wenn der Aufstieg ins vierte Chakra Anahata gelingt, die Ruhe hinter der Bewegung durch Vereinigung des Selbstes mit der Kraft der Aufmerksamkeit.
  4. Das Chakra des Herzens hat Teil an der Energie, die erst im Tode aufhört. Anahata heißt Nicht-Bewegung, innere Stille. Die Stille ist Voraussetzung des Wollens. Wenn ich aus einem Motiv des Fühlens will, dann ist mein Wer nicht das Wesen, sondern ich werde gleichsam gewollt: der vierte Feind die Trägheit. In der chinesischen und indischen Weisheitstradition wird der Wille richtig als Offenheit des Empfangenden verstanden, weil das wahre Subjekt immer Gott als der Mensch im All ist. Wird das Wollen im Sinne der europäischen Philosophie als Stärkung des Bemühens betrachtet — also Strategien rücksichtslos zu verfolgen, auch wenn sie nicht mehr zeitgemäß und im Einklang mit dem persönlichen Läuterungsweg sind — dann führen ihre Intentionen in den geistigen Tod.

    Der seltsame Attraktor kann nur aus der Potentialität, also aus der Null in die Aktualität wirken. Das Element ist das Feuer, das den Übergang zwischen den drei Aggregatzuständen und Bereichen — dem festen Körper, der flüssigen Seele und dem luftigen Geist — bewerkstelligt. Feuer und Licht sind die gleiche Substanz. Das Feuer hat seinen Ursprung in der Urkraft, da es verbrennt, und das Licht entsteht aus der Fusion, also letztlich aus der Sexualität der Sonne. So war in allen Kulturen die Sonne das Symbol des Herzens und der Zugang zur Liebe, die im selbstlosen Strahlen und nicht im Besitzergreifen ihre Erfüllung findet.

    Wollen ist Wahl einer Intention, welche einfällt. Es kann aber auch das Reifen eines Entschlusses bedeuten, von innen her kommen, oder die spontane Entscheidung ohne Grund für eine Handlung — Don Juans acting for the hell of it — schließlich auch die Stärkung der Aufmerksamkeit, die Vermehrung ihrer Quantität, wie es die afrikanische Tradition lehrt. Wollen ist auch tun, aber nicht das Tun des Empfindens, das oft ein Einrasten in bestehende Abläufe ist, wie man etwa beim Jogging die Trägheit zu besiegen glaubt, sondern immer wieder neu zu beginnen. Wollen ist das Leben an der Nahtstelle.

    In der Sprache ist das Wollen die Stimme, nicht der Satz, sondern dieser ist Wirkweise des Denkens. Zum Wollen gehört Ja und Nein als Uraussage der Sonne. Die Richtung auf leben und sterben besteht immer gleichzeitig. Man muß die Identifikation mit den Bewußtseinsinhalten überwinden. Daher ist der Tiefschlaf als Stille in das Wachen zu überführen, damit das Selbst konzentrisch den Aufstieg über Körper, Seele und Geist vollziehen kann, wie er sich in der Kosmogonie darstellt.

    Mehr Menschen leiden heute an Herzkrankheiten als in den vergangenen Jahrhunderten. Vielleicht kommt das daher, daß die offiziellen Ideologien im Überleben und in der karitativ-materiellen Hilfe eine religiöse Aufgabe sehen. Aber der Mensch ist kein Gefühlswesen, er existiert nur im Wollen und Gewahrsein, im Feuer und im Licht. Darum wird der Himmel als Lichtwelt bezeichnet und die Hölle als brennend. Diese Bilder tauchen spontan in vielen Traditionen auf, oft als statische Befindlichkeiten, wo die Erlösten in ewiger Anbetung verharren und die Verdammten ewige Qualen leiden.

    Das Wollen als Individuation, im Unterschied zum sogenannt guten Willen des Fühlens, ist für die Wassermannzeit kein Anliegen. Die Esoterik, der Weg der Weisheit besteht seit jeher. Heute wird er allgemein, da in der technologischen Zivilisation nur der spontan-kreative Mensch seinen Sinn im freien Lebensentwurf schafft. Die Seligkeit des Samadhi ist nicht mehr Aufgabe wie in der Widderzeit, sondern eine Begleiterscheinung, die nicht trägt. Das Wollen ist dunkel im Schlaf. Nur das Dunkel kann das Licht empfangen. Zu diesem Empfang müssen wir die organische Entsprechung vom mikrokosmischen Geschehen in das mesokosmische überführen.

    Empfinden, denken, fühlen und wollen, die Funktionen sind die Anjochung der kosmisierenden Attraktoren des Chaos. Aber der Kosmos ist nicht physisch, sondern der Organismus wird zum Werkzeug des Wesens, der Teilhabe am Werk der Sonne, wie die alchemistische Tradition beschrieb. Der Wollende lebt an der Nahtstelle zwischen Leben und Tod; er muß sich der Urkraft, der Selbstorganisation überantworten. Dies ist nur möglich durch Erkenntnis und Gebrauch der Gehirnsysteme, die erst in den letzten fünfzig Jahren entschlüsselt wurden.

  5. Die Inder nannten das Chakra des Körpers Vishuddha, Reinheit; jenes der Seele, das innere Auge, Ajna, Gehorsam, und das tausendblättrige Scheitelchakra des Geistes Sahasrara, Ort der Seligkeit und Begnadung. Der Aufstieg der Kundalini geht bis zum sechsten Chakra, dann erscheint die Begnadung von oben. In der embryonalen Emanation entsteht der Körper aus der Urzelle und den Keimblättern und entfaltet sich durch 54 Teilungen. In dieser Entwicklung bilden sich drei getrennte Gehirnsysteme, die sowohl in der Evolution als auch in der Erziehung verschiedene Kriterien haben: das Stammhirn des Körpers, das limbische System der Seele und das Großhirn des Geistes. Über das Stammhirn hat man an der Welt der Pflanzen mit ihrem senkrechten Wuchs teil, im limbischen System des Zwischenhirns an der Welt der Tiere mit der Zweiheit von Arterhaltung und Selbsterhaltung und im Großhirn, dem Neocortex ist die eigentliche menschliche Welt mit der Trennung und Artikulation der vier Bewußtseinsschichten.

    N e u r o l o g i eG e h i r n s t r u k t u r

    Beim Tier steuert das limbische System alles Lernen, das sich im Rahmen eingeborener Reflexe vollzieht. Beim Menschen hingegen setzt die Entfaltung im Stammhirn an. Befruchtung und Polarisation sind vorindividuelle Vorgänge. So ist der eigentliche Mensch fünffältig individuell:

    empfinden
    denken
    fühlen
    wollen
    Körper
    ·
    ·
    ·
    ·
    ·
    sehen,
    riechen,
    schmecken,
    hören,
    tasten.

    Im Tasten beginnt die Fähigkeit zum Werkzeug, man kann seine Sinne über den Leib verlängern.

    Das Stammhirn verläuft vom Hypothalamus und Kleinhirn bis zum Sakrum im Rückenmark, dem Bewegungszentrum im Hara. Seine Bewußtheit ist unterbewußt im Traum. Nach meiner Auffassung ist es also nicht wie bei MacLean ein Reptilhirn, sondern ein Pflanzenhirn. Die Möglichkeit der Entfaltung der Anlage, die die Pflanze vom Samen bis zur Gestalt prägt, ist traumhaft. Wenn die Anlage nicht von außen entfaltet wird — die Erziehung seitens der Eltern kann eine ähnlich negative Rolle haben wie Klimakatastrophen für die Flora — dann verkümmert das Wachstum seelisch und geistig. Das Stammhirn ist immer gesund; der Körper nimmt stellvertretend die Leiden des limbischen Systems und des Großhirns, also von Seele und Geist auf sich.

    Der Sitz der Aufmerksamkeit ist im Stammhirn; das Wollen als der seltsame Attraktor hat nicht nur Zugang zu den Funktionen, sondern auch zu den Bereichen. Das Kind ist immer aufmerksam. Die beiden tierischen Instinkte der Selbst- und Arterhaltung wirken sich als Streben nach Bedürfnisbefriedigung, also herunter zum Fühlen und nach Spiel, nach Sachzuwendung, also nach oben aus. Ein richtig erzogenes Kind ist immer aufmerksam; ein Mangel ist auf falsche Einflüsse von Eltern und Lehrern zurückzuführen; bei den Lehrern, wenn sie die Stufen nicht kennen, und bei den Eltern, wenn sie ihre seelischen Probleme in der Psyche des Kindes austragen. Der Schwerpunkt des Körpers ist die Achse der Selbstorganisation. Ruhend wird diese durch die Disziplin des Yoga erweckt, in der Bewegung durch die chinesisch-japanischen Kriegskünste.

    Entscheidend für die Entfaltung des fünften Chakras ist das Erwecken der propriozeptiven Nerven des Tastsinnes. Man kann von innen her seinen Körper spüren, seine große Zehe, sein Herz und seine Leber. Wenn man im Bereich von Ida, also mental im Sinne des Mondes, eine labile Leibvorstellung entwickelt hat, den kinästhetischen Körper, wird man fähig, die Anlage wirklich zu begreifen und zu entfalten.

    Das Wachstum des Körpers setzt sich seelisch und geistig fort. Das Selbst inkarniert sich gemäß der Motivation des vorigen Lebens in einem bestimmten Elternpaar während der Befruchtung und Polarisation. Die besondere Kombination der Erbelemente wird bei der Geburt im ersten Atemzug durch das Horoskop tragend, das bevorzugte zeitliche Assoziations­bahnen prägt. Die gleichen Anlagen können die verschiedensten Ausprägungen zeitigen, so wie Eltern unterschiedliche Charaktere als ihre Kinder haben. Das Selbst der Anlage hat als inhaltliche Bestimmung eine Motivation, die bis zur Schöpfung im Quant zurückreicht. Daher sind die ursprünglichen Ausdrücke der vier Triebe — Nahrung, Sicherung, Aggression und Geschlecht, also die Rückbindung vom Wollen zum Fühlen — entscheidend dafür, daß die Selbstorganisation eingreifen kann.

  6. Die beiden Parameter des limbischen Systems sind Lust und Schmerz. Jedes Erleben das schmerzhaft war, wird im Sinne des bedingten Reflexes ganzheitlich abgeblockt, und jedes lustvolle tendiert nach Wiederholung. Das affektive Gedächtnis, das zu den ererbten Verhaltensweisen hinzutritt, läßt sich als Bogen veranschaulichen: sobald ein Element des Reflexbogens angeregt wird, läuft der ganze ab. So ist die affektive Erinnerung des limbischen Systems nicht eine Bibliothek sondern eine Diskothek.

    L u s t · S c h m e r z · R e f l e x b o g e n

    Nun ist aber die menschliche Erinnerung sprachlich, die Kontinuität des Ich wird über das Wort erreicht. Hieraus entsteht die paradoxe Situation, daß gefühlsmäßig schmerzhafte Erinnerungen Kraftgewinn bedeuten, wenn ein positiver Sinn verstanden und damit geschaffen wird. Die Sprache hat ihre Herkunft in den neun Ziffern der Grammatik, die über Sinn und Unsinn entscheidet. Das Subjekt der Erinnerung ist nicht mehr das Selbst, sondern dieses wird als Motivation zur erfahrbaren Vergangenheit, indisch zum Karma, das als Motivation die Inkarnationen überdauert.

    Das Wesen ist der Wortleib, mit dem man sowohl mit Mitmenschen als auch dem Selbst, mit Gott und mit allen Wesenheiten des All in Beziehung treten kann. Bei jedem Opfer spricht der Indianer die Worte aus: für alle meine Verwandten. Der Mensch ist Bruder und Schüler der Tiere, denn sie sind über die Arterhaltung, die stärker ist als die Selbsterhaltung, mit dem Göttlichen in Kommunion; sie irren sich nie im Wollen.

    Geist, Seele und Körper erscheinen in der Gestalt dreimal:

    • Im Kopf als Stirn, Augen und Ohren, Mund und Kinn.
    • Im Rumpf als Kopf, Herz und Bewegungsmitte,
      mit den Chakras Seele, Wollen und Denken;
    • und im Körper Kopf·Geist, Rumpf·Seele und Becken, Beine·Körper.

    Die Assoziationen der Sprache, also des Denkens, haben in den drei Rumpfbereichen verschiedene Geschwindigkeiten. Der Körper hat die Resonanz des Schalls im festen Zustand, sie ist am höchsten. Die Seele die Resonanz des flüssigen und der Geist im luftigen Bereich, weshalb die drei Aggregatzustände in den meisten alten Sprachen dieserart bezeichnet wurden; griechisch

    • Soma - stofflich,
    • Psyche - flüssig,
    • Pneuma - luftig.

    So kann auch die große Atmung des Yoga — 1 Bronchien, 2 Flanken, 3 Bauch (im Einatmen), 1 Bauch, 2 Flanken, 3 Bronchien (im Ausatmen) — eine momentane Vereinigung der drei Bereiche erzielen, wenn die traumatischen Widerstände nicht zu groß sind.

    Der physisch-energetische Leib hat seine Lebenskraft aus der Selbstorganisation, indisch der Erdgöttin. Der Wortleib hat seinen Ursprung im Urkreuz der Zahlen als Träger der Information, also dem Nullpunkt des Kreises im Ich. Somit kann man die Seele nur anjochen — und das meint der Name Ajna, Gehorsam — wenn man alle Erfahrungen und Erlebnisse im Sinne der Psychoanalyse als sinnvoll, gut und letztlich lustbringend betrachtet. So muß das Leid als Schritt zu einem neuen Sinn, einer neuen Integration positiv bewertet werden. Jedes Trauma der Seele ist ein Schritt auf dem Weg zur Vollendung. Wenn dieser nicht getan wird, dann äußert sich das Trauma anfänglich als Verspannung eines Körperglieds, später als Leiden und schließlich als Krankheit.

  7. Der Körper als Schwerkraftserleben ist einfältig, die Seele mit den Parametern von Lust und Schmerz im limbischen System zweifältig. Der Geist, das Sahasrarachakra, ist vierfältig. Er wechselt zwischen den vier Schichten von Wachen, Vorstellung, Traum und Schlaf, wobei Schlaf aktiv die Aufmerksamkeit befreit. Der seltsame Attraktor stellt beim gesunden Menschen während eines Drittels der Zeit, acht Stunden, die Vitalität im Tiefschlaf wieder her, soweit dies möglich ist.
    Jede der Schichten ist durch verschiedene Schwingungsbänder gekennzeichnet:
    • das Wachen durch die Betawellen zwischen 16 und 32 Hertz;
    • die Vorstellung durch die Alphawellen von 8 bis 15 Hertz;
    • der Traum durch die Thetawellen von 4 bis 7 Hertz,
    • und der Schlaf, aber auch gleichzeitig die Schwingung der Aufmerksamkeit in den Deltawellen zwischen 2 und 3 Hertz.

    Das Subjekt im Gewahrsein schwingt mit 1 Hertz im Sekundenrhythmus, also im Tonwert e, zwischen Beobachtung und Erinnerung, linker und rechter Hemisphäre. Es ist sozusagen Hertz an sich, das kleinste Zeitmaß, das nicht bewußt wird, sondern aus dem Gewahrsein Bewußtsein schafft.

Arnold Keyserling
Das magische Rad Zentralasiens · 1993
Schlüssel der Urreligion
© 1998- Schule des Rades
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